Angekratzt – ein Symbolbild zum tiefen Fall der Kickers Foto: Baumann, Montage Ruckaberle

Es war einmal ein Stuttgarter Fußballclub, der große Träume hatte. Und nun? Im Jahr 2016 kämpfen die Stuttgarter Kickers ums sportliche Überleben in der Regionalliga. Wie konnte es soweit kommen?

Stuttgart - Im Sommer 2015 hat nicht viel gefehlt und die Stuttgarter Kickers wären in die zweite Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Knapp eineinhalb Jahre und einen Abstieg später straucheln sie durch die Regionalliga, wobei sie sich mit dem 4:1-Auswärtssieg am Dienstag bei Eintracht Trier zumindest etwas von den Abstiegsplätzen entfernt haben. Der einst gefeierte Sportdirektor Michael Zeyer? Zurückgetreten. Sein letzter Trainer Alfred Kaminski? Entlassen. Wie konnte es so weit kommen? Ist der Tiefpunkt überwunden? Die Geschichte vom Absturz eines Traditionsclubs.

Es war der 19. September 2015: Nach einem begeisternden 1:0-Heimsieg unter Flutlicht eine Woche zuvor gegen den FC Magdeburg führen die Stuttgarter Kickers auch am neunten Drittliga-Spieltag beim SV Wehen Wiesbaden mit 3:1. In der Blitztabelle stehen sie auf dem zweiten Platz. In der 66. Minute gibt es Elfmeter für die Blauen. Enzo Marchese tritt an, verschießt und vergibt die Riesenchance zum 4:1. Die Partie endet 3:3, den Ausgleich in der 90. Minute erzielte übrigens der aktuelle Kickers-Spieler Saer Sène.

Zumindest oberflächlich betrachtet beginnt der Absturz der Kickers mit der Elfer-Niete des damaligen Kapitäns. Die Talfahrt in 378 Tagen im Schnelldurchlauf: Nach dem verschenkten Sieg in Wehen verlieren die Kickers sechsmal nacheinander. Am 4. November 2015 trennen sich die Kickers von Horst Steffen. Es kommt Tomislav Stipic. Sportdirektor Michael Zeyer baut in der Winterpause den Kader radikal um. Am Ende steht der Abstieg. Der Neuaufbau in der Regionalliga geht schief. Die Trennung von Zeyer wird am 20. Oktober bekannt gegeben. Mit dem 1:2 einen Tag später bei den Feierabendprofis des FC Nöttingen ist der sportliche Tiefpunkt erreicht. Stipic’ Nachfolger Alfred Kaminski wird am 24. Oktober freigestellt. „Wir brauchen neue Impulse“, sagte Präsident Rainer Lorz.

Das Auf und Nieder mit Horst Steffen (September 2013 bis November 2015)

Die Kickers hatten endgültig alles eingerissen, was sie sich nach dem Einstieg von Horst Steffen aufgebaut hatten. Er hatte die Blauen am 30. September 2013 auf dem 17. Platz übernommen. Mit der Verpflichtung seines ehemaligen Profikollegen beim MSV Duisburg bewies Zeyer ein glückliches Händchen. Auch mit der Verpflichtung von arbeitslosen Spielern wie Gerrit Müller oder bei anderen Clubs abservierten Talenten wie später Besar Halimi lag der Sportdirektor goldrichtig.

Nach Platz acht am Ende der Saison 2013/14 folgten in der Hinrunde der Saison 2014/15 die Festspiele an der Kreuzeiche. In Reutlingen zeigten die Kickers eine Gala nach der anderen. Genauso im anderen Ausweichquartier Mercedes-Benz-Arena: Im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund spielten sich die Blauen trotz des 1:4 mit einer klasse Leistung in die Herzen vieler der 37 000 Zuschauer – inklusive BVB-Coach Jürgen Klopp: „Hut ab vor diesen Kickers. Sie spielen tollen Fußball – ich kann es nur empfehlen, sie mal anzuschauen“, warb er über die Fernsehkameras.

Nach der Rückkehr auf die Waldau ins umgebaute Gazi-Stadion kam der Motor etwas ins Stottern. Den letzten begeisternden Auftritt gab es am 7. März 2015 beim 4:2 gegen den MSV Duisburg– vor 8650 Zuschauern. Nach 38 Spieltagen landeten die Kickers in der Abschlusstabelle auf Platz vier und schrammten mit zwei Punkten Rückstand auf Holstein Kiel nur haarscharf an den Relegationsspielen zur zweiten Liga gegen 1860 München vorbei. Die Arbeit des Duos Steffen/Zeyer war deutschlandweit hochgeschätzt, Anfragen von anderen Clubs an beide blieben nicht aus.

Erste kleinere atmosphärische Störungen

Die Erfolgsserie schweißte Trainer- und Funktionsteam mit dem Stamm der Mannschaft zu einem verschworenen Haufen zusammen. „Es wäre mehr drin gewesen“, fand Zeyer dennoch. Was er damit sagten wollte, aber nicht offen aussprach: Er hätte immer wieder einmal anders aufgestellt als der Trainer. Zum Beispiel öfter den laufstarken Bentley Baxter Bahn gebracht anstatt den in die Jahre gekommenen Kapitän Marchese. Erste kleinere atmosphärische Störungen zwischen Trainer und Sportdirektor kamen auf. Bei seiner Verabschiedung im November gab Steffen noch Zeyer den Tipp, sich nicht zu sehr einzumischen: ­„Micha, du bist kein Trainer.“

Einschneidende Maßnahmen in der Sommerpause vor der Saison 15/16 blieben aus. Die Kickers verpassten es, an den entscheidenden Stellschrauben zu drehen, um den nächsten Schritt nach vorne zu machen. Was sich in der Rückrunde zuvor bereits angedeutet hatte, setzte sich fort: Es wurde zu sehr aufs spielerische Element gelegt, zu wenig auf die körperliche Robustheit der Spieler. Zudem stimmte die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht. Allrounder Nick Fennell ließ man ziehen. Die von zweiten Mannschaften verpflichteten Manuel Bihr, Markus Mendler, Tobias Pachonik (alle 1. FC Nürnberg II) und Gratas Sirgedas (VfB Stuttgart II) blieben hinter den Erwartungen zurück oder spielten gar keine Rolle. Zudem riss der Abgang von Halimi eine Lücke.

Nach den sechs Niederlagen am Stück folgte die Trennung von Horst Steffen. „Es ist kein schöner Tag für uns“, sagte Zeyer damals über jenen 4. November 2015. Über den Tag, an dem er gemeinsam mit Präsident Rainer Lorz und dem damaligen Präsidiumsmitglied Frieder Kummer dem Chefcoach die Entscheidung mitteilte, dass seine Trainerdienste im ADM-Sportpark nicht mehr gefragt seien. Nicht allein die Niederlagenserie sei ausschlaggebend für die Trennung gewesen, hieß es damals. Es fehlte das klare Bekenntnis von Steffen zu den Blauen. Der Krefelder hatte das Angebot zur Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrags hartnäckig abgelehnt. Immer wieder hatten ihn in dieser Phase lukrative Offerten erreicht. Zweitligist 1860 München wollte Steffen Anfang Oktober 2015 sofort – die Blauen lehnten ab. Im Nachhinein ein Fehler. Statt ein Ablösesumme zu kassieren, mussten die Kickers Steffen nach der Beurlaubung bis zu seinem Einstieg bei Preußen Münster weiterbezahlen.

Der Abstieg mit Tomislav Stipic (November 2015 bis Mai 2016)

Zeyer setzte auf den unerfahrenen, aber selbstbewussten Tomislav Stipic („Ich traue mir alles zu“) als neuen Trainer. Die Mannschaft brachte er zunächst nicht in Schwung, die Misserfolge setzten sich bis Weihnachten fort. Die Spieler würden zu sehr dem alten Trainerteam nachtrauern, den neuen Coach gegen die Wand laufen lassen, stellte der Verein fest. Als Wurzel ­allen Übels wurde Marchese ausgemacht.

Nach dem ersten Sieg unter Stipic, dem 2:0 gegen Hansa Rostock am 6. Februar 2016, suspendierten die Kickers Marchese und Gerrit Müller. Selbst der Physiotherapeut musste gehen. Die personelle Substanz bröckelte immer mehr. Zuvor waren in der Winterpause bereits fünf Spieler aussortiert worden, darunter Torjäger Elia ­Soriano, der danach die Würzburger Kickers in die zweite Liga schoss. Zeyer hatte den Umbruch vorgeschlagen. Er wurde zu radikal vollzogen.

Zudem wurde in José-Alex Ikeng ein Mann verpflichtet, der in der Vergangenheit nicht nur menschlich negativ aufgefallen war, sondern nach Kreuzbandrissen auch den Medizintest nicht bestanden hatte. Zwar war es völlig richtig, das Versäumnis vom Sommer zuvor zu korrigieren und einen körperlich robusten Führungsspieler wie Klaus Gjasula für die strategisch wichtige Sechserposition zu holen, doch die Blauen hätten alle Mann für eine erfolgreiche Mission Klassenverbleib benötigt. Warum hatte der Verein nicht schon im Sommer zuvor einer Identifikationsfigur wie Marchese offen und transparent eine Rolle als „Back-up“ angeboten? Der „Papa der Kompanie“ hätte der 33-Jährige bleiben können.

Trotz einer Kette von Fehlentscheidungen schien es für die Blauen mit der neu formierten Truppe zum Ligaverbleib zu reichen. Doch ein Sechs-Punkte-Vorsprung auf einen Abstiegsplatz zwei Spieltage vor Schluss wurde noch verspielt. Die Konsequenz: Stipic durfte nicht weitermachen. Zeyer, die Hauptzielscheibe der Kritik, dagegen schon. Dabei hatte er unmittelbar nach dem Abstieg gesagt: „Ich übernehme die Verantwortung.“

Der Tiefpunkt mit Alfred Kaminski (Juni 2016 bis Oktober 2016)

Ein wirklicher Neuanfang war – trotz einer bis auf Sandro Abruscia komplett neuen Mannschaft – durch das Festhalten an Zeyer nicht gegeben. Dies verschärfte sich durch das Installieren von Alfred Kaminski als Cheftrainer. Er war für den großen Teil im Unterbau der Blauen ein rotes Tuch. Als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) war er für zahlreiche Abgänge von Trainern und Betreuern verantwortlich. Der Start in die Regionalligasaison stand also unter keinem guten Stern. Die schlimmsten Befürchtungen wurden mit dem 1:2 beim Schlusslicht FC Nöttingen am 16. Spieltag übertroffen. 378 Tage nach dem verschossenen Elfmeter von Marchese in Wehen war der Tiefpunkt ­erreicht. Der verspätete Neuanfang mit ­Interimscoach Dieter Märkle begann.

„Was die Kickers jetzt brauchen ist eine Aufbruchstimmung im ganzen Verein. Eine Person, die alle eint: Geschäftsstelle, Mannschaft, Trainerteam, Sponsoren und Fans“, sagt der Ex-Kickers-Profi Ralf Vollmer. Vielleicht müssen die Blauen diese integrative Figur mit Fußball-Sachverstand gar nicht weiter suchen, sondern haben sie in Dieter Märkle schon gefunden. Zumindest bis zur Winterpause. Um dann in Ruhe die Lage noch einmal zu analysieren.

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