In der Altstadt brodelt es: Rund um die Uhu-Bar prallen Interessen von Nachbarn aufeinander. Wird zu heftig gefeiert? „Es läuft aus dem Ruder“, ist zu hören. Die Stadt schreitet ein.
Über dem Eingang der Uhu-Bar hängt noch eine alte Leuchtreklame, die an die Vergangenheit des Hauses erinnert: Einst stand dort auf rotem Grund „Eros Nr. 1“. Heute ist das Wort „Eros“ durchgestrichen – die Prostitution hat längst die Leonhardstraße 4 verlassen. Geblieben ist die „Nummer eins“ auf dem Schild: So sehen sich die heutigen Macher, wenn auch in neuer Rolle – als Nummer eins im jungen Partyleben der Stadt.
Im Viertel ist ein Konflikt um die Uhu-Bar entbrannt. Immer wieder versammeln sich in den Nächten zahlreiche Gäste nicht nur in der Bar selbst, sondern auch davor auf der Straße. Dort mischen sie sich mit Passanten. Die nur für den Gehweg genehmigte Außenbewirtung breitet sich damit oft weiter aus, als es die Konzession erlaubt. Plötzlich stehen Stühle auf der Straße. Was nach ausgelassener Feierstimmung aussieht, sorgt bei Anwohnern, anderen Gastronomen und auch bei Betreibern von Laufhäusern zunehmend für Unmut. „Alles läuft aus dem Ruder“, ist zu hören. Die Leonhardstraße sei nach wie vor eine Durchfahrtstraße für Anwohner.
Genervte Nachbarn schreiben Beschwerdebrief an die Stadt
Deniz Sever von der Feinkostbar L’Hommage direkt daneben „gönnt jedem Kollegen nur das Beste“. Doch was in der Uhu-Bar in manchen Nächten geschehe, gehe auf Kosten aller in der Straße. Immer wieder beobachtet sie, wie junge Menschen „Getränke aus dem Rewe“ mitbringen und auf der Straße Party machten bis früh morgens: „Das ufert aus!“
Genervte Nachbarn haben einen Beschwerdebrief an die Stadtverwaltung geschrieben. Darin ist von „katastrophalen Zuständen“ die Rede: Die Bar schenke Getränke in Flaschen und Gläsern auf die Straße hinaus, Gäste würden die Fahrbahn blockieren, Rettungsdienste könnten nicht mehr ungehindert passieren.
„Der Notarzt musste zweimal am Leonhardsplatz parken und zu Fuß durch die Straße laufen – das ist in dieser Form nicht mehr hinnehmbar“, steht in dem Brief, den Laufhaus-Chef John Heer im Namen von Gastronomen und Gewerbetreibenden geschrieben hat. Darüber hinaus sei im Obergeschoss der Bar, in den früheren Zimmern der Prostituierten, offenbar eine Diskothek eingebaut worden, was nicht erlaubt sei. Dass trotz Sperrstunde weiter Alkohol nach draußen verkauft werde, verstoße klar gegen die Konzessionsauflagen.
Die Betreiber weisen die Vorwürfe zurück. Seit zwei Jahren sei die Uhu-Bar ein Treffpunkt für junge Menschen, Studierende, Künstlerinnen und Künstler – Menschen, die in Stuttgarts Clubszene keinen Platz fänden oder sich dort nicht wohlfühlten, erklärt einer der Chefs, der nicht namentlich genannt werden will.„Bei uns ist jeder willkommen, egal, woher er kommt oder wen er liebt“, betont er. „Wir bringen Kultur ins Viertel.“ Neben Kleinkunst und Ausstellungen gehe es vor allem um Begegnung und Austausch – eine Alternative „zur reinen Kommerzgastronomie“.
Von aggressiven Gästen könne keine Rede sein
Manche Gäste würden auch mal nach draußen gehen, frische Luft schnappen, in jeder anderen Straße werde dies als „urbanes Leben“ gefeiert. Viele der Menschen auf der Straße seien gar keine Uhu-Besucher, so der Betreiber. Die Leonhardstraße sei ab 14 Uhr eine Fußgängerzone, wo sich jeder aufhalten dürfe.
Von aggressiven Gästen könne keine Rede sein: Die Außenbestuhlung werde um Punkt 1 Uhr nachts abgebaut, für Polizei und Rettungsdienste mache man jederzeit Platz. „In zwei Jahren gab es nicht einen Polizeieinsatz wegen Gewalt“, erklärt der Uhu-Wirt. Auch beim Palast der Republik und rund um den Hans-im-Glück-Brunnen sei es oft sehr voll, was man den Barbetreibern nicht anlasten könne. Die Feier im Obergeschoss sei eine private Veranstaltung gewesen und habe nichts mit der Barkonzession zu tun, fährt er fort. „Unsere Türsteher achten darauf, dass Frauen und Passanten vor Belästigung des Prostitutionstourismus und von Drogenabhängigen geschützt werden“, erklärt der Gastronom, denn das seien die Störfaktoren des Viertels.
Über solche Aussagen können sich andere Gastronomen der Straße nur wundern. „Die Uhu-Leute tun gar nichts, wenn Gäste gegen die Regeln verstoßen“, sagt ein Nachbar, „ich habe noch nie eine Ansage an die Gäste gehört – das macht dann die Polizei über Lautsprecher.“ Und eine Wirtin meint: „Die Freier belästigen niemanden. Die sind doch nicht blind und können eine Prostituierte von einer Partygängerin unterscheiden. Die Freier stören uns nicht. Sie gehen einem Bedürfnis nach, ganz legal, und die Frauen, die sich für diesen Beruf aus welchen Gründen auch immer entschieden haben, können ihrer Arbeit in dieser Straße sicher nachgehen.“
Im Rathaus gehen wieder mehr Beschwerden über Lärm in der Altstadt ein
Auch im Rathaus ist das Thema angekommen. „Uns erreichen wieder mehr Beschwerden über Lärm im Leonhardsviertel“, sagt Pressesprecher Sven Matis. Der Grund dafür sei, dass „einige Gaststätten auf Disco-Betrieb umgestellt“ hätten, obwohl es dafür keine Erlaubnis gebe – „weder baulich noch rechtlich“.
Aufgrund des Disco-Betriebs seien mehr Menschen auf der Leonhardstraße – und dort eben nicht in Zimmerlautstärke – unterwegs, so Matis. Auch daher rührten Beschwerden. Die Stadtverwaltung sei bereits für Kontrollen vor Ort gewesen und habe Verfahren gestartet, um die unerlaubten Betriebe auf den genehmigten Zustand zurückzuführen. „Neu ist für uns, dass auch Rettungsfahrzeuge bei ihrer Arbeit behindert worden wären“, so die Pressestelle.
Am vergangenen Samstag hat die Gaststättenbehörde im Leonhardsviertel kontrolliert. Wie die Wirte berichten, hätten die Kontrolleure darauf geachtet, dass die Außenbestuhlung auf dem Gehweg bleibt und nicht bis auf die Straße reicht.
Mancika Kohler-Kešinović, die Wirtin der Weinstube Fröhlich, sagt, sie sei seit 23 Jahren im Viertel tätig. In dieser Zeit habe sie immer wieder Konflikte erlebt. Ein friedliches Miteinander könne es nur geben, wenn sich alle an die Regeln halten würden. Aufgabe der Stadt sei es, mit Kontrollen dafür zu sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden.
„Normaler Kneipenbetrieb wie in den 80ern funktioniert nicht mehr“
Der Wirt der Uhu-Bar erklärt: „Unser Ziel ist es nicht, die Straße zu leeren, damit Freier ungestört in die Laufhäuser kommen.“ Zu manchen Zeiten, etwa zum CSD oder bei anderen Stadtereignissen, sei es so voll im Leonhardsviertel, „dass wir einen Einlassstopp verfügen und keine Getränke nach außen verkaufen“. An die Stadt appelliert er zu berücksichtigen, dass sich das Ausgehverhalten geändert habe.
„Ein normaler Kneipenbetrieb wie in den 80ern funktioniert nicht mehr“, sagt er. Die Konzession sei veraltet, weil da unter anderem immer noch etwas von der Juke-Box steht. Seine Befürchtung: „Falls die Stadt da hart durchgreifen will, wird es ein massives Kneipensterben geben. Die wenigsten gehen in die Kneipen nur zum Saufen. Diese Zeiten sind vorbei.“
In aller Regel ist nur leise Hintergrundmusik in den Gaststätten erlaubt
Für die Stadt stellt Sven Matis, der Leiter der Pressestelle im Rathaus, klar: „Das Betriebskonzept von Gaststätten hat den Rahmen der jeweiligen Baugenehmigung zu achten. Eine Überschreitung geht nicht. Für besondere Betriebsformen wie für Diskotheken braucht es eine behördliche Genehmigung. Es macht einen Unterschied, ob sich Menschen bei Speis und Trank unterhalten oder ein DJ laute, tanzbare Musik mit Bass und Wumms auflegt.“ Für die Bars im Leonhardsviertel sei in aller Regel also nur leise Hintergrundmusik erlaubt, kein Discobetrieb.
Dass der Gemeinderat im vergangenen Winter einen neuen Bebauungsplan für das Leonhardsviertel verabschiedet hat, blieb bisher ohne Folgen. Weiterhin gibt es in der Altstadt illegale Laufhäuser, und der Streit zwischen Nachbarn wird immer schärfer geführt. Ohne Regeln und Rücksichtnahme, sagen Beobachter, wird es nicht gehen. Ob sich das Quartier zu einem zukunftsfähigen Ort zwischen Tradition, Nachtleben, Gewerbe, Kultur und Wohnraum entwickeln könne, wie vom Gemeinderat gewünscht, hänge davon ab, ist zu hören, ob Stadt, Gastronomen und Anwohner einen tragfähigen Kompromiss finden. Die nächsten Monate dürften zeigen, ob das gelingt – oder ob der Konflikt weiter eskaliert.