In der Saison 2013/14 spielte der ATSV Mutschelbach noch in der Kreisliga A. Mit einem Augenzwinkern nennt sich der Verein „die Macht an der A8“. Was steckt hinter dem Aufsteiger, der am Mittwoch bei den Stuttgarter Kickers aufkreuzt?
Seit die Stuttgarter Kickers in die Fußball-Oberliga abgestiegen sind, kommt der ehemalige Bundesligist immer wieder mit Vereinen in Kontakt, gegen die er bis dato noch nie um Punkte gespielt hat. Der 1. FC Rieslasingen-Arlen und der SV Oberachern sind solche Teams, in dieser Saison kamen der FSV Hollenbach und der FC Holzhausen dazu sowie der Club, der an diesem Mittwoch (19 Uhr) im Gazi-Stadion auf der Waldau gastiert: Der ATSV Mutschelbach.
„ATSV – wer?“, werden sich viele Fans im Lager der Kickers fragen. Und böse darüber kann man keinem sein, auch mit Überheblichkeit hat das nichts zu tun, denn dieser Verein spielte in der Saison 2013/14 noch in der Kreisliga A. Danach begann allerdings ein fast märchenhafter Aufstieg. Weshalb ein paar pfiffige Fans die Idee für einen markanten Slogan hatten, den sie auch auf ein Transparent pinselten, das auf ihrem Sportplatz hängt: „Die Macht an der A8“. Dem Spruch zu Grunde liegen zum einen die beachtlichen sportlichen Erfolge, zum anderen die Lage des 2500-Einwohner-Ortsteils der Gemeinde Karlsbad im Landkreis Karlsruhe an der Autobahn. Die A8 teilt sogar die Wohngebiete Ober- und Untermutschelbach.
Jetzt kommt es also zum Gastspiel bei den Stuttgarter Kickers. „Das wird das Größte für unseren Verein“, sagt Trainer Dietmar Blicker. Bisher war das Größte das Gastspiel am sechsten Oberliga-Spieltag beim SSV Reutlingen im Kreuzeiche-Stadion: „Schon da saßen unsere treuen Rentner-Fans auf der riesigen Tribüne, rieben sich verwundert die Augen und fragten sich, ist das unsere Mannschaft da unten auf dem Spielfeld?“ Sie war es – und sie gewann am 2. September auch noch beim Ex-Zweitligisten mit 2:1. Am Samstag legte das Team mit einem 3:1 gegen Regionalliga-Absteiger SG Sonnenhof Großaspach nach. „Wir hätten sogar höher gewinnen müssen“, sagt Blicker. Das zeigt: Dieser weithin unbekannte Außenseiter ist mehr als nur angekommen in der Liga. „Sportlich und organisatorisch lässt sich die Oberliga bewältigen, aber unser einziges Ziel bleibt der Klassenverbleib“, lautet Blickers erstes kleines Zwischenfazit.
Zwei Unternehmer unterstützen kräftig
Wie es der Club es aus den Niederungen der Kreisliga A nach oben geschafft hat? Natürlich nicht nur mit Kameradschaft und einer Bratwurst als Siegprämie, sondern mit den branchenüblichen finanziellen Mitteln. Zwei erfolgreiche Unternehmer, die im Verein auch seit Jahren Verantwortung übernehmen, stehen dabei an oberster Stelle: Der Sportdirektor Jörg Konstandin mit seiner Firma Pneumatik-Pneutronik und der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Piston, nach dem auch das rund 2500 Zuschauer fassende Stadion Piston-Edeka benannt ist.
Als der Verein dann nach vier Jahren in der Landesliga in die Verbandsliga aufgestiegen war, kam 2018 Dietmar Blicker (zuvor 1. SV Mörsch) als neuer Trainer hinzu. Die Verpflichtung war der nächste Schritt zu professionelleren Strukturen. Der 51-Jährige wurde schon als „Mini-Rangnick“ betitelt, da er bekannt dafür ist, wissenschaftliche Ansätze mit der Praxis zu verbinden. Was daran liegt, dass er als Hochschulsportleiter und stellvertretender Geschäftsführer des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie maßgeblich an der Ausbildung der sportwissenschaftlichen Absolventen beteiligt ist. Seine Expertise im Bereich Spielanalyse und Scouting bringt er zudem seit vielen Jahren beim Karlsruher SC ein, im Nachwuchsleistungszentrum des Zweitligisten ist er außerdem für die Trainerausbildung und Qualitätssicherung zuständig.
Enge Verbindungen zum KSC
Dadurch ergeben sich Verbindungen zwischen ATSV und KSC automatisch. 75 Prozent der Spieler aus dem aktuellen Oberligakader haben eine KSC-Vergangenheit. Nur bei Verteidiger Collin Bitzer reicht der Stammbaum bis ins Schwabenland – er spielte in der Jugend beim VfB Stuttgart.
Der 26-Jährige fiebert wie der ganze Verein und der Trainer dem Auftritt in Degerloch entgegen: „Auch wenn wir vor der maximal schwersten Aufgabe stehen und wir schauen müssen, dass wir nicht unter die Räder kommen, werden wir dieses Spiel genießen“, sagt Dietmar Blicker. Auf der Tribüne werden nicht nur die „Rentner-Fans“ die Daumen drücken, sondern auch andere Vereinsmitglieder. Denn trotz des märchenhaften Aufstiegs hat der ATSV die Basis nicht vergessen: Die zweite Mannschaft spielt in der Landesliga, die dritte in der Kreisliga B – und das Damenteam ist in der Verbandsliga vertreten. Das alles – und nicht nur die Autobahn – macht Mutschelbach zumindest mit einem Augenzwinkern zur „Macht an der A8“.