Der Brunnen am Marktplatz, dahinter die Baustelle des Haus des Tourismus Foto: Lg//Julian Rettig

Der Marktplatz erstrahlt in neuem Glanz. Demnächst soll ja auch das Haus des Tourismus fertig sein. Nun wird darum gerungen, wie der Platz genutzt wird. Wie viel Gastro wird erlaubt? Wo bleibt Raum für Menschen, die nichts konsumieren wollen.

Es ist eine Lebensaufgabe. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle kämpft einen harten Kampf, dass öffentlicher Raum nicht automatisch „Gastronomie-Erwartungsland ist“. Seit 20 Jahren ist sie für den Bezirk Mitte zuständig und muss sich qua Amtes mit Begehrlichkeiten aller Art auseinandersetzen. Der Platz in der Innenstadt ist rar, und Wirte und Veranstalter wollen ihn gerne nutzen, um Geld zu verdienen. So gibt es nun Anträge von drei Gastronomen für Lokale am Marktplatz. Im Bezirksbeirat Mitte diskutierte man nun darüber, wie man damit umgehen soll.

 

Öffentliche Flächen sind nur auf Zeit geliehen

Es gibt 3000 Lokale in Stuttgart, mehr als 500 sind im Bezirk Mitte. Sehr viele davon breiten sich im Sommer aus, stellen Stühle und Tische auf öffentlichem Raum auf. Das heißt, auf Flächen, die nicht ihnen gehören, sondern allen Stuttgartern, und die sie laut Genehmigung immer nur für ein Jahr nutzen dürfen. Dabei benehmen sich manche Wirte, als sei der Raum nicht auf Zeit geliehen, sondern als ob er ihnen gehöre. Verbarrikadiert hinter Grünpflanzen, abgetrennt mit Kordeln. „Erlaubt sind aber nur Tische und Stühle“, sagte Heinrich Huth, selbst Wirt und Bezirksbeirat der SPD: „Eigentlich dürfte jeder zwischen den Tischen durchlaufen.“

Still und starr ruht der Marktplatz. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Stimmung war also durchaus skeptisch. Das hatten auch die Wirte von Cotidiano beim Breuninger, Ratskeller und dem künftigen Lokal Knitz beim Haus des Tourismus vernommen. Sie wollen insgesamt sechs Flächen auf dem Marktplatz bespielen. Und hatten via City-Initiative ihre Argumente in einem Brief dargelegt. Der Citymanager Holger Siegle legte stellvertretend für die Wirte dar, wie wichtig eine Belebung des Marktplatzes durch Gastronomie sei. „Die geplanten Außenflächen sind eine absolute Aufwertung des öffentlichen Raums“, warb er für die Wirte.

Wer darf den Marktplatz nutzen?

Nun entscheidet das nicht der Bezirksbeirat, dies obliegt der Gaststättenbehörde. Aber wie Karl-Christian Knapp, zuständig für Gaststättenrecht, sagte, man ziehe die Erwägungen der Bezirksbeiräte durchaus in Betracht. Und da gab es einige. Nun sind auf der einen Seite die Wirte, die den Platz beleben, die investieren, die Arbeitsplätze schaffen und Steuergeld zahlen.

Auf der anderen Seite gehört der Marktplatz allen Stuttgartern, können diese sich dort einfach aufhalten, ein Päuschen machen, lesen, in die Luft starren, ohne einen Cappuccino für 5 Euro trinken zu müssen. Und was ist mit dem für 1,2 Millionen Euro sanierten Brunnen. Bleibt der sichtbar? Oder wird er zugebaut mit Stühlen, Tischen und Schirmen? Was ist mit dem Wochenmarkt? Und Veranstaltungen wie Weindorf, Weihnachtsmarkt und Festival der Kulturen? Es gab viel zu diskutieren.

Für Wochenmarkt und Veranstaltungen muss geräumt werden

Klar ist, die Flächen müssen geräumt werden für Wochenmarkt und Veranstaltungen. Das steht in den Verträgen. Bodenhülsen für Schirme sind schon gesetzt auf einer Fläche vor dem Rathaus, die der Ratskeller bespielen soll. Da stellen sich die Bezirksbeiräte vor, dass die Schirme stehen bleiben sollen auch für den Wochenmarkt – und damit dringend benötigten Schatten liefern. Nachdem die Stadt es ja nicht geschafft hat, den heiß geliebten großen EM-Schirm zu ersetzen.

Der Schirm wurde nach der EM wieder abgebaut. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Abstand der Stühle soll von beiden Seiten des Brunnens 8,5 Meter betragen. Die Wirkung des Brunnens und die Sichtachse dürften nicht beeinträchtigt werden, sagte Stadtplaner Klaus Volkmer, zuständig für die Gestaltung des Marktplatzes. Schließlich hat man nicht 1,2 Millionen Euro für die Sanierung des Brunnens ausgegeben, damit dieser hinter Schirmen und Tischen verschwindet. Zudem müsse der Brunnen für alle zugänglich sein, zumal dort Trinkwasser fließt.

Die Kellner müssen auf Passanten und Radler achten

Die zwei Flächen, die das Cotidiano neben dem Brunnen will, werden vom Lokal durch die Marktstraße getrennt. Das heißt, die Kellner müssen auf Fußgänger und Radler achten. Doch das sei kein Grund, eine Genehmigung zu verwehren, sagte Knapp. Das gebe es anderswo auch, und aus Gründen der Gleichbehandlung sei „ein kreuzender Bedienungsverkehr“ kein Ausschlusskriterium. Die Flächen des Knitz liegen einmal direkt vor dem Haus des Tourismus und aus dortiger Sicht links vom Brunnen. Da gibt es diese Probleme nicht.

Noch eine Forderung formulierten die Bezirksbeiräte. Wenn sie nicht gebraucht werden, sollen Stühle und Tische weggeräumt werden. „Wir wollen kein Möbellager wie etwa am Wilhelmsplatz auf dem Marktplatz“, sagte Veronika Kienzle. Und auch keine wundersame Ausbreitung wie einst beim Café Scholz. Damit waren die Argumente ausgetauscht. Nun werden die Wirte ihre Anträge stellen – und die Gaststättenbehörde wird entscheiden. Geplant ist, dass die Bewirtung im Frühjahr beginnt. Doch bevor der Marktplatz in vollem Glanze erstrahlen kann, muss erst das Haus des Tourismus fertig werden. Im April? Im Mai? Bei Bauprojekten in Stuttgart weiß man ja nie. Manche sind eine Lebensaufgabe.