Zu Gast in Stuttgart: der italienische Autor Gianrico Carofiglio Foto: Francesco Carofiglio

Viel mehr als nur ein Krimi: Der Autor Gianrico Carofiglio stellt bei den Stuttgarter Kriminächten im Merlin seinen Roman „Der Horizont der Nacht“ vor.

Eigentlich ist das Fall von Anfang an klar, der sich in Bari, der Regionalhauptstadt Apuliens, abgespielt hat. Täterin und Opfer sind bekannt. Eine Frau, Elvira, hat den gewalttätigen Liebhaber ihrer Zwillingsschwester erschossen, die wenig zuvor aus Verzweiflung den Freitod gesucht hatte.

 

Doch für den Anwalt Guido Guerrieri ist es nicht klar, ob Elvira vorsätzlich getötet hat oder ob sie, wie sie später behauptet, im Laufe einer Auseinandersetzung aus Notwehr gehandelt habe. Zeit und Erinnerung werfen Fragen auf. Ihre Beantwortung wird in einem Prozess über das Strafmaß und damit über die zukünftigen Lebensumstände von Elvira entscheiden. Das ist der kriminalistische Spannungsbogen in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio, den Verena von Koskull im Folio Verlag aus dem Italienischen übersetzt hat.

Anwalt Guerrieri ist in einer Sinnkrise

Doch es gibt noch einen zweiten Fall in dieser Geschichte. Und das ist der von Guido Guerrieri selbst, den aufmerksame Leserinnen und Leser in früheren Romanen – meist bei Goldmann übersetzt – als Strafverteidiger (und bei seinen Spaziergängen durch Bari) begleiten konnten. Eine persönliche Krise führt Guerrieri jetzt seinerseits in die Hände eines „Anwalts“, eines Psychoanalytikers der Jung’schen Schule, den ihm ein guter Freund empfohlen hat. Während Guerrieri weiter als Jurist perfekt „funktioniert“, seine Mandantin professionell auf den Prozess vorbereitet und sie durch ihn begleitet, zeigt er sich fragil zweifelnd im eigenen „Prozess“ der Selbstbefragung.

Auch hier geht es um Zeit und Erinnerung. Um vergangene Beziehungen, verpasste Gelegenheiten, Traurigkeit im Herzen und um seine Rolle als Anwalt. Am Ende muss er sich eingestehen, im Prozess gegen Elvira die falsche Verteidigungsstrategie gewählt zu haben – was aber nicht unbedingt zum Nachteil der Angeklagten führt. Aber Guerrieri fängt an, seine Sinnkrise zu überwinden, indem er nach vorne blickt, „ohne zu vergessen“.

Bei Polizei und Gericht kennt sich der Autor bestens aus

Diese beiden Spannungsbögen führen durch einen Roman, der mehr ist als ein Krimi und zugleich ohne seine kriminalistischen und damit juristischen Aspekte keinen Gehalt hätte. Denn der Autor Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, ist eng mit ihnen verknüpft und weiß, worüber er schreibt. Er arbeitete lange als Staatsanwalt (vor allem bei Untersuchungen gegen organisierte Kriminalität), war Berater der parlamentarischen Antimafia-Kommission und unterrichtet heute als Lehrbeauftragter für juristische Sprachformen an der Universität Bologna/Ravenna. So zeichnen sich auch seine Kriminalromane als präzise, gleichsam lehrbuchartige Beschreibung polizeilicher und gerichtlicher Vorgänge aus. Und während Guido Guerrieri Stress abbaut, indem er mit entsprechenden Handschuhen auf einen Boxsack einschlägt, hält sich der Autor als Träger eines schwarzen Gürtels in Karate sportlich fit.

Foto: Folio Verlag

Als Intellektueller mischt sich Carofiglio seit Jahren in das gesellschaftliche und politische Leben in Italien ein, er vertrat etwa von 2008 bis 2013 den sozialdemokratischen Partito Democratico im Senat, der zweiten Parlamentskammer. Heute gilt er als einer der Wortführer einer Bewegung gegen eine geplante Verfassungsänderung des italienischen Rechtssystems durch die Meloni-Regierung. Am kommenden Wochenende (22./23. März) findet dazu eine Volksabstimmung statt.

Neben erfolgreichen und in viele Sprachen übersetzen Romanen veröffentlichte Gianrico Carofiglio eine Reihe von Essays, die gleichsam in einer Art Pingpong Themen aus seinen Romanen theoretisch weiterführen oder sie ihnen vorgeben. So war es sicher kein Zufall, dass kurz nach der Veröffentlichung des Originals von „L’orizzonte della notte“ 2024 der Essay „Elogio dell’ignoranza e dell’errore“ (Lobrede der Ignoranz und des Fehlers) bei Einaudi als Nachdenken über eines der Grundthemen von „Der Horizont der Nacht“ erschien. Die ethische (und auch wissenschaftstheoretische) Bedeutung, nämlich Fehler und Misserfolge als notwendige Etappen auf dem Weg der (Selbst)-Erkenntnis zu verstehen und sie als Möglichkeit zu nutzen, Horizonte zu erweitern.

Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht. Folio Verlag, Wien/Bozen. 272 Seiten, 26 Euro.

Zu Gast im Merlin in Stuttgart

Buch
Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht. Folio Verlag, Wien/Bozen. 272 Seiten, 26 Euro.

Termin
Der Autor liest aus seinem Buch im Rahmen der Stuttgarter Kriminächte am 17. März um 19 Uhr im Merlin, Augustenstraße 72, Stuttgart. Eventuell Restkarten.