Kickers-Fans: Sport darf nicht parteipolitisch sein, politisch ist er trotzdem. Foto: Baumann

Die AfD und die Stuttgarter Kickers – mehr als ein Sündenfall blauäugiger Funktionäre, meint unser Kommentator Gunter Barner.

Stuttgart - Auch wenn Wahlappelle für gewöhnlich so spannend sind wie ein Spiel ohne Torszenen, verlieren sie deshalb nicht an Bedeutung: Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) erinnert seine 27 Millionen Mitglieder in diesen Tagen daran, dass jedes Kreuzchen auf dem Stimmzettel auch Einfluss darauf nimmt, wie sich Vereine in unserer Gesellschaft entwickeln. Und wer den Aufruf der wichtigsten Sportorganisation im Land zu den Europawahlen studiert, kommt nur mit viel Fantasie auf die Idee, dass er seine Stimme der Alternative für Deutschland (AfD) geben könnte. Vom Völker verbindenden Charakter ist darin die Rede, vom Überwinden politischer und geistiger Grenzen. Und von der Verteidigung demokratischer Grundrechte in ganz Europa.

Augen auf bei der Funktionärs-(Aus)-wahl!

Zwar ist der Einfluss des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers auf den Lauf der Welt gering, typisch ist das jüngste Ärgernis aber doch: Immer wieder lässt sich der Sport für die Ziele der Parteikarrieristen jedweder Couleur instrumentalisieren. Augen auf bei der Funktionärs(aus)wahl! Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schoss mit dem CDU-Hinterbänkler Reinhard Grindel erst vor Kurzem ein Eigentor. Und Steffen Ernle, AfD-Vizesprecher im Kreisverband Böblingen und ziemlich weit auf dem rechten Flügel unterwegs, führte angeblich politisch unauffällig und mit besten Absichten den Förderverein des Clubs. Als die Personalie, begleitet von Protesten in den sozialen Medien, an die Öffentlichkeit drang, bemühte sich der Verein zwar um den Befreiungsschlag, aber die Worte des Präsidenten Rainer Lorz wirkten so unentschlossen wie zuletzt das Spiel seiner Mannschaft. Das klare Statement wider eine Partei, die viel von dem infrage stellt, was der Sport an ethischen und moralischen Werten für sich beansprucht, umdribbelte Lorz mit dem Standardtrick von blauäugigen Funktionären, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst sind: Die Kickers seien als Verein unpolitisch. Was formaljuristisch korrekt ist, das Problem aber nicht erfasst. Was hätte den Kickers-Chef und die Seinen daran gehindert, frühzeitig die richtigen Fragen zu stellen? Ernle trat erst unter dem Druck der Öffentlichkeit zurück.

Auch der VfB tappt in die Falle

Wie wichtig es ist, die Sensoren gegen die Vereinnahmungen durch die Politik zu schärfen, erfuhr auch das weiß-rote Präsidenten-Pendant vom Cannstatter Wasen: VfB-Boss Wolfgang Dietrich machte auf Twitter eher unfreiwillig Karriere als Fotomodell. Geknipst beim Lunch an der Seite von Joachim Steinhöfel, dem Anwalt von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel. Es liegt nun mal im Wesen der Politik, ihren Wirkungsbereich nach Möglichkeit zu vergrößern. Sitzt Kanzlerin Angela Merkel aus purer Begeisterung für den Fußball auf der Tribüne? Es wäre ja nicht das erste Mal in der Sportgeschichte, dass sich politische Strömungen seiner massenwirksamen Kräfte bedienen. In der Weimarer Republik teilte sich die Sportbewegung unter dem Einfluss der Politik in die demokratisch gesinnten Arbeitervereine und die der Monarchie unverändert ergebene Bewegung des Turnvaters Jahn. Im Dritten Reich geriet der Sport zum Propagandainstrument der Nazis. Diktatoren und Autokraten nutzen seit jeher den positiven Imagetransfer von sportlichen Großveranstaltungen.

Kannibalen am Tisch

,,Don’t mix politics with games“, forderte Chinas Staatschef Hu Jintao vor Olympia 2008 in Peking – „vermischen Sie nicht die Politik mit den Spielen“. Aber der Sport ist Teil der Gesellschaft, in der er lebt. Weshalb das sportliche Geschehen selbst unpolitisch sein kann, nie aber die Handlungen der Vereine oder Verbände. Funktionäre müssen mehr denn je achtsam und hellhörig bleiben. Sport ist ein Kulturgut, das den Menschen gehört. Und zwar allen.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de

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