Schmuck sehen sie aus, aber leider werden sie nicht wie vereinbart fertig: die neuen Züge für die Stuttgarter Netze Foto: dpa

Am 9. Juni soll der neue Bahnbetreiber Abellio mit der ersten Linie der Stuttgarter Netze starten. Er übernimmt die Aufgabe von der DB Regio. Doch nun gibt es Probleme. Der Hersteller Bombardier kann die Züge nicht liefern. Was hat das für Folgen?

Stuttgart - Der Zughersteller Bombardier enttäuscht die Bahnfahrer beim wichtigen Pilotprojekt im Südwesten erneut. Zum Start des neuen Anbieters ­Abellio am 9. Juni auf dem Stuttgarter Netz werden auf der ersten Linie bis Pforzheim und Heidelberg vorerst überhaupt keine neuen Züge fahren. Denn Bombardier hält die Verträge und Lieferzusagen nicht ein. Das wurde unserer Zeitung von Abellio und der Landesregierung bestätigt.

Dort ist man richtig sauer. „Bombardier ist erneut wortbrüchig geworden“, erklärte eine Abellio-Sprecherin. Das Vertrauen in den lange Zeit größten Bahnhersteller der Welt sei „nachhaltig erschüttert“. Erst im Februar hatte Bombardier eingeräumt, statt der vertraglich vereinbarten 16 nur zehn Züge zum Betriebsstart liefern zu können. Nun klappt nicht mal das.

Abellio leiht Züge aus – auch von DB Regio

Abellio hatte auf das späte Eingeständnis ebenso wie Landesverkehrsminister Winfried Hermann mit scharfer Kritik reagiert und dann einen Plan B entwickelt. Jetzt aber sei klar, dass sogar bestenfalls sechs neue Fahrzeuge pünktlich kommen, „wenn überhaupt“, so die Sprecherin. Das aber reiche für das Ersatzkonzept nicht.

Deshalb will der Anbieter nun Plan C umsetzen, der schon in der Schublade lag, weil man Bombardier nicht mehr traute. Demnach sollen vorerst komplett geliehene Züge der DB Regio, der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und der Agilis Verkehrsgesellschaft fahren. Man sei optimistisch, ausreichend Fahrzeuge zu erhalten.

Weniger Komfort für Fahrgäste

Für Reisende und Pendler bedeutet der Lieferverzug, dass auf den Strecken zwischen Stuttgart, Mühlacker, Pforzheim/Bretten und Heidelberg vorerst weiter ältere Züge fahren. Anders als die bestellten Bombardier-Modelle Talent 2 im schmucken weiß-gelb-schwarzen Landesdesign werden die Gebrauchten kein WLAN an Bord haben. Die neuen Fahrpläne sollen fast unverändert bleiben, je nach Ersatzzug gibt es teils weniger und auch mehr Sitzplätze. Auch Klimaanlagen können anders als im bestellten Talent fehlen. Für Minister Hermann (Grüne) und die Landesregierung ist die Unzuverlässigkeit von Bombardier bei ihrem Musterprojekt besonders ärgerlich. Für die Stuttgarter Netze hatte zuvor die bundeseigene Deutsche Bahn AG unter der früheren CDU-Regierung in zeitlicher Nähe zur Entscheidung für Stuttgart 21 hoch bezuschusste Langzeitverträge erhalten. Hermann ließ die Strecken nach seinem Amtsantritt erstmals ausschreiben.

Zu weit günstigeren Kosten für die Steuerzahler erhielten Abellio, ein Ableger der holländischen Staatsbahn, und die britische Go-Ahead den Zuschlag, die DB zog den Kürzeren. Im Auftrag der landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg bestellten die künftigen Betreiber darauf die Züge. Bombardier bekam für das Abellio-Netz den Zuschlag, der Schweizer Hersteller Stadler mit seinen Flirt-Zügen bei Go-Ahead. „Wir sind höchst verärgert, dass Bombardier seine Zusage auf pünktliche Lieferung der Züge nicht eingehalten hat“, sagte Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium. Auch andere Kunden seien von Lieferproblemen betroffen, die Zuverlässigkeit des Unternehmens stehe nun auf der Tagesordnung.

Verschärfte Sicherheitsnormen

Auf Anfrage begründete ein Bombardier-Sprecher den Lieferverzug knapp mit verschärften Sicherheitsnormen für Züge in Europa. Die Software sei nicht rechtzeitig fertig geworden, das Zulassungsverfahren laufe aber „auf Hochtouren“. Beim Eisenbahn-Bundesamt hört sich das anders an. Zwar habe Bombardier für die Stuttgarter Talent-Züge 2016 „formal“ die Genehmigung zur Inbetriebnahme beantragt. Die Unterlagen und Dossiers seien aber „erst vor wenigen Tagen“ eingegangen. Nach Abellio-Angaben hat Bombardier die Lieferprobleme auch mit Verzögerungen beim Bau der Wagenkästen begründet, die aus Tschechien kommen. Der Hersteller habe nun versprochen, im August alle 16 Züge zu liefern, so die Abellio-Spre­cherin. Bombardier sei verpflichtet, für fristgerechte Zulassung der neuen Züge zu sorgen. Man hoffe, dass bald der Regelbetrieb mit den bestellten Fahrzeugen starte und die weiteren Linien des Stuttgarter Netzes ab Dezember 2019 und Juni 2020 in Betrieb genommen werden können.

Nun gehe es aber erst einmal darum, einen stabilen Verkehr auf der wichtigen Linie zu sichern. Danach will Abellio Schadenersatzansprüche gegen Bombardier prüfen, so die Sprecherin.

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