Stuttgarter Kantorei Es ist vollbracht

Von Susanne Benda 

Der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen.  Foto: Christian Hass
Der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen. Foto: Christian Hass

Denkwürdig wurde die Aufführung von Bachs Johannespassion durch die Stuttgarter Kantorei unter der Leitung von Stuttgarts Stiftskantor Kay Johannsen.

Stuttgart - Laienchor? Das klingt nach gutem Willen und eifrigem Bemühen. Beides hat die Stuttgarter Kantorei am Karfreitag in der Stiftskirche bewiesen, aber denkwürdig wurde ihre Aufführung von Bachs Johannespassion unter der Leitung von Stuttgarts Stiftskantor Kay Johannsen vor allem dadurch, dass es dabei nicht blieb. Weit ist dieser Abend über das bei Amateursängern übliche und normalerweise Mögliche hinausgegangen: Johannsen hat nicht nur die Stimmen seines Chores fein ausbalanciert und miteinander verschmolzen, sondern außerdem Präzision und Hingabe der Sänger auf so feine und detaillierte Weise zusammengebracht, dass sich mancher Profi-Chor davon eine Scheibe abschneiden könnte.

Klare Textaussprache, exakte Tonvorstellung, hohe Konzentration: Diese Qualitäten der Kantorei, mit denen das Ensemble Stiftsbarock erst im zweiten Teil der Passion wirklich mithält, prägen ein Konzert, bei dem die auswendig gesungenen, in weiten Bögen, sehr frei und sehr expressiv genommenen Choräle als Momente der individuellen Reflexion im Mittelpunkt stehen.

Hier ganz schlicht, dort dynamisiert, beschleunigt oder ausgebremst und farblich abgetönt: Dieser Chorklang erweist sich zumal bei den Choralsätzen als das Ergebnis ­akribischer Detailarbeit. Dabei ist in ­Johannsens Johannespassion Perfektion kein Selbstzweck, und es geht – auch wenn mancher Volkschor auf packende Weise ­dramatisch durchgestaltet wird - nicht um oratorisches Theater, sondern um inneres Bewegtsein.

Das Orchester, vor allem die anfangs noch nicht ganz präsente Continuo-Gruppe, braucht ein wenig, um sich hineinzufinden, aber das wird. Und unter den Solisten sind exzellente. Jan Kobow etwa, der als Evangelist das Passionsgeschehen auf so ergreifende Weise selbst durchlebt, dass man ihm kleinere Unsicherheiten und Angestrengtheiten in der Höhe gerne nachsieht.

Oder die wundervolle Sopranistin Franziska Bobe, die ihre zwei Arien mit gerader, genauer Kopfstimme, mühelos und ausdrucksvoll gestaltet. Sie und auch Kresimir Strazanac (Christusworte), David Pichl­maier (Bass), Stephan Scherpe (Tenor) und Sonja Koppelhuber (Alt) tragen eine ­Aufführung mit, die kaum intensiver gelingen kann.

Weil der Stiftskantor diese ­weniger als Konzert verstand denn als musikalischen Nachvollzug des Passionsgeschehens, bat er im Programmheft darum, auf Beifall zu verzichten, und so verließen die Zuhörer die Kirche still, bereichert und ergriffen.

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