Selbstkritisch wollen die Stuttgarter Kickers den erneut verpassten Aufstieg analysieren, die extreme Enttäuschung verarbeiten und die richtigen Schlüsse für die neue Saison daraus ziehen.
Präsident, Sportdirektor, Trainer, Spieler, Fans – alle waren sie am Boden zerstört, deprimiert, einfach leer. Wahrscheinlich war Urlaub für alle, die irgendwie mit dem Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers zu tun haben, noch nie so wichtig wie diesmal. Nach dem mit dem 1:1 im letzten Aufstiegsspiel bei Eintracht Trier erneut verpassten Sprung in die Regionalliga gilt es, vor allem die Köpfe freizubekommen. Bevor es am 1. Juli mit dem Training auf die am 6. August beginnende Oberligasaison wieder losgeht, wird die abgelaufene Runde aufgearbeitet.
„Wir werden ein, zwei Tage das Ganze sacken lassen, dann durchaus auch selbstkritisch in die Analyse gehen und schauen, welche Schlüsse wir ziehen“, sagte Trainer Mustafa Ünal. Im Vordergrund dürfte dabei die Tatsache stehen, dass bei allem Pech in den vergangenen Wochen im entscheidenden Spiel in Trier manche Spieler ihre Nerven nicht im Griff hatten: Zu wenig kühler Kopf, zu viele Emotionen, zu viel Risiko. Dies führte zu zwei Platzverweisen, die letztendlich den Aufstieg kosteten. Dass dieses Fehlverhalten auch mit mangelnder Qualität zu tun hat, weiß jeder, der im Fußballgeschäft zu Hause ist.
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Nach der Analyse dürfte noch an diversen Stellschrauben gedreht werden. Zwar steht der Kader größtenteils, doch ein paar Fragezeichen gibt es noch. Zum Beispiel: Bleibt Lirim Hoxha, der es in den vergangenen Wochen nicht in den Kader schaffte? Bleibt Stürmerkollege Mohamed Baroudi, dessen Vertrag nur im Aufstiegsfall weitergelaufen wäre? „Es liegt am Spieler, wir würden uns freuen, wenn Momo bleibt“, sagt Ünal. Auch bei Abwehrspieler Julian Leist (Vertrag bis 2023) ist noch nicht endgültig geklärt, ob er weiterhin fest zum Kader gehört oder in anderer Rolle dem Verein erhalten bleibt.
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Leist beginnt Trainer-Ausbildung
Am 27. Juni beginnt der 34-Jährige seine Trainer-B-Lizenz-Ausbildung. Auch die Personalie Konrad Riehle könnte noch spannend werden. Der Offensivmann hat durch seine couragierten Auftritte das Interesse von U-23-Teams von Proficlubs geweckt, allerdings fehlt dem 20-Jährigen bisweilen selbst in der Oberliga noch die Power für 90 Minuten. Auch in Trier musste er Mitte der zweiten Halbzeit ausgewechselt werden. „Wir wissen, was wir an ihm haben, er weiß, was er an uns hat, Konrad kann sich bei uns optimal weiterentwickeln“, hofft Ünal, dass der Ex-Heidenheimer bleibt. Das gilt auch für Innenverteidiger Niklas Kolbe.
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Als Neuzugänge stehen Flamur Berisha (SGV Freiberg) für die offensive Außenbahn, Mittelfeldspieler Lukas Kiefer (SSV Ulm 1846), die Zwillinge Loris Maier (Sturm) und Leon Maier (Mittelfeld) von der TSG Backnang fest. Aus der eigenen U19 rücken Oguzhan Kececi, Torben Hohloch und Halim Eroglu (darf noch A-Junioren spielen) in die erste Mannschaft auf. Der an den 1. Göppinger SV ausgeliehene Tyron Profis kehrt nach aktuellem Stand zurück. Noch nicht entschieden ist, ob und wie Kapitän Mijo Tunjic ersetzt wird. „Nach Mijos Abgang sollten wir definitiv noch einen Stürmer holen“, betont Ünal. Tunjic wechselt zum Ligarivalen 1. Göppinger SV und hätte sich einen anderen Abschied gewünscht.
Tunjics kühne Prognose
„Es war nicht mein Plan, in der kommenden Saison gegen die Kickers zu spielen“, sagt der 34-Jährige, der den Blauen eine überragende Saison 2022/23 zutraut: „Die Mannschaft ist so gefestigt, so stabil, sie wird mit zehn bis 15 Punkten Vorsprung Meister.“ Eine mehr als kühne, wenig realistische Prognose, die an die Aussage von Franz Beckenbauer 1990 erinnert: „Die deutsche Mannschaft wird über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein.“ Ünal lässt sich davon nicht blenden. „Für uns wird es brutal schwer, nicht viel einfacher als in diesem Jahr“, prognostiziert er einen harten Kampf mit Teams wie Absteiger SG Sonnenhof Großaspach, dem FC 08 Villingen, dem 1. CfR Pforzheims oder Tunjics Göppingern.
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Glaube erst einmal wieder weg
Der psychologische Aspekt kommt beim neuerlichen Anlauf Richtung Regionalliga hinzu. Nach dem WFV-Pokal-Sieg war rund um die Kickers der Glaube zurückgekehrt, dass Erfolge in diesem Verein wieder möglich sind. Der ist nun erst einmal wieder weg. „Wir müssen die Enttäuschung in der Sommerpause aus den Klamotten schütteln – dann greifen wir wieder an“, sagte Offensivmann Markus Obernosterer. Die intensive, athletisch geprägte Spielweise sollte bei diesem Ansinnen beibehalten werden – der kühle Kopf in den entscheidenden Situationen hinzukommen.
Kickers-Programm
Termine
Trainingsstart am 1. Juli, für einige Stammkräfte erst am 4. Juli. Erste WFV-Pokalrunde am 23. Juli. Erste DFB-Pokal-Runde gegen die SpVgg Greuther Fürth am 30. Juli (18 Uhr). Erster Oberliga-Spieltag am 6. August.