Der Cellist Maximilian Hornung Foto: Marco Borggreve

Beim 3. Abonnementkonzert am 10. Dezember spielt das Stuttgarter Kammerorchester in der Stuttgarter Liederhalle unter der Leitung von Chefdirigent Matthias Foremny eine Uraufführung: Ein Cellokonzert von Arturo Fuentes, geschrieben für Maximilian Hornung.

Unter dem geheimnisvoll klingenden Titel für den Abend, „Die Sinfonie der Königin“, stellt man sich leicht etwas Romantisches vor. Doch die französische Königin Marie-Antoinette starb bekanntlich 1793 auf dem Schafott, was sicher nicht romantisch war.

Die verbindende thematische Klammer ist eher Joseph Haydn (1732–1809). Der ältere Freund von Wolfgang Amadeus Mozart und herausragende Vertreter der Wiener Klassik verbrachte nämlich 30 Jahre als Hofkapellmeister auf dem Landsitz des Fürsten Esterházy in Ungarn und sagte darüber einmal: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, so musste ich original werden.“

Es ist die Abwesenheit von störenden Einflüssen, die so oft große Kunst erst möglich macht. „L’Éloignement“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Entfernung“ oder „Abwesenheit, ist auch der Titel des Werks für Streichorchester, mit dem das Konzert beginnt. Geschrieben hat es der Franzose Qigang Chen, der 1951 in Shanghai geboren wurde. Sein Vater, ein Maler, war während der Kulturrevolution als Konterrevolutionär gebrandmarkt und weggesperrt worden. Auch der Sohn kam durch Sippenhaft für drei Jahre in ein „Umerziehungslager“; selbst danach wurde seine Ausbildung behindert. Als er trotzdem einen nationalen Kompositionswettbewerb gewann, durfte er 1982 mit einem Stipendium nach Frankreich und wurde der letzte Schüler von Olivier Messiaen.

Weggesperrt ins Arbeitslager

Chen kombiniert chinesische Tradition und Folklore originell mit westlicher Musik. Die schwebenden Klänge von „L’Éloignement“ sind Programm: Da geht einer für gut 16 Minuten auf Abstand, sucht Distanz vom Alten und findet Nähe erst wieder in etwas Neuem. Denn wer im Lager war, schreibt keine Musik im Gefühlsrausch.

Danach ist Haydns Konzert Nr. 2 D-Dur für Violoncello und Orchester zu hören. Es entstand 1783, noch vor der Zeit bei Esterházy. Das reife Werk der Wiener Klassik erlaubt dem Solisten Maximilian Hornung zu zeigen, was er kann. Der Einfluss Mozarts besteht wohl in dem „singenden Allegro“ des überlangen ersten von vier Sätzen (14 von insgesamt 24 Minuten).

Hornung (1986 in Augsburg geboren) ist ein Star mit Blitzkarriere: Schon mit acht Jahren erhielt er seinen ersten Cello-Unterricht, da dürfte das Instrument ihn noch überragt haben. Seine Lehrer waren unter anderem Eldar Issakadze und David Geringas. 2005 gewann er den Deutschen Musikwett­bewerb, 2007 den ARD-Musikwettbewerb. Mit nur 23 Jahren wurde er bis 2013 erster Solocellist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Unter anderem wird er vom Freundeskreis der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung gefördert.

Bestechende Musikalität

Kritiker bescheinigen Hornung eine bestechende Musikalität, instinktive Stilsicherheit und die musikalische Reife eines Frühvollendeten. Als Solist spielte er unter anderem zusammen mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Pittsburgh Symphony Orchestra, dem Tonhalle-Orchester Zürich, den Wiener Symphonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder den Bamberger Symphonikern.

Nach der Pause ist dann Maximilian Hornung mit einer Uraufführung zu erleben. Das Cellokonzert des Mexikaners Arturo Fuentes, der seit 2004 in Tirol lebt, ist ein Kompositionsauftrag des Stuttgarter Kammer­orchesters, finanziert durch die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung. Fuentes gilt als einer der eigenwilligsten zeitgenössischen Komponisten und ist auch in seinem Cellokonzert auf der Suche nach einer „ätherischen Tonalität“.

Dynamik und Mobilität der neuen Technik

Er wurde 1975 in Mexiko-Stadt geboren und ging 1997 nach Europa. Dort studierte er in Mailand, Paris und London. Am SWR-Experimentalstudio Freiburg, am ZKM Karlsruhe und in Zürich entdeckte er für seine Instrumentalmusik die Elektroakustik. Neben dem Computer ist ihm die Philosophie wichtig. Aber er sucht auch „eine gewisse Art von Leichtigkeit“. Darin spiegeln sich Dynamik und Mobilität der neuen Technik. Sein Ziel: „Ein von konstanter Erregung erfüllter Klangraum, ein akribisch arrangiertes, kaleidoskopisches Chaos.“ Schau’n wir mal, hör’n wir mal.

Abschließend gibt es nochmals Joseph Haydn: die majestätische Sinfonie Nr. 85 B-Dur von 1875 mit dem Bei­namen „La Reine“, (angeblich weil Frankreichs verschwenderische Königin Marie-Antoinette sie so liebte).

Stuttgarter Kammer­orchester und Maximilian Hornung: 10. Dezember, 20 Uhr,Theaterhaus, Tickets 07 11 / 2 24 77 20

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