An vorderster Front: Szczepan Twardoch Foto:  

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch hat das 2. Stuttgarter Literaturfestival mit einem Blick in den Abgrund der Wirklichkeit eröffnet.

Eine Festgesellschaft, Menschen in schönen Kleidern mit Weingläsern in der Hand, erwartungsvolles Gemurmel, Vernissagen-Stimmung. Doch plötzlich öffnen sich die Pforten der Hölle und der Blick wird frei auf das reale Grauen des ukrainischen Kriegsgebiets. So zusammengefasst könnte man die Eröffnung des 2. Stuttgarter Literaturfestivals selbst als Teil einer jener Performances verstehen, die in den kommenden Tagen an verschiedenen Orten der Stadt zu sehen sein werden. Aber so zeigt sich die Wirklichkeit, und die für das Programm verantwortliche georgisch-deutsche Schriftstellerin Nino Haratischwili steht nicht für eine Literatur, die sich ihr entziehen würde.

 

„Zum Glück befinden wir uns hier im schönen Stuttgart nicht in Lebensgefahr, und doch kann ein Literaturfestival niemals nur den Ort spiegeln, an dem es stattfindet“, sagt sie am Mittwochabend im ausverkauften Literaturhaus. Man lebe in einer Zeit der Paradigmenwechsel, in der Dinge möglich seien, die vorher undenkbar erschienen wären. „Doch wir können die Wahrheit singen und die Lügner entlarven.“ Gerade angesichts existenzieller Bedrohung entfalte das Leben in seiner ganzen paradoxen Schönheit eine unglaubliche Kraft. Wenn man so will spiegeln sich in dieser Polarität die möglichen Lesarten des Festival-Mottos: „Über Leben“.

In jedem Grußwort, so beflissen es dem politischen Kontext Rechnung trägt, bebt Vorfreude. „Das Überleben braucht auch das Fest, braucht Widerständigkeit und sucht Allianzen“, sagt die Literaturhaus-Chefin, Stefanie Stegmann. Und was die Stadt angeht, scheinen die Allianzen zu bestehen. Der Leiter des Kulturamts Marc Gegenfurtner verheißt eine Verstetigung des in Kooperation mit dem Börsenverein, der Stadtbücherei und weiteren Institutionen veranstalteten Festivals. In Zeiten knapper Kassen keine Selbstverständlichkeit.

Doch dann betritt mit dem polnischen Schriftsteller Szczepan Twardoch der erste Sänger der Wahrheit das Podium. Seine Eröffnungsrede zerreißt den Vorhang, hinter dem sich verbirgt, was noch so zutreffende Begriffe und Einschätzungen verschleiern: die nackte Wirklichkeit im Osten der Ukraine, wo sich Menschen der russischen Invasion auf immer verlorenerem Posten entgegensetzen. Einer von ihnen ist der sechzigjährige Oleh, früher ein wohlhabender Mann aus Mariupol, jetzt Soldat. An seiner Seite hat Twardoch, der ein Fundraising für Waffen, Ausrüstung, Drohnen organisiert hat, das Kriegsgeschehen an vorderster Front erlebt.

Reduktion auf das Einfachste und Grausamste

Was er zeigt, ist das Rohmaterial, aus dem sein vor Kurzem erschienener Kriegsroman „Die Nulllinie“ entstanden ist. Er berichtet, wie sich das Kampfgeschehen auf den Bildschirm verlagert, ohne dass die militärische Live-Reality-Show dadurch etwas von ihrer furchtbaren Wirklichkeit verlieren würde. „Der Reb ist unser Leben“, zitiert er Oleh, Reb ist ein Störsender, um dem tödlichen Basiliskenblick der Drohnenschwärme zu entgehen. Alles hängt an der richtigen Frequenz und an der Frage, ob ein amerikanischer Multimilliardär sein Satellitennetzwerk plötzlich ausschaltet.

Die Inventur des Kriegsgeräts klingt bisweilen wie die Hightech-Variante des berühmten Schiffskatalogs in Homers Odyssee. Einerseits ändere sich der Krieg ständig, andererseits zeichneten sich ganz ähnliche Muster wie vor hundert Jahren auf den Feldern Flanderns ab. Als würde die Menschenwelt auf das Einfachste und Grausamste und zugleich Menschlichste zurückgeführt.

Die Lage wird immer aussichtsloser, doch die Ukrainer werden weiterkämpfen, ist er überzeugt, auch wenn ihr eigener Generalstab es verbieten würde oder die USA ihre Unterstützung zurückzögen: „Ich weiß nur nicht, ob das gut ist oder schlecht“, schließt er seine Rede, „einfache Antworten habe ich nicht, ich will mich mit dieser Wirklichkeit nicht abfinden, deshalb akzeptiere ich sie in ihrer ganzen Komplexität.“

Um diese Komplexität wird es in den nächsten Tagen gehen. Die Künstlerin Julia B. Nowikowa hat sie in einer begleitenden Ausstellung im Literaturhaus sinnfällig gemacht: Bücher der hier präsentierten Autorinnen und Autoren hat sie in begehbare Seitenlandschaften verwandelt, eindrucksvolle Bleiwüsten über denen sich der Geist inkarniert, Gesichter, Torsi, Schmetterlinge Visionen. Näher kann man Literatur und Leben nicht zusammenführen.

Info

Programm
An diesem Freitag stellt unter anderem die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, ihr Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“ vor. Es moderiert Nino Haratischwili. Literaturhaus 19 Uhr. Das gesamte Programm unter: www.literaturhaus-stuttgart.de