Nach langer Verletzungspause steigt der Stuttgarter MMA-Kämpfer Christian Jungwirth wieder in den Käfig. Im Interview verrät er, wie herausfordernd der Sport für das Familienleben ist.
Christian Jungwirth will es wieder wissen: Am 22. November steigt der Stuttgarter MMA-Kämpfer im SAP Garden bei „Oktagon 80“ in München wieder in den Käfig. Wir haben ihn beim Training in Kongs Gym in Vaihingen begleitet. Der 38-Jährige spricht über seinen Absturz und Aufstieg, den knallharten Kampfsport Mixed Martial Arts und er zeigt auch seine persönlich-private Seite. Außerdem äußert sich der Athlet zu seiner Beziehung zum VfB – und zu seinem Rivalen Christian Eckerlin aus Frankfurt.
Herr Jungwirth, Sie sind eng mit dem VfB verbunden, haben dort früher Fußball gespielt und tragen gerade ein VfB-Trikot beim Training. Am Donnerstag spielt Ihr Verein wieder in Stuttgart. Gönnen Sie sich im Stadion ein paar Bier?
Ich würde so gerne hingehen, aber Bier gibt es während meiner Vorbereitung auf einen Kampf sowieso nicht, das geht nicht. Und ins Stadion kann ich leider auch nicht gehen, vor allem wegen der Erkältungswelle ist mir das zwei Wochen vor dem Kampf einfach zu riskant. Deswegen schaue ich mir das Spiel ganz bequem zu Hause an.
Wo landet der VfB am Ende der Saison?
Ich denke in den Top-Fünf der Bundesliga und wieder Europa League. Weil Champions League ist nix für den VfB.
Sie verdienen Ihr Geld damit, mit anderen Männern in einen Käfig zu steigen und sich mit ihnen zu schlagen. Warum tut man so etwas?
Du brauchst einen positiven Schaden für den Sport. Ein normaler Mensch macht so etwas nicht. Und ich war noch nie normal – ich war schon immer extrem, schon immer der Extremste in meinem Freundeskreis. Ich war immer der Erste, der irgendwo runtergesprungen ist, von einer Garage in einen Schneehaufen aus fünf Metern Höhe und solche Sachen. Ohne zu überlegen, einfach gemacht. Das ist manchmal Fluch und Segen zugleich. Aber so bin ich halt.
Hat der Sport Sie zum Positiven hin verändert?
Auf jeden Fall. Als mir mit 22 klar wurde, dass ich aufgrund einer Verletzung kein Fußballprofi mehr werden kann, bin ich in ein Loch gefallen. Dann ging es halt los bei mir mit Partys, Alkohol, Drogen, Depressionen. Dann bin ich in die Fußballszene beim VfB reingekommen, was mir ein bisschen Halt gegeben hat. Da habe ich angefangen zu kämpfen.
Erklären Sie das.
Ja, auf dem Acker mit anderen Fußballfans. Da habe ich gemerkt, das Kämpfen macht mir Spaß, das liegt mir. Dann habe ich irgendwann mit dem Boxen angefangen und schnell gemerkt, wie der Ehrgeiz von damals zurückkehrte – das Feuer, das brennt wieder.
Für den Sport, wie damals beim Fußball.
Ja. Dann habe ich in Stuttgart trainiert und kam ins Kongs Gym. Weil ich was gesucht habe, wo ich nach der Spätschicht morgens trainieren kann. Also habe ich damals um 8 Uhr morgens die Kleine in den Kindergarten gebracht, bin dann nach Stuttgart gefahren, habe von 10 bis 12 Uhr trainiert, bin zurück nach Ellwangen gefahren, habe meinen Blaumann auf dem Parkplatz schnell angezogen und wieder gearbeitet. Als nach und nach mehr Sponsoren kamen, hatte ich die Möglichkeit, meinen Job zu kündigen – und so hab ich’s dann auch gemacht.
Sie sagen, Sie haben eine kleine Tochter. Wie ist das für sie, wenn Sie von einem Kampf gezeichnet nach Hause kommen?
Kleinere Blessuren gibt es ja auch beim Sparring – das ist in dem Sport einfach normal. Meine Tochter ist jetzt elf und kriegt auch so langsam mit, wer ihr Papa ist. Sie gibt’s nicht zu, dass sie einen coolen Papa hat, aber ich weiß, dass sie es feiert.
Ihr Coach Oliver Maier hat mir vorhin Ihren vollen Trainingsplan erklärt. Da bleibt nicht viel Zeit für Familie.
Das stimmt, aber meine Frau unterstützt mich voll und ganz. Wir hatten auch finanziell schwierige Zeiten, als mein Hauptsponsor während Corona abgesprungen ist. Da hat sie im Dreischichtbetrieb gearbeitet, damit ich meinen Sport machen kann. Inzwischen hat sich aber alles finanziell wieder eingependelt.
Hat Ihre Frau keine Angst, dass sie in Kämpfen schwer verletzt werden?
Vorgestern habe ich zu ihr gesagt: Endlich, in drei Wochen, da geht es wieder ab! Und dann hat sie gesagt: Am liebsten wäre mir, es wäre schon wieder vorbei. Aber damit muss sie irgendwie klarkommen.
Wie gehen Sie damit um, wenn jemand jenseits des Sports mit Ihnen Streit sucht und sich körperlich mit Ihnen messen will?
Es kommt gar nicht zu dieser Situation, weil ich so eine positive Energie habe, so eine gute Aura. Und ich gehe so etwas auch aus dem Weg. Ich wurde schon oft beleidigt und provoziert, aber da lache ich drüber. Das war schon so, bevor ich mit dem ganzen Kampfsport und so angefangen habe und jetzt schon zehn Mal.
Sie haben viele Kämpfe gewonnen, aber auch einige verloren. Wie ist das denn, gegen jemanden zu kämpfen und festzustellen: den kann ich heute nicht besiegen?
Da musst du einfach auf die Zähne beißen und durchgehen. Da gibt’s kein: Mir tut dies weh, mir tut das weh.
Welcher andere MMA-Fighter hat Sie eigentlich am meisten inspiriert?
Das ist Yoel Romero. Den feiere ich von Anfang an. Der ist auch recht spät zum MMA gekommen, ein kubanischer Ringer. Mit 30 Jahren hat er mit dem Sport angefangen, kam mit 36 in die UFC (Anm. d. Red: die weltweit größte MMA-Organisation), ist jetzt 48 und kämpft immer noch. Das ist ein Monster einfach und zeigt, dass alles geht, wenn man will. Und ich spiele in derselben Liga.
Auch Sie haben relativ spät mit Mixed Martial Arts begonnen, mit 30 Jahren den ersten Profikampf gehabt.
Ich habe am Anfang jeden Kampf angenommen, auch ganz kurzfristig, teilweise bis zu sechs Mal pro Jahr gekämpft. Das war auch nötig, um dorthin zu kommen, wo ich heute bin. Inzwischen habe ich das etwas runtergefahren und versuche, ein bis zwei Mal im Jahr zu kämpfen.
Auf Instagram haben Sie 123 000 Follower. Was schätzen Ihre Fans so an Ihnen?
Ich denke, meinen Charakter vor allem. Weil ich authentisch bin. Ich verstelle mich nicht und das sehen die Leute. Ich mag keine oberflächlichen Menschen, warum soll ich dann selber so sein. Ich bin bodenständig und normal – für meine Verhältnisse. (lacht)
Erkennt man Sie auch, wenn Sie in Stuttgart unterwegs sind?
Nicht nur in Stuttgart, in ganz Deutschland, auch in Tschechien ist das schon passiert. Ich habe ja eh so ein markantes Gesicht, mich erkennt man aus tausend Metern. Da kommen dann schon viele her, wollen Bilder machen und so. Und gerade im Stadion beim VfB, da ist es schon sehr extrem.
Sie kämpfen in großen Arenen vor Zehntausenden Zuschauern. Wie fühlt sich das an?
Das ist schon geil, davon habe ich auch als kleiner Junge immer geträumt. Nachdem es mit Fußball nichts wurde, habe ich durch den Kampfsport meine zweite Chance bekommen. Das ist einfach mein Kindheitstraum, der in Erfüllung gegangen ist. Vor Zuschauern zu stehen in vollen Stadien. Da bin ich einfach dankbar dafür.
Vor Oktagon MMA, dem Veranstalter aus Tschechien, für den Sie kämpfen, war MMA zumindest in Deutschland eher eine Nischensportart. Was ist da plötzlich passiert?
Die haben das geschafft, was die deutschen Verbände leider nicht geschafft haben. Die hatten natürlich auch die finanziellen Mittel und haben das Ganze dann in Deutschland populär gemacht. Da haben wir Athleten Oktagon schon viel zu verdanken. Meinen ersten Kampf dort hatte ich während der Corona-Zeit ohne Zuschauer. Dann haben sie wahrscheinlich auch durch mich gemerkt, dass im deutschen Markt eine Lücke ist. Das haben sie dann für sich genutzt – und im Endeffekt profitieren wir alle davon.
Kommen wir zu Ihrem anstehenden Kampf. Niklas Stolze weist eine positive Bilanz als Profi auf, hat auch UFC-Erfahrung. Nötigt Ihnen das Respekt ab?
Ich sag mal so: Ich suche mir keine Busfahrer als Gegner wie viele andere. Ich suche mir starke Gegner. Ich will mich später mal mit 60 im Spiegel angucken und sagen: Ja, du hast gegen die Besten gekämpft, gegen die es möglich war, zu kämpfen. Das ist meine Mentalität, meine Einstellung – und deswegen schätzen mich die Leute auch. Niklas Stolze ist ein netter Kerl. Aber am 22. komme ich als Sieger raus.
Sie haben noch eine offene Rechnung mit Christian Eckerlin, dem Sie in Ihrem letzten Kampf in Frankfurt um den symbolischen Titel „König von Deutschland“ unterlagen. Streben Sie einen Rückkampf an?
Mein voller Fokus ist jetzt auf Stolze. Und dann kümmern wir uns um den Kollegen aus Frankfurt.
Zum Abschluss möchten wir Ihnen noch einige einfache Fragen über den Menschen Jungwirth stellen. Können Sie bitte mit jeweils nur einem Wort antworten?
Okay.
Lieblingsessen?
Döner!
Lieblingsfilm?
Gibt es viele – „Fight Club“.
Lieblingstier?
Dobermann.
Lieblingsauto?
Lamborghini, aber noch sind wir beim Audi.
Das Interview führte Sascha Maier.
„Oktagon 80“ wird am 22. November live aus München bei RTL+ übertragen.