Stuttgarter Kickers im freien Fall Niedergang der Blauen – alles, nur kein Zufall

Von Jürgen Frey 

Schwere Zeiten: Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker (li.), Präsident Rainer Lorz. Foto: Baumann
Schwere Zeiten: Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker (li.), Präsident Rainer Lorz. Foto: Baumann

Der einst ruhmreiche Club ist so tief gesunken wie noch nie. Die Stuttgarter Kickers stehen mit eineinhalb Beinen in der Oberliga. Der fast sichere Abstieg in die Fünftklassigkeit ist die Quittung für eine Kette von Fehlentscheidungen.

Stuttgart - Die Talfahrt des ehemaligen Fußball-Bundesligisten (1988/89 und 1991/92) Stuttgarter Kickers kommt nicht von ungefähr. Sie hat einen langen Vorlauf. Die Knackpunkte der vergangenen vier Jahre:

Trennung von Horst Steffen: Am Ende der Saison 2014/15 ware die Stuttgarter Kickers auf dem besten Weg, wieder viele Sympathien auf sich zu vereinen. Als Drittliga-Vierter schrammten sie nur haarscharf an den Relegationsspielen zur zweiten Liga vorbei. In der darauf folgenden Runde führten die Blauen eine Woche nach dem begeisternden 1:0 gegen den FC Mageburg am 19. September 2015 auch am neunten Spieltag beim SV Wehen Wiesbaden mit 3:1. In der Blitztabelle stehen die Kickers auf Platz zwei. Enzo Marchese vergibt einen Foulelfmeter zum möglichen 4:1. Die Partie endete 3:3. Oberflächlich betrachtet begann damit die Talfahrt. Die Kickers überredeten Trainer Steffen, der sich mit 1860 München einig war, in dieser Phase zum Bleiben, verzichteten damit auf eine satte Ablöses – um sich am 4. November von ihm zu trennen. Zu radikaler Umbau: Der damalige Sportdirektor Michael Zeyer holte Tomislav Stipic als Steffen-Nachfolger und baute in der folgenden Winterpause den Kader radikal um. Das Aussortieren blauer Urgesteine, die zumindest ihr Kämpferherz am rechten Fleck hatten, ging weiter: Nach Spielern wie Julian Leist, Nick Fennell, Patrick Auracher, Fabio Leutenecker traf es nun Enzo Marchese und Gerrit Müller. Am Ende stand trotz sechs Punkten Vorsprung zwei Spieltage vor Schluss der Abstieg. Kein Plan B: Die Blauen hatten für den unerwarteten Abstieg in die Regionalliga für die Saison 2016/17 keinen Plan B, sie hielten an Zeyer als Sportdirektor fest, schickten dafür bis auf Sandro Abruscia alle Spieler weg. Selbst auf Marc Stein, der gerne geblieben wäre, wurde kein Wert mehr gelegt. Am 20. Oktober kam es zur Trennung von Zeyer. Vier Tage später folgte der Rauswurf von Coach Alfred Kaminski. Im unerfahrenen Tomasz Kaczmarek kam erneut eher ein Trainertyp der Marke Theoretiker, der zudem ohne Sportlichen Leiter an seiner Seite, viel zu lange allein gelassen wurde. Erneut schlechte Personalpolitik: Nach dem Klassenverbleib am Ende der Saison 2106/17 folgte das Desaster im WFV-Pokalfinale. Die Enttäuschung nahmen die Blauen mit in die neue Saison. Obwohl jeder wusste, dass es dem Kader vor allem an körperlich robusten Führungsspielern mangelt, kamen wieder nicht die richtigen Neuzugänge. Am 17. Oktober 2017 wurde Kaczmarek gefeuert. Erst im November holten die Blauen in Martin Braun einen neuen sportlichen Leiter. Weder die Winterneuzugänge noch die verpflichteten Trainer Paco Vaz und Jürgen Seeberger konnten das drohende Unheil aufhalten.

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