Eltern werden, aber bitte gleichberechtigt zuständig sein. Das war der Wunsch unserer Autorin, bevor sie Mutter wurde. Nun macht sie den ernüchternden Realitätscheck.
Mein Partner gehört zu einer Art Rarität in Deutschland. Er nimmt länger als zwei Monate Elternzeit. Das macht hierzulande nur etwa jeder zehnte Mann. Als wir feststellten, dass ich schwanger bin, hatten wir uns vorgenommen, gleichberechtigte Eltern zu werden. Das bedeutet: Den ersten Monat nach der Geburt waren wir gemeinsam zu Hause, danach ich acht Monate, nun er acht Monate.
Unser Ziel war es, dass unser Sohn merkt, dass Papa sich genauso umfassend und liebevoll um ihn kümmert wie Mama. Außerdem haben wir eine gemeinsame Handy-Notiz angelegt, in der wir alles notierten, was wir besorgen und organisieren müssen rund ums Baby - sodass der Mental Load, also die Planungs- und Koordinierungsaufgaben, fair verteilt werden.
Stillen sorgt für klares Ungleichgewicht
Nun muss ich feststellen: Unser Versuch ist gescheitert. Wir teilen uns nicht alles rund um unseren Sohn 50:50 auf. Das zeigt sich etwa daran, dass ich mich komplett allein um seine Kleidung kümmere: zu klein gewordene Stücke aussortiere, neue Teile kaufe, Tauschgeschäfte mit Freundinnen organisiere. Und es zeigt sich auch daran, dass ich seit der Geburt kein einziges Mal abends länger als bis 22 Uhr weg war. Das liegt daran, dass unser Sohn abends und nachts eigentlich nur durch Stillen zu beruhigen ist, Fläschchen lehnt er kategorisch ab. So gesund und schön Stillen auch ist; leider ist es auch ein bedeutender Grund dafür, warum aus vielen gleichberechtigten Paaren nicht-gleichberechtigte Eltern werden. So auch wir.
In den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt stillen Frauen laut Untersuchungen im Schnitt zwölf Stunden pro Tag beziehungsweise Nacht. Ist das Baby zwischen drei und sechs Monaten alt, so sind es rund zweieinhalb Stunden pro Tag und Nacht. Das sind immer noch 17 Stunden pro Woche. Und zumindest bei unserem Sohn, er ist nun neun Monate alt, ist ein Ende des Stillens nicht in Sicht.
Diese Hunderte Stunden, in denen ich unser Baby gestillt habe, kann mein Partner zum einen unmöglich kompensieren. Zum anderen führt das Stillen dazu, dass die meisten Babys ihre Mutter als Hauptbezugsperson ansehen. Wenn unser Sohn verzweifelt weint, muss meistens ich ihn trösten. Und in meinem Umfeld ist es oft Thema, dass wenn ein Vater probiert, das Kind abends ins Bett zu bringen, dieses so laut und anhaltend brüllt, bis eben doch die Mutter kommt. Bei uns war dies auch die ersten sieben Monate lang so. Erst der gemeinsame Urlaub, in dem unser Sohn nicht nur mich, sondern auch seinen Papa von morgens bis abends erlebt hat, hat dazu geführt, dass er nun auch ihn beim Zubettbringen akzeptiert.
Eigene Bedürfnisse besprechen und ernst nehmen
Das mag nun alles sehr frustrierend klingen. Und ich gebe zu: In mancher Nacht, wenn ich das fünfte oder sechste Mal gestillt habe, während mein Partner neben mir geschlafen hat, war ich wütend über dieses Ungleichgewicht. Doch in den vergangenen Monaten habe ich auch gemerkt, dass es mir nicht darum geht, alles genau 50:50 aufzuteilen. Es geht um etwas anderes: dass auch meine Bedürfnisse zählen. Und dies ist vielleicht ein Tipp für alle Paare, die zum ersten Mal Eltern werden: Sprecht offen und immer wieder neu über eure Bedürfnisse! Denn wenn ihr das nicht tut, ist ziemlich sicher die Frau bald überlastet, der Mann frustriert oder verunsichert.
So ist es für mich zum Beispiel okay, dass ich nachts stille, wenn dafür mein Freund aufsteht, um die Windel zu wechseln. Für mich war zudem essenziell, dass mein Freund nicht nachts auf die Couch umzieht. Schließlich sehe ich meinen Job – rund um die Uhr ein Baby zu betreuen – als genauso wertvoll und fordernd an wie seine Arbeit, die Geld bringt. Was mich unterdessen durch viele anstrengende Tage getragen hat: Morgens, bevor mein Freund arbeiten ging, hatte ich rund eine halbe Stunde Zeit für mich - ohne Baby. Meistens habe ich mich dann kurz mit Sport ausgepowert. Dass mein Freund dieses Bedürfnis gesehen und ernst genommen hat, hat unserer Beziehung gut getan.
Meine Elternzeit endet nun, in wenigen Tagen gehe ich wieder arbeiten, während mein Partner zu Hause bleibt. Ich bin gespannt, ob ich dann auch den Mental Load abgeben kann. Noch finde ich es ehrlicherweise beängstigend, so viele Stunden von meinem Baby getrennt zu sein. Aber wenn mich die Angst übermannt, hilft es mir, daran zu denken, was wir uns vorgenommen hatten vor der Geburt: Wir wollten gleichberechtigte Eltern werden. Ich weiß inzwischen, dass dies nicht komplett möglich ist. Aber ein erster Schritt hin zu gleichberechtigter Elternschaft ist, dass der Mann Elternzeit nimmt. Und zwar länger als zwei Monate.
Die Autorin
Julia Bosch
(33) ist Redakteurin unserer Zeitung und wurde Anfang 2025 Mutter. Während ihrer Elternzeit wird sie in mehreren Artikeln erzählen, wie ihre Vorstellungen übers Muttersein mit der Realität zusammenprallen. Sie lebt mit Freund und Sohn in Stuttgart. Hier geht’s zu den bereits veröffentlichten Artikeln.