Was haben wir denn da? Özgür Dogan bei der Behandlung eines kleinen Patienten in seiner Praxis. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Stuttgarter Kinderarzt Özgür Dogan hält nichts von Aktivismus in der Kindermedizin, verschreibt weder Hustensaft noch Osteopathie. Statt sofort die Antibiotika-Keule zu zücken, pflegt er die „Kunst des Unterlassens“. Nicht alle Eltern halten das aus.

Immer wieder, wenn Özgür Dogan Notdienst hatte oder Vertretung für andere Kinderärzte machte, war er danach frustriert. Und nach seinem Eindruck waren es oft auch die Eltern seiner kleinen Patienten. Das lag daran, dass die Familien von dem Pädiater etwas verlangten, was sie von ihrem Kinderarzt bekamen, das Özgür Dogan ihnen aber nicht gab. Das schlagendste Beispiel: Hustensaft.

 

„Bei mir gibt’s den nicht, weil er nichts bringt“, sagt Özgür Dogan. Das sehen auch viele seiner Kolleginnen und Kollegen so, wie der 41-Jährige immer wieder feststellt. Dennoch handeln viele anders. Aber warum? „Das ist schneller verschrieben als erklärt“, sagen die einen; ein junger Kollege, „ein 1a-Mediziner“, stellte resigniert fest: „Irgendwas muss man aufschreiben, die wollen das.“

Stuttgarter Kinderarzt: Hustensaft als „unsinniger Aktivismus“

Özgür Dogan macht es trotzdem nicht. Stattdessen beschloss er, etwas gegen seine Unzufriedenheit zu tun und schrieb ein „Handbuch für medizinisches Fachpersonal, Kitas, Schulen und Eltern“. Darin behandle er „aktuelle Empfehlungen der Pädiatrie“ mit dem Ziel, „ein einheitliches Vorgehen nach dem neuesten Stand der Wissenschaft zu ermöglichen und dabei größtmögliche Transparenz zu schaffen“, heißt es dort.

Hustensaft ist für den Arzt Symbol eines unsinnigen „Aktivismus“, dem er in seinem Medizineralltag, wo fachlich angemessen, die „Kunst des Unterlassens“ entgegenhält. Fachjargon: Watchful Waiting, beobachtendes Abwarten. Özgür Dogan ist dabei nicht der Meinung, dass Eltern zu häufig, weil wegen jeder Kleinigkeit zum Kinderarzt kommen. „Das macht niemand zum Spaß, die Leute sind unsicher und machen sich Sorgen“, erklärt der überzeugte Schulmediziner. Man müsse die Eltern aber mehr aufklären, „wann die Sorgen berechtigt sind“. Und manchmal einfach abwarten, wie sich der Zustand des kränkelnden Kindes entwickelt. Sollte sich dieser in wenigen Tagen verschlechtern, können die Eltern das Kind ohne Weiteres „noch mal vorstellen“.

Eltern mehr aufklären – ein Ziel des Kinderarztes Özgür Dogan. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Bei seinen eigenen Patienten macht Özgür Dogan damit gute Erfahrungen. Es lohne sich, in die „Elternschulung“ Zeit zu investieren. Entscheidend sei, dass die Familien Vertrauen fassen, „sich sicher und ernstgenommen fühlen“. Und man müsse ihnen „vermitteln, bei welchem Krankheitsverlauf sie noch mal kommen müssen“. Andernfalls gingen sie am Abend dann doch in die Notfallpraxis des Kinderhospitals Olgäle oder zu einem anderen Arzt. Der Pädiater stellt immer wieder fest: „Für manche ist das nicht leicht zu ertragen.“ Sie hätten dann das Gefühl, nichts für ihr Kind tun zu können.

Wie der Kinderarzt den Augenschnupfen seiner eigenen Kinder behandelt

Ein wichtiges Motiv für sein Handeln ist der vernünftige Einsatz von Antibiotika. Mit diesen solle man „möglichst schmal behandeln“, erklärt der Kinderarzt, dass es „weniger Probleme mit Resistenzen gibt“. Das hat Auswirkungen auf den Umgang mit Infektionskrankheiten. Beispiel Bindehautentzündung: Nach den Erfahrungen Özgür Dogans handelt es sich dabei tatsächlich „in den seltensten Fällen um eine Bindehautentzündung, sondern zumeist um einen Augenschnupfen“. Der ist eine Begleiterscheinung einer allgemeinen Infektion, mit der der Körper kämpft und dabei Schleim in Nase, Hals und eben den Augen bildet.

Der Pädiater, selbst Vater von drei kleinen Kindern, hat da ein einfaches Rezept: „Ich nehme ein Taschentuch und putze damit weg, was rauskommt, wenn ich Flüssigkeit brauche, nehme ich Leitungswasser.“ Dass das Thema Bindehautentzündung bei manchen „so eine Panik auslöst“, liege daran, dass es eine spezielle Form davon gebe, Keratoconjunctivitis epidemica, die „höchstansteckend“ sei, aber sehr selten vorkomme. Das haben kürzlich Verdachtsfälle in einer Kita gezeigt. In Abstimmung mit dem Gesundheitsamt hätten die Kinderärzte im Umfeld deshalb bei Kindern mit Symptomen „großzügig Augenabstriche gemacht“. Kein einziger Fall der hochansteckenden Variante war dabei. Eine richtige Bindehautentzündung sei „sehr unangenehm“, mit Beschwerden wie Schmerzen oder Juckreiz und einem Fremdkörpergefühl. Sie beschränke sich nicht auf eine Augenrötung und den Austritt von Sekret, was in aller Regel „selbstlimitierend“ sei, also von selber wieder weggeht.

„Häufig ist der Leidensdruck bei den Eltern größer als bei den Kindern“

In den meisten Fällen sei also angezeigt, zwei, drei Tage abzuwarten, wie sich der Zustand des Kindes entwickle. Selbst bei einer nicht so seltenen bakteriellen Bindehautentzündung könne das Kind bei gutem Allgemeinbefinden in dieser Zeit in die Kita, das sehe auch das Gesundheitsamt so. Ganz anders als bei so „superansteckenden“ Erregern wie Windpocken oder Masern.

Häufig sei „der Leidensdruck der Eltern größer als bei den Kindern“, stellt Dogan oft fest. Etwa auch bei sehr starkem Husten oder einer Mittelohrentzündung, die ebenfalls „nicht zwingend antibiotisch behandelt werden müssen“. Früher habe man das eher getan, aus Angst vor einer Lungenzündung oder einer Hirnhautentzündung durch Komplikationen bei einer Mittelohrentzündung. Heute wisse man, eine solche Komplikation komme nur in einem von mehreren tausend Fällen vor, weshalb ein regelhafter Antibiotikaeinsatz fachlich nicht angemessen sei.

Insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund erwarteten das häufig. Viele seien das von ihren Herkunftsländern gewohnt, wo die medizinischen Systeme oft so seien, dass man wegen Kleinigkeiten ins Krankenhaus gehe und entsprechend versorgt werde. In manchen Ländern gebe es sogar „Antibiotika am Kiosk“, sagt der Kinderarzt.

Statt des Einsatzes so schwerer medizinischer Geschütze plädiert Özgür Dogan dafür, dem Kind zuallererst „Wärme, Nähe und Geborgenheit“ zu geben und ausreichend Flüssigkeit, „damit der Schleim sich verflüssigen kann“. Auch das Inhalieren von Kochsalzlösung bei starkem Husten bringe nichts. Bei heißen Dämpfen für größere Kinder sei die Verbrühungsgefahr größer als der Nutzen, die Verwendung von Erkältungssalben habe häufig Hautreaktionen zur Folge. „Wir sehen immer wieder Kinder mit Hautirritationen.“

Auch der häufige Wunsch nach Ergotherapie missfällt dem Kinderarzt

Ansonsten rät der Arzt, leidenden Kindern bei Schmerzen, Abgeschlagenheit oder Fieber zur Linderung Paracetamol oder Ibuprofen zu geben, den Wirkstoff herkömmlicher Fiebersäfte. Verschlechtere sich der Allgemeinzustand des Kindes in den nächsten Tagen „trotz der Medikamente“, sagt Özgür Dogan, könne eine Vorstellung beim Kinderarzt sinnvoll sein. Schlagen die Medikamente gut an, ist das zunächst ein gutes Zeichen. „Schwere Erkrankungen wie Hirnhautentzündung, Sepsis, Lungenentzündung oder Nierenbeckenentzündung lassen sich von Paracetamol oder Ibuprofen nicht wirklich beeindrucken“, sagt de Arzt.

Auch der in relevanter Zahl auftretende Wunsch von Eltern, der Arzt solle dem Kind Logopädie oder Ergotherapie verschreiben, missfällt dem Pädiater. Diese „Therapieempfehlung“ werde immer wieder von Kita oder Schule vorgebracht, wenn Kinder Sprachprobleme haben, nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren oder den Stift nicht richtig halten können. Zuallermeist handle es sich aber nicht um eine medizinische Sache, sondern um ein „Förderproblem“. Das ärgert Özgür Dogan. „Man sollte Kinder nicht krank machen, sondern durch positiv verstärkende Methoden fördern.“ Also mehr mit den Kleinen im Freien spielen, Bücher vorlesen, Sport wie Kinderturnen anbieten, statt sie dem Medienkonsum zu überlassen.

Kritik an Osteopathie für Säuglinge

Eine andere Fehlentwicklung sieht der Kinderarzt in der häufig von Hebammen empfohlenen und von manchen Kassen bezahlten osteopathischen Behandlung von Säuglingen zur Bewältigung der oft schwierigen Zeit nach der Geburt. Auch das bringe medizinisch nichts außer Zuwendung und einem guten Gefühl für die Eltern. „Die ersten Monate können holprig sein“, weiß Pädiater Dogan. Eine gute Beratung und die Stärkung der Eltern seien in dieser Zeit entscheidend. „In 90 Prozent der Fälle ist diese Phase nach drei Monaten überstanden.“

Elternaufklärung im Internet

Zur Person
Özgür Dogan ist 41 Jahre alt, er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von drei, fünf und noch nicht einem Jahr. Der Kinder- und Jugendarzt hat von 2009 an zunächst einige Jahre beim städtischen Klinikum im Kinderhospital Ölgäle gearbeitet, 2019 hat er sich mit einer eigenen Praxis niedergelassen. Özgür Dogan ist Obmann der Stuttgarter Kinderärzte.

Handbuch
Sein Buch „Dogan Pädiatrie. Das Handbuch für medizinisches Fachpersonal, Kitas, Schulen und Eltern“ gibt’s kostenlos im Internet unter www.dogan-paediatrie.de, als App für iPhone im App Store und für Android im Play Store. In den Texten hat Özgür Dogan als Belege für seine Ausführungen an vielen Stellen Studien verlinkt. Und das Buch werde „laufend aktualisiert“.