Stuttgarter Kickers „Wir hinterfragen alles kritisch“

Von Jürgen Frey 

Schwierige Zeiten bei den Kickers: Präsident Rainer Lorz (li.,) Sportdirektor Michael Zeyser. Foto: Baumann
Schwierige Zeiten bei den Kickers: Präsident Rainer Lorz (li.,) Sportdirektor Michael Zeyser. Foto: Baumann

Für Rainer Lorz ist es mit die schwierigste Phase seiner Amtszeit, doch der Präsident des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers verliert nicht die Nerven: „Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen, kann die Krise auch eine Chance sein“, sagt er vor dem Spiel an diesem Samstag (14 Uhr) in Erfurt.

Stuttgart – - Herr Lorz, es ist bekannt, dass Ihnen Kickers-Niederlagen körperliche und seelische Schmerzen bereiten. Wie sehr leiden Sie ­derzeit?
Das Ganze nimmt mich schon sehr mit. Die eine oder andere schlaflose Nacht lässt sich da nicht vermeiden.
Wie versuchen Sie sich abzulenken?
Ich stürze mich in die Arbeit. Aber auch mit etwas Abstand bin ich immer noch erschrocken über die Art und Weise, wie die Niederlage gegen die Würzburger Kickers zustande kam. Das war ein blutleerer Auftritt.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Wir sind dabei, dies aufzuarbeiten. Jetzt muss vieles auf den Prüfstand. Wenn wir erkennen, an was es konkret liegt und wir die richtigen Schlüsse ziehen, dann kann diese Krise auch eine Chance sein, dann werden wir daraus gestärkt hervorgehen.

„Wir verlieren nicht die Nerven“

Bei fünf Niederlagen in Serie kann es doch auch in der Mannschaft nicht stimmen. Wo ist der Teamgeist, der die Kickers lange Zeit so stark gemacht hat?
Wir verlieren nicht die Nerven, doch wir hinterfragen alles kritisch. Aber: Die Mannschaft widerspricht hartnäckig, dass es an Teamgeist fehlt.
Haben Sie ähnlich wie Hoffenheims Chef Dietmar Hopp die Führungsspieler zum Gespräch gebeten?
Ich habe einen engen Draht zu allen Beteiligten im Verein. Ich bin keiner, der sich nur ab und zu blicken lässt. Wir alle im Präsidium pflegen einen sehr engen Dialog.
Ist es denn nicht ein Problem, dass Kapitän Enzo Marchese seiner Form hinterherläuft und deshalb möglicherweise nicht mehr als unumstrittene Führungsfigur akzeptiert wird?
Selbst wenn das so wäre, dann müssten andere an seine Stelle treten. Es kann nicht sein, dass sich die Spieler in ihr Schneckenhaus zurückziehen, hoffen, dass es irgendwann 3:0 steht und man dann mit Zaubern beginnt. Man kann nicht alles auf Enzos Schultern abladen.
Hätten Sie im Sommer nicht mindestens einen erfahrenen Mann verpflichten müssen und zudem bei den Neuzugängen mehr Wert auf die Defensive legen müssen?
Es ist legitim, dies zu diskutieren. Doch genauso wie unser Sportdirektor bin auch ich nach wie vor von der Qualität der Mannschaft überzeugt. Es gilt nun, dieses Potenzial auszuschöpfen, und dabei muss sich jeder zu 100 Prozent auf seine Aufgaben und seinen Teilbereich konzentrieren.
Haben den Trainer die Angebote anderer Clubs ins Grübeln gebracht, und hat sich diese Verunsicherung vielleicht auf die Mannschaft übertragen?
Das kann ich schwer beurteilten. Ich weiß nur: Wir alle sind mit der Situation professionell umgegangen. Und ich warne davor, irgendwelche Alibis zu liefern. Wir müssen uns aufs Wesentliche fokussieren.
Das da wäre?
Die Floskeln kämpfen, beißen, kratzen, Gras fressen sind mir zu platt. Aber wir müssen zurück zu den Basics. Jeder Spieler muss seinen Quadratmeter Boden beackern, die ihm auf dem Platz gestellten Aufgaben erfüllen und sich nicht mit Nebengeräuschen ­beschäftigen.

„Jeder darf nicht nur seinen Stiefel runterspielen“

Organisation und Raumaufteilung haben zuletzt nicht mehr gestimmt.
Das ist die Folge daraus. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren zu groß. Jeder muss dem anderen wieder helfen und nicht nur seinen Stiefel runterspielen. Es kann nicht sein, dass Würzburg mit einer Maßnahme, nämlich hoch anzulaufen, bei uns alles zum Einstürzen bringt.
Können Sie den Unmut der Fans verstehen?
Voll und ganz. Wie wir uns die Butter vom Brot haben nehmen lassen, geht gar nicht. Andererseits brauchen wir die Fans gerade jetzt. Aber es muss auch eine Initialzündung von der Mannschaft kommen. Aktionismus bringt jedenfalls nichts. Wir müssen offen analysieren, aus den Fehlern lernen und die Blockade lösen.

„Ich diskutiere nicht darüber, wie viele Spiele der Trainer verlieren darf“

Ihr Präsidiumsmitglied Frieder Kummer sagte, Horst Steffen könne noch weitere Spiele verlieren und stehe auch dann nicht zur Disposition. Sehen Sie das genauso?
Ich diskutiere nicht darüber, wie viele Spiele der Trainer verlieren darf. Fakt ist: Horst Steffen ist ein Top-Mann, der bei den Kickers gute Arbeit leistet und mit dem wir wieder in die Erfolgsspur kommen werden.
Aber irgendein Impuls muss doch jetzt gesetzt werden.
Den wird die sportliche Leitung setzen, vor allem durch klare Aufgaben und die Betonung dessen, was uns stark gemacht hat. Jetzt irgendwelche Parolen ex cathedra zu verkünden wäre eine Scheinaktivität. Das ist nicht mein Ding.
Könnte es sein, dass Spieler kurzfristig aussortiert werden und der 26-Mann-Kader verkleinert wird?
Der Kader ist groß, aber kurzfristig wird sich nichts tun. Es kann aber gut sein, dass wir in der Winterpause Korrekturen vornehmen und mit unzufriedenen Spielern sprechen werden.
Befürchten Sie, dass die Kickers in Abstiegsnot kommen können?
Wir müssen schnell wieder unsere Linie finden. Wenn das nicht gelingt und man unten drinsteckt, wird es nicht einfach. In dieser Liga ist jedes Spiel extrem hart umkämpft, ein echter Ritt auf der Rasierklinge.
Wie reagieren die Sponsoren auf den Sinkflug?
Keiner aus unserem Umfeld ist davon begeistert. Nach Platz acht und Platz vier in den vergangenen beiden Jahren ist es aber eben nicht garantiert, dass danach automatisch Platz zwei folgt. Wir alle sind irgendwie unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Da bleibt auch ein bisschen Häme manchmal nicht aus.

„Die Phase unter Gerd Dais war auch sehr schwierig“

Ist es Ihre schwierigste Zeit als Präsident?
Die Phase unter Trainer Gerd Dais Anfang 2013 und danach unter Massimo Morales war auch sehr schwierig. Aber aktuell haben wir eine viel positivere Basis mit einem viel besser besetzten Kader, damals wussten wir oft gar nicht, wer Stürmer spielen soll.
Sie stellen sich am 24. November mit Ihrem Team erneut zur Wahl, was wünschen Sie sich bis zur Mitgliederversammlung?
Dass die Spieler Einsatz und Laufbereitschaft zeigen, das Ruder als Team herumreißen und das Schiff wieder auf Kurs bringen.
Mit wie viel Punkten aus den Spielen bei Rot-Weiß Erfurt, gegen den FSV Mainz 05 II und beim Halleschen FC?
Mit möglichst vielen.

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