Das Uhlbacher Lädle steht seit Jahren leer – es findet sich kein Betreiber Foto: Jan Reich

Mit Infografik - In vielen Teilen der Stadt bricht die Nahversorgung weg. Nun sollen Experten vorschlagen, wie zwölf stark betroffenen Bezirken zu helfen ist. „Die Konzepte reichen vom Ortsbus bis zum Wochenmarkt“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht.

In vielen Teilen der Stadt bricht die Nahversorgung weg. Nun sollen Experten vorschlagen, wie zwölf stark betroffenen Bezirken zu helfen ist. „Die Konzepte reichen vom Ortsbus bis zum Wochenmarkt“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht. In diesem Teil unserer Serie blicken wir auf Uhlbach.

Stuttgart - So sollte es eigentlich sein. Ein kleiner Lebensmittelmarkt mitten im Stadtteil, bei dem jeder seinen täglichen Einkauf macht. Das leistete das „Uhlbacher Lädle“ lange Zeit, ehe es vor etwa drei Jahren für immer zumachte. Seitdem tat sich nichts. Im Gegenteil: Weitere Läden schlossen. Auch die Apotheke hat dichtgemacht.

An guten Ideen mangelte es nicht, das gute alte Lädle wiederzubeleben. Aber bisher scheiterte alles an den schlechten Bedingungen. Denn der Vorbesitzer hat jahrzehntelang keinen Cent in die Immobilie investiert. Stadtteilmanager Torsten von Appen schätzt den Investitionsbedarf für Renovierungen daher auf rund 500 000 Euro. Mehr noch: Die Immobilie am Uhlbacher Platz hat noch einen weiteren Haken. Sie kann nur zur Hälfte gewerblich genutzt werden. Die andere Hälfte sind Wohnungen. All das schreckt potenzielle Betreiber ab.

Nahversorgung

Auf absehbare Zeit wird es also kaum ein neues Lädle an diesem Platz geben. Höchstens ein Café, für das sich eine Bürgerinitiative derzeit einsetzt. Hinzu kommt noch: Der Bäcker im Ort öffnet nur noch halbtags. „Vielleicht schaffen wir es aber doch noch, einen kleinen Edeka-Markt anzusiedeln“, sagt Heike Mayer vom Handels- und Gewerbeverein (HGV) Obertürkheim/Uhlbach, „aber das steht in den Sternen.“

Ohne diesen Funken Hoffnung bedeutet das für die Uhlbacher: Der Berg ruft. Und zwar abwärts auf der Asangstraße Richtung Obertürkheim zum CAP-Markt. Oder in einen großen Supermarkt in den Neckarvororten.

Seit etwa sechs Wochen gibt es allerdings eine weitere Alternative. Jeden Mittwoch machen neun Händler am Uhlbacher Platz Station. Der Wochenmarkt bietet von 11 bis 18 Uhr ein breites Sortiment für den täglichen Bedarf: Obst, Gemüse, Geflügel, Fisch, Wurst, Fleisch, Marmelade, Liköre und Blumen. Oberbürgermeister Fritz Kuhn erklärte bei der Eröffnung in festlichem Ton: „Das zeigt, wie wichtig der Stadt der Erhalt der Nahversorgung in Uhlbach ist.“

Aber bei der Eröffnung gab es auch mahnenden Worte nach dem Motto: Jetzt müsse sich auch im Einkaufsverhalten der Uhlbacher zeigen, dass es eine echte Nachfrage gebe. Die Bürger müssten den Markt auch annehmen. Tatsächlich könnte der Musterfall Uhlbach dann zeigen, ob die Wochenmarkt-Lösung auch für andere Brennpunktgebiete in Stuttgart tragfähig ist.

Kann ein Wochenmarkt einen Laden ersetzen, der sechsmal in der Woche geöffnet ist? „Natürlich nicht, aber der Markt ist besser als nix“, lautet der Tenor einer Blitzumfrage am Urbanbrunnen. Auch Maria ­Kochenberger (80) stimmt in den Chor mit ein: „Wir haben ja nichts mehr, seit das Lädle zu ist. Deshalb finden wir den Wochenmarkt super.“

Für sie selbst bedeutet der Markt eine enorme Erleichterung: „Früher musste ich jede Woche mit dem Auto meiner Kinder zum Einkaufen gefahren werden. Jetzt reicht es alle 14 Tage.“

Aber auch Sandra Eisel (33) schätzt die neue Einkaufsmöglichkeit: „Ich arbeite bis 13 Uhr. Daher finde ich die lange Öffnungszeit ganz geschickt.“ Die Seniorin Marie-Luise Krumpen ergänzt: „Ich finde die Markt-Idee super und unterstütze sie nach Kräften.“ Obwohl sie von vielen Uhlbachern bisher nur „positive Rückmeldungen“ zum Markt bekomme, hofft sie, „dass auch alle dabeibleiben und in den Wintermonaten einkaufen“.

Das hoffen auch die Beschicker., die bisher hochzufrieden mit den Geschäften sind. Auch weil die Märkte Stuttgart GmbH viel Anschubhilfe geleistet habe, indem sie die ersten vier Wochen keine Standgebühr verlangte. „Es läuft ganz gut“, sagen etwa Octay Günay (Brot) und Stephen Penaluna (Marmelade, Honig und Liköre). Nach ihren Beobachtungen kommen „morgens die Rentner, mittags die Mütter mit ihren Kindern und am Nachmittag die Schichtarbeiter vom Daimler“. Nur die letzte Stunde lohne sich noch nicht.

Ein Gewinn sei der Markt dennoch für alle, meint Likörhändler Penaluna: „Ich glaube, die soziale Komponente des Marktes ist noch wichtiger als die Versorgungskomponente.“ Penaluna erlebt es immer wieder, dass für die Kunden der Markt ein Stück Lebensqualität biete: „Im Gegensatz zum Einkauf im Supermarkt, wo alle nur gehetzt den Wagen füllen, nimmt sich hier jeder Zeit. Man kauft viel bewusster ein.“

Vor allem preisbewusster. Eine Kundin, die ihr Obst und Gemüse am Stand von Alexander Kirsch kauft, hat eifrig nachgerechnet: „Beim Discounter zahle ich für Auberginen aus dem Ausland im günstigsten Fall 39 Cent für 100 Gramm. Hier auf dem Markt zahle ich 60 Cent, aber der Geschmack ist mindestens doppelt so gut. Außerdem sind sie von hier.“

So kann man es auch sehen. Neue ­Perspektiven verändern oft Meinungen. Dies gilt auch für den Blick der Uhlbacher auf ihre Nahversorgung. Von der Hoffnung, dass die guten, alten Zeiten des „Lädle“ wieder kommen, haben sich die meisten verabschiedet. HGV-Chefin Heike Mayer bringt es auf den Punkt: „Natürlich wäre es das Nonplusultra, wenn wir wieder einen Laden hätten. Aber das scheint unter diesen Rahmenbedingungen illusorisch. Daher ist dieser Wochenmarkt eine gute Alternative für Uhlbach.“

Vielleicht sogar mehr als das. Nämlich ein Vorbild für andere Nahversorgungsbrennpunkte in der Stadt.

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