Zum Regionalliga-Re-Start empfangen die Stuttgarter Kickers den 1. FSV Mainz 05 II. Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht spricht über das geänderte Spielsystem, Neuzugänge und Ziele.
Nach einer gelungenen Vorbereitung beginnt für Fußball-Regionalligist Stuttgarter Kickers an diesem Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) gegen den 1. FSV Mainz 05 II der Pflichtspielernst 2026. Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht schätzt die Lage ein.
Herr Siebrecht, fünf Testspiele, vier Siege, ein Unentschieden – sind die Kickers in Frühform?
Die Ergebnisse geben auf jeden Fall Selbstbewusstsein. Das kann die Mannschaft gut vertragen und mitnehmen in das Spiel gegen Mainz 05 II. Dann zählt’s, das wird die erste richtige Standortbestimmung.
Was sind die Haupterkenntnisse aus der Winter-Vorbereitung?
Wir haben 20 Tore erzielt, das ist für mich sehr erfreulich. Und zeigt, dass wir uns offensiv weiterentwickeln.
Es gab aber auch elf Gegentore.
An der Stabilität in der Defensive arbeiten wir. Gerade aus unserem jüngsten 4:4 beim 1. FC Nürnberg II gilt es zu lernen, damit wir uns da verbessern. Insgesamt macht die Mannschaft aber einen sehr guten, fitten Eindruck. Sie präsentiert sich sehr willig, laufstark und kann intensive Wege gehen. Diesbezüglich sind wir sehr gut vorbereitet. Jetzt hoffen wir, dass die angeschlagenen Spieler zurückkommen, das gibt uns zusätzlich noch mehr Optionen.
Besonders auffallend über die Strecke der Vorbereitung: Neuzugang Abdoulie Mboob belebt die Offensive.
Mit seiner Dynamik, seinem Tempo seinem extremen Tordrang tut er uns gut, egal ob er selbst zum Abschluss kommt oder seine Mitspieler einsetzt. Zudem hat er sich an die höhere körperliche Belastung erstaunlich schnell gewöhnt. Jedoch müssen wir ihm die nötige Zeit geben, sich zu entwickeln.
Als Ergebnis der Winter-Analyse hatten Sie angekündigt, dass die Mannschaft mit einfachem, klaren Spielsystem und intensivem Spiel gegen den Ball allen Freude bereiten soll. Ist die Umstellung vom bisherigen 4-3-3- auf ein 3-4-2-1-System eine Folge davon?
Meine Aussage zielte nicht auf eine Systematik ab, sondern auf die Herangehensweise an die Spiele. Diese Art und Weise von Fußball kann man in verschiedenen Grundordnungen spielen.
Neben Mboob kam mit Thomas Bromma auch noch ein vierter Keeper. Warum?
Wir wussten zum Zeitpunkt der Verpflichtung nicht genau, wie sich das Knie von Felix Dornebusch nach der langen Verletzungspause entwickelt. Das konnten wir nicht zu 100 Prozent einschätzen, daher wollten wir noch einen zusätzlichen Torhüter verpflichten. Thomas Bromma kennt den Verein, er kommt aus der Region und hat daher keine lange Anlaufzeit gebraucht. Und: Er kennt seine Rolle bei uns genau.
Dornebusch betonte, dass er sich bei den Kickers sehr wohl fühlt, werden Sie mit ihm verlängern?
Im Moment geht es darum, dass Felix gesund bleibt, täglich trainieren und wieder Spiele bestreiten kann. Wir sind sehr froh, dass er wieder jeden Tag mit der Mannschaft zusammen ist und seine Rolle als Führungsspieler ausfüllen kann. Wir werden uns zu gegebener Zeit zusammensitzen und alles besprechen.
Weitere acht Spielerverträge laufen aus. Wollen Sie zum Beispiel mit Per Lockl verlängern? Können Sie Torjäger Flamur Berisha halten?
Ich werde keine einzelnen Namen kommentieren und auch keine Wasserstandsmeldungen abgeben. Es wäre unseriös, das in der Öffentlichkeit zu tun. Auch bei allen anderen Spielern werden wir zu gegebener Zeit sprechen.
Ein aggressiver, wuchtiger Leader für die Zentrale wie der großgewachsene Marke Ruben Reisig oder Marco Kehl-Gomez steht schon länger auf der Wunschliste. Werden Sie einen solchen Spielertyp verpflichten?
Ich kommentiere grundsätzlich keine Transfer- oder Personalthemen. Generell beobachten wir die Situation unseres Kaders aber stets sehr genau und prüfen kontinuierlich, wie wir optimieren können.
Eine Vertragsverlängerung mit Marco Wildersinn wäre – vorsichtig formuliert – eine Überraschung. Kann den Trainer nur eine Siegesserie retten?
Auch dieses Thema werden wir in der Öffentlichkeit nicht besprechen. Glauben Sie mir aber, dass wir in einem regelmäßigen und guten Austausch sind.
Unabhängig von Marco Wildersinn ist es doch ganz grundsätzlich ein Vorteil, wenn ein Trainer auf die Personalthemen für die Saison, in der er verantwortlich ist, auch Einfluss nimmt und Mitspracherecht hat – oder sehen Sie das anders?
Viele Trainer kommen sogar erst während der Saison, müssen mit den gegebenen Möglichkeiten leben und mit den Spielern arbeiten, die da sind. Das ist nichts Ungewöhnliches im Fußball. Wichtig ist, dass ein Verein eine klare Philosophie hat, nach der er sein Personal auswählt.
Bereits verpflichtet wurde der als Toptalent gepriesene 22-jährige Stürmer Laurin Völlmerk aus der bayrischen Landesliga. Zumal er keine 17 oder 18 mehr ist, wenn er solch außergewöhnliche Fähigkeiten hat – warum ging er den bayrischen Proficlubs durch die Lappen?
Ich weiß gar nicht, wer an ihm dran war. Er hat sich ganz bewusst für uns entschieden. Darüber sind wir sehr froh. Wir geben hier jungen und entwicklungsfähigen Spielern die Chance, sich zu entwickeln. Laurin bringt ein hochinteressantes Profil mit – er ist groß, schnell, wuchtig, torgefährlich.
Was erwarten Sie von den restlichen 14 Saisonspielen?
Die Art und Weise habe ich beschrieben, dadurch wollen wir erfolgreich spielen, uns Schritt für Schritt verbessern – auch in der Tabelle, das ist mir schon sehr wichtig.
Steigen zwei Drittligisten in die Regionalliga Südwest ab, gibt es dort fünf Absteiger. Bei diesem Szenario hätten die Kickers nur ein Drei-Punkte-Polster nach hinten. Haben Sie das im Blick?
So etwas hat man immer im Kopf, wenn man in der Verantwortung steht. Ich hoffe, dass Ulm und Saarbrücken in der dritten Liga bleiben, aber darauf haben wir keinen Einfluss. Wir schauen nicht auf andere Clubs, wir wollen unsere Hausaufgaben machen und fleißig Punkte sammeln.
Von den ersten sechs Spielen sind vier daheim. . .
. . . das gefällt mir gut, genauso wie die Tatsache, dass wir im Pokal gegen den SGV Freiberg daheim spielen können – auch wenn das gegen den aktuellen Regionalliga-Spitzenreiter ein ganz dickes Brett wird, das wir da zu bohren haben.
Zur Person
Karriere
Lutz Siebrecht wurde am 26. Oktober 1967 in Geislingen/Steige geboren. Er begann seine Laufbahn bei seinem Heimatclub SC Geislingen, später absolvierte er zwischen 1988 und 1991 als offensiver Mittelfeldspieler für den SV Waldhof Mannheim 44 Bundesliga- und 18 Zweitligaspiele. Von 2015 bis 2018 fungierte er als Sportlicher Leiter beim SSV Ulm 1846, von Juli 2019 bis Oktober 2021 in gleicher Rolle bei den Stuttgarter Kickers. Danach folgte er seinem früheren Mitspieler, Freund und Nachbarn Markus Gisdol zu Lokomotive Moskau, wo er den Teammanagerposten antrat. Infolge des russisch-ukrainischen Krieges traten beide im März 2022 von ihren Ämtern zurück. Zum 1. Januar 2025 kehrte Siebrecht als Geschäftsführer Sport zu den Kickers zurück.
Persönliches
Neben seiner sportlichen Tätigkeit ist er einer von zwei Geschäftsführern bei der Wirth GmbH & Co. KG, ein auf dem Großmarkt Stuttgart handelndes Unternehmen, welches vorrangig Feinkostläden, Wochenmarkthändler sowie große Handelsketten mit (Süd-)Früchten beliefert. Siebrecht ist verheiratet, hat zwei Söhne (34 und 31 Jahre) und eine Tochter (23). Er wohnt in Bad Überkingen. Sein Hobby ist Reisen. (jüf)