Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler mit Fans aus Schottland und Ungarn Foto: Vosseler

Was machen eigentlich die Stuttgarter Kirchen während der EM? Die Antwort: Sie öffnen sich und machen gute Erfahrungen mit Fans – wie sich besonders beim Besuch der Schotten und der Ungarn zeigt.

Es ist Fußball-EM – und die Kirchen spielen mit. Und zwar im Doppelpass: evangelisch-katholisch. Wer die Stiftskirche betritt, erblickt in der Tiefe des Vorraumes jede Menge Fußbälle, die an einem Tornetz hängen mit einem herzlichen Willkommen in den Sprachen der 24 teilnehmenden EM-Nationen. Auf einem Plakat in der Mitte steht die zentrale Botschaft: „You’ll never walk alone“. Absender sind in dem Fall nicht Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, von denen die weltbekannte Hymne des FC Liverpool im Original stammt. Der Absender ist vielmehr „Gott“. Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler liefert die Erklärung: „Das Motto des FC Liverpool ist auch ein Wort, das Gott zu uns Menschen sagt.“

Schotten auf dem Stiftskirchenturm Foto: Vosseler

Die beiden großen Kirchen in der Stuttgarter Innenstadt, die Stiftskirche und der Dom St. Eberhard, verstehen sich in diesen Tagen als „Oasis of Silence“, Oasen der Stille inmitten der City. „So ist es auch mit den Organisatoren abgesprochen“, erklärt Vosseler. Wie außergewöhnlich Stille sein kann, wurde am Sonntagvormittag beim Gottesdienst deutlich. Stiftskirchenpfarrer Vosseler sprach hinterher von einem „einmaligen Tag in der Stadtgeschichte – mit Quilt-Rekordaufkommen in der Kirche“. Schotten und Ungarn bevölkerten einträchtig die Kirchenbänke. „Es war zeitweise voll wie an Weihnachten“, staunte Vosseler. Die Gäste von der Insel und aus Ungarn erklommen fleißig auch den 61 Meter hohen Stiftskirchenturm, der an allen EM-Tagen, an denen Spiele in Stuttgart stattfinden, geöffnet ist.

Überhaupt fällt die kirchliche Zwischenbilanz äußerst positiv aus: „Wir haben interessante Gespräche mit Fans aus vielen Ländern und können etwas von der Stadt und vom Leben in Stuttgart erzählen“, berichtet Vosseler. Sein Eindruck: „Fußball verbindet – auch Menschen mit unterschiedlichen Konfessionen und Religionen.“

Das „Tor des Lebens“ im Haus der Katholischen Kirche Foto: Sellner

Diese Erfahrung machen auch der katholische Stadtdekan Christian Hermes und Schwester Nicola Maria im Haus der Katholischen Kirche in der Königstraße. Im Eingangsbereich steht dort ein „Tor des Lebens“ – ein stilisierter Holzrahmen, in dem auf einem Bildschirm im Wechsel 36 Filme von Menschen gezeigt werden, die erzählen, was ihr persönliches „Tor des Lebens“ ist. „Für einen Transmenschen ist es seine Hormontherapie, für ein Paar mit Behinderung, dass sie einander gefunden haben, für eine Gruppe Jugendlicher die Gemeinschaft im Glauben, erzählt Schwester Nicola Maria, die die Idee zu dieser Aktion hatte: „Spiritualität, Beruf, Gemeinschaft, Freizeit – all das können Tore des Lebens sein.“ Wer will, kann seine persönlichen Gedanken auf eine Tafel am Holztor schreiben.

Stadtdekan Hermes versteht dies als „Einladung inmitten von Fantrubel und Nonstop-Party zur Ruhe zu kommen.“ Das Angebot wird angenommen. Hermes freut sich generell über die Stimmung in der Stadt: „Es ist schön zu erleben, wie Fußball in diesen schwierigen Zeiten viele Menschen Gastfreundschaft, Gemeinschaft und Fairness erleben lässt.“

Öffnungszeiten

St. Eberhard
Die Domkirche St. Eberhard (Königsstraße 7A) ist während der Europameisterschaft zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag von 8 bis 19 Uhr sowie am Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 8 bis 18 Uhr (mit Ausnahme von Gottesdiensten). Im Haus der Katholischen Kirche, ebenfalls in der Königsstraße 7 steht der „Raum der Stille“ von Montag bis Freitag (10 bis 18 Uhr) allen Religionen zur Verfügung.

Stiftskirche
Auch die evangelische Stiftskirche in der Stiftstraße 12 hat verlängerte Öffnungszeiten (mit Ausnahme von Gottesdiensten und Konzerten). Die Kirche ist geöffnet von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 20 Uhr, am Freitag von 10 bis 16 Uhr und am Samstag von 10 bis 21 Uhr. jse