Die Kickers machen sich warm: Erstes Training im modernisierten Gazistadion Foto: Baumann

Fußball-Drittligist Stuttgarter Kickers fiebert dem ersten Auftritt in der alten Heimat entgegen. 4500 Tickets sind für das Spitzenspiel an diesem Samstag (14 Uhr/SWR) gegen Arminia Bielefeld bereits verkauft. Präsident Rainer Lorz spricht im Interview über die Hoffnungen, die er mit der Rückkkehr in das modernisierte Gazistadion verbindet, die Ziele der Blauen und ein mögliches Zweitliga-Derby gegen den VfB.

Stuttgart - Herr Lorz, haben Sie die Faschingsfeierlichkeiten gut verarbeitet?
(Lacht) Mit Fasching habe ich wenig am Hut. Das tangiert mich nicht, außer wenn ich aus beruflichen Gründen im Rheinland keinen ans Telefon bekomme.
Wie sehr freuen Sie sich denn auf den Einzug ins modernisierte Gazistadion?
Das wird bestimmt sehr stimmungsvoll. Die Vorfreude ist riesig. Man kann schon sagen, dass es der Beginn einer neuen Ära ist, ein Meilenstein für die Kickers.
Aus Reutlingen konnten Sie sich wegen des Spielausfalls gegen den Halleschen FC gar nicht verabschieden.
Wir haben uns an der Kreuzeiche sehr wohlgefühlt, und die Mannschaft wollte vor dem Spiel gegen Halle auch ein Dankesspruchband entrollen. Das werden wir nachholen, und es wird wahrscheinlich auch ein Vorbereitungsspiel gegen den SSV Reutlingen im kommenden Sommer geben.
Was kann das neue Stadion auf der Waldau bewirken?
Zunächst einmal ist wichtig, dass nun sichergestellt ist, dass wir die Lizenzanforderungen für die dritte Liga erfüllen. Zudem hoffe ich auf einen Anstieg der Zuschauerzahlen, höhere Einnahmen durch unseren sehr hellen, einladenden Business-Bereich und natürlich auf einen zusätzlichen Schub für die Mannschaft, damit sie die letzten Prozente herausholt.
Um den Aufstieg zu schaffen?
Das Team hat sich eine tolle Ausgangsposition erarbeitet. Wir haben den Ehrgeiz aufzusteigen. Nur propagieren wir das nicht ununterbrochen. Auch wenn es platt klingt: Wir denken von Spiel zu Spiel. Damit sind wir doch bisher prima gefahren. Schon die nächste Aufgabe wird knüppelhart.
Sind Sie sicher, dass die Mannschaft das Potenzial zum Aufstieg hat?
Ich habe nicht viele Mannschaften in dieser 20er-Liga gesehen, die besser sind als wir. Unsere Jungs sind heiß darauf, etwas zu reißen. Sie stemmen sich gegen drohende Niederlagen. Sie erzwingen ihr Glück und drehen die Spiele. Dieses Selbstvertrauen kommt durch die Erfolge.
Seit zehn Spielen ist das Team schon ­ungeschlagen.
Das dokumentiert unsere Konstanz, und das zeigt, wie schwer es ist, gegen die Kickers zu gewinnen.
Denken Sie noch oft an die Zeiten zurück, als Vorwürfe aufkamen, Sie würden wegen des Einstiegs des Investors die Seele der Kickers verkaufen?
Da muss man schon die Kirche im Dorf lassen. Schauen Sie, wo ehemalige Erst- und Zweitligisten wie der SSV Reutlingen, der SSV Ulm 1846, Alemannia Aachen oder Kickers Offenbach heute spielen. Auch wir hatten wahrlich nicht die beste Ausgangsposition, um aus der Regionalliga hochzukommen. Wir haben aber die richtigen Schritte gewählt, um die dritte Liga zu erreichen und uns positiv weiterzuentwickeln – dazu gehörte auch die Unterstützung durch Investorengelder.
War die Kontinuität in der Führungsetage das entscheidende Kriterium auf dem Weg nach oben?
Sportdirektor Michael Zeyer und Trainer Horst Steffen haben an der jüngsten Entwicklung sicher den größten Anteil. Aber natürlich spüren wir im Präsidium und auch im Aufsichtsrat, wie sich das Vertrauen bei den Fans, bei den Sponsoren, bei der Stadt aufgebaut hat und wie es gewachsen ist. ­Diese Anerkennung tut gut . . .
. . . und zahlt sich durch den Einstieg von Porsche vom 1. Juli an im Nachwuchsbereich konkret aus.
Das gibt uns einen Schub in Sachen Attraktivität. Wir werden von dieser Marke profitieren, da sie auch eine Strahlkraft für andere Sponsoren hat.
Das heißt, Sie können unter vielen neuen potenziellen Hauptsponsoren auswählen?
Wir sind gut unterwegs, aber es gibt noch nichts Greifbares. Der Partner muss ja auch zu den Kickers passen – solch ein Unternehmen findet man nicht über Nacht.
Aber vielleicht bis Ostern?
Wir brauchen einen neuen Hauptsponsor zum Start der neuen Runde.
Da könnte es in der zweiten Liga ein Derby gegen den VfB geben. Träumen Sie davon?
Ich träume davon, weil wir dann in der zweiten Liga wären, nicht weil es gegen den VfB gehen könnte.
Der VfB steckte schon öfter in der Krise, doch in der Historie des Stuttgarter Fußballs schwächelten die Kickers in solchen Phasen meistens noch mehr. Diesmal ist es anders. Können die Blauen das für ihre Zwecke nutzen?
Es gab auch schon Zeiten, in denen der VfB deutscher Meister wurde und die Kickers abgestiegen sind. Grundsätzlich definieren wir uns über uns selbst. Ich glaube nicht, dass man besser wird, wenn es dem Lokal­rivalen schlechter geht.
Also profitieren Sie nicht davon, wenn Rot in Not ist?
Mag sein, dass wir möglicherweise etwas profitieren, was das innerstädtische Standing angeht. Es wird schon mal nachgefragt und lobend erwähnt: „Mensch, bei euch tut sich etwas. Da wird attraktiver Fußball gezeigt.“ Aber noch einmal: Es ist nicht unsere Absicht, dass das Lob für unsere Arbeit zulasten des VfB geht.
Bleibt der VfB Stuttgart in der Bundesliga?
Es wird sehr, sehr schwer, aber in der Mannschaft sollte es genug Substanz haben, um den Schalter noch umlegen zu können.
Könnten die Kickers in der zweiten Liga ­mithalten?
Auch wenn es nur Spiele in der Vorbereitung waren: Wir haben im Januar gegen die Zweitligisten SV Sandhausen und VfR Aalen gewonnen. Die Aufsteiger zeigen, dass in der dritten Liga qualitativ guter Fußball gespielt wird. Der SV Darmstadt 98 beweist, dass man mit möglicherweise auch etwas beschränkten finanziellen Mitteln in der zweiten Liga etwas auf die Beine stellen kann.
Das Gazistadion müsste erneut erweitert werden. Warum hat man es nicht gleich zweitligatauglich ausgebaut?
Die Entscheidung zum Umbau hat die Stadt im Juli 2012 getroffen, wobei die Gespräche viel früher begonnen haben. Man hätte uns doch als Fantasten abgespeist, wenn wir damals ein Stadion für die zweite Liga gefordert hätten. Eine größere Kapazität der Haupttribüne war bei den Voraussetzungen vor Ort auch baurechtlich nicht machbar.
Wie sieht die Stadionplanung für den Fall des Aufstiegs aus?
Wir müssten eine Ausnahmegenehmigung beantragen, die für einen Übergangszeitraum im Normalfall gewährt wird. Danach müsste die Gesamtkapazität von aktuell exakt 11 461 Plätzen auf 15 000 erhöht werden und die Zahl der Sitzplätze von 2266 auf 3000 steigen. Das wäre machbar. Entsprechende Signale vonseiten der Stadt gibt es. Vollkommen klar ist, dass Degerloch unsere ­Heimat bleibt.
Was wünschen Sie sich für Samstag?
7000 bis 8000 Zuschauer und einen knappen Sieg.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: