Verrammelt, abgezäunt, verfallend: So präsentiert sich die Villa Berg, einst für die württembergische Königsfamilie gebaut, noch am Dienstag – jetzt scheint Rettung in Sicht Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Leidenszeit der verfallenden Villa Berg neigt sich dem Ende zu. Die Stadtverwaltung ist sich mit der Privateigentümerin, der Firma PDI, über die Übernahme des Denkmals einig. Mit Sanierung von Gebäude und Park kostet das die Stadt schätzungsweise rund sechs Millionen Euro.

Stuttgart - Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) haben am Dienstag die Übernahme der Villa Berg und der alten Fernsehstudios des Südwestrundfunks im Park der Villa Berg durch die Stadt Stuttgart angekündigt. Das taten sie in einer handstreichartig anberaumten Pressekonferenz am Dienstagmittag, zu der fünfeinhalb Stunden zuvor eingeladen worden war.

Nach langem, zähem Ringen um das Schicksal der Villa und des Parks habe man sich mit der Düsseldorfer Firma Property Development Investors (PDI) geeinigt. Die Stadt bezahle für die Villa und die vom Südwestrundfunk aufgegebenen Fernsehstudios im Park 300 000 Euro. Mit weiteren 1,45 Millionen Euro löst die Stadt – wie im ausgelaufenen Erbpachtvertrag vorgesehen – die Tiefgarage ab.

Diesen Zahlungen in Höhe von 1,75 Millionen Euro stehen Einnahmen von 3,2 Millionen Euro gegenüber. Die fließen für das Gelände am Rand des Parks an der Sickstraße, auf dem das Gartenbauamt der Stadt noch einen Betriebshof unterhält.

Auf dem Grundstück haben rechnerisch 39 Wohnungen Platz

Das Grundstück wird geräumt. Darauf können rechnerisch 39 Wohnungen gebaut werden. PDI-Chef Mathias Düsterdick hat die Zusage, dass sein Unternehmen dort nicht dem sogenannten Stuttgarter Innenentwicklungs-Modell unterliegt. Dieses kommt normalerweise überall dort zur Anwendung, wo die Stadt für ein Bauvorhaben einen neuen Bebauungsplan erstellt. Dann müssen mindestens 20 Prozent geförderte Wohnungen gebauten werden.

Die Eckwerte des Handels sind in einer Absichtserklärung beider Seiten festgehalten, sagte Kuhn. Wenn der Gemeinderat zustimme, was noch vor den Sommerferien aufgerufen wird, soll das Eigentum am 1. August auf die Stadt übergehen.

Danach will die Verwaltung umgehend den Zustand der historischen Villa untersuchen lassen und ein rund einjähriges informelles Verfahren zur Bürgerbeteiligung einleiten. Das soll Hinweise liefern, welche Nutzung am besten zur Villa passt und wie das Konzept für den Park aussehen könnte. Wenn die alten Fernsehstudios verschwinden, könnte man sich die Rekultivierung und Anpassung des Parks mit einem historisierenden Konzept vorstellen, sagte Kuhn, aber auch eine zeitgemäße Ergänzung mit historisierenden Zitaten. Jedenfalls müssen die Studios binnen fünf Jahren verschwinden. Das hat sich Düsterdick, der an dieser Stelle ursprünglich Wohnungen bauten wollte und von der Stadt kein Baurecht bekam, sich zusichern lassen.

Ein "guter Tag für Stuttgart"

Für die Stadt Stuttgart sei der Tag, an dem man all das mitteilen könne, ein guter Tag, sagte Kuhn. Bald könne man wieder über die Villa und ihre Nutzung verfügen – wie vor der Übernahme durch den Süddeutschen Rundfunk nach dem Krieg. Dies sei das Ergebnis sehr zäher, „nicht einfacher Verhandlungen“. Er und der Kämmerer seien glücklich darüber. Auch für PDI sei das Ergebnis akzeptabel.

Föll wehrte sich nach kritischen Fragen bei der Pressekonferenz gegen die Lesart, dass man dem Investor ein gutes Geschäft ermöglicht und ihm Geschenke gemacht habe – obwohl PDI-Chef Düsterdick die Stadt lange hingehalten habe. Dass man auf die Anwendung von SIM verzichte, weil der Investor partout keine geförderten Wohnungen bauen will, sei zwar ein Entgegenkommen. Allerdings hätte es sich andernfalls lediglich um vier Mietwohnungen für Bezieher mittlerer Einkommen und um vier Sozialmietwohnungen gehandelt. Zudem gebe es im Umfeld schon Wohnungen mit Belegungsrechten der Stadt.

Eine lange Geschichte mit wechselnden Akteuren

Das Grundstück für den Wohnungsbau überlasse man PDI zum Verkehrswert von 850 Euro pro Quadratmeter. Die Stadt hätte das Gelände auch öffentlich ausschreiben können in der Hoffnung auf höhere Einnahmen, räumte Föll ein. Ob man mehr erzielt hätte, sei aber Spekulation.

Die Entschädigung für die Tiefgarage, die PDI kassieren kann, sei realistisch kalkuliert, betonten Kuhn und Föll. Ausgegangen sei man vom Ansatz, dass die 376 Stellplätze zu 75 Prozent ausgelastet sind und im Schnitt je 60 Euro pro Monat einbringen. 100 Stellplätze seien an den SWR vermietet, der den denkmalgeschützten Gutbrod-Bau neben der Villa langfristig nutzen wolle. Auch für Besucher der Villa, egal wie sie einmal genutzt werde, brauche man Stellplätze.

Um in der Hängepartie eine Wende zu erreichen, die Sanierung der Villa einzuleiten und eine öffentliche Nutzung des Denkmals zu erreichen, habe man PDI aber irgendwo entgegenkommen und eine für beide Seiten tragfähige Lösung ermöglichen müssen, sagte Föll. Jetzt beende man ein Hin und Her, das rund zehn Jahre seit den ersten Verkaufsüberlegungen des SWR währe.

Inzwischen gab es wechselnde Akteure. Die Häussler-Gruppe, die vor der PDI Eigentümerin war und dann in die Insolvenz stürzte, soll 2007 fünf bis sechs Millionen Euro für die Villa und Studios bezahlt haben. Hätte die Stadt im Laufe der zehn Jahre ihr Vorkaufsrecht ausgeübt, verteidigte sich Föll, wäre man finanziell viel schlechter gefahren. Man hätte dann zu den Konditionen in den Vertrag eintreten müssen, den der jeweilige Kaufinteressent ausgehandelt hatte.

Bei der Nutzungsfrage noch "alles offen"

Jetzt bleiben der Stadt von der PDI unterm Strich 1,45 Millionen Euro. Der Abriss der Studios und die Sanierung der Villa dürften rund zehn Millionen Euro kosten, schätzte Föll. Für den Park müsse man vier bis fünf Millionen Rechnen. Etwa die Hälfte des Aufwands könne man mit staatlichen Sanierungsmitteln bestreiten. Das würde bedeuten, dass die Stadt am Ende Kosten von rund sechs Millionen Euro haben könnte. Allerdings ohne die Anpassung der Villa für die gewünschte Nutzung.

In der Frage der Nutzung sei „alles offen“, sagte Kuhn. Ein Film- und Medienhaus würde aber wohl mehr Räumlichkeiten erfordern. Die Nutzung suche man in der Bürgerbeteiligung. „Die Prognose, dass es am Ende eine bürgerschaftliche und/oder kulturelle Nutzung sein wird, ist aber nicht völlig abwegig“, sagte der OB.

Kuhn informierte am Dienstag auch die Fraktionschefs. Dem Vernehmen nach wurden seine Mitteilungen dort das als gute Nachricht angesehen. Manche sagten aber auch, die Sache sei so beurteilt worden, dass Kuhn und Föll ihren Auftrag in der erwarteten Weise erledigt hätten. Kritik könnte, beispielsweise bei SÖS/Linke-plus, allerdings noch aufkommen, weil SIM nicht angewendet wird und die Stadt kein Höchstgebot für das Bauland anstrebt. Die Zustimmung scheint aber gesichert zu sein.

Vor dieser Wende hatten sich die Stadtverwaltung und der Gemeinderat jahrelang mit der Frage befasst, ob im Studiogelände Wohnungsbau erlaubt werden soll, wenn der Investor im Gegenzug mit einem größeren Millionenaufwand die Villa saniert. Zunächst war der Gesprächspartner noch der Stuttgarter Projektentwickler Rudi Häussler gewesen. Nach der Insolvenz verschiedenster Firmen in der Häussler-Gruppe kaufte sich dann beim Insolvenzverwalter die Firma PDI ein. Doch je länger die Sache währte, desto entschiedener stellten sich die Stadtverwaltung und die Mehrheit des Gemeinderats auf den Standpunkt, dass der Fremdkörper der Studios ganz aus dem Park entfernt werden müsse.

Bei einer Veranstaltung unser Zeitung im Mai 2012 enthüllten die Bürgermeister Föll sowie Matthias Hahn (SPD/Städtebau und Umwelt) erstmals in dieser Deutlichkeit, dass sie nicht auf Zusammenarbeit mit dem Investor PDI setzten, sondern die Villa ins Eigentum der Stadt bringen wollten, um selbst die Sanierung anzugehen. Die Bürger im Stuttgarter Osten, der Verein Berger Bürger sowie andere Gruppen wie die Initiative Occupy Villa Berg hatten großen Anteil am Zustandekommen des neuen Kurses, nicht nur die Villa zu sanieren, sondern auch den Park. Darin waren die Studios nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden.

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