Zum Auftakt der Saison hat das Stuttgarter Kammerorchester im Hegelsaal der Liederhalle Bach und Hartmann gespielt – mit Thomas Zehetmair als Solist und Dirigent.
Stuttgart - War da nicht was? Mancher, der am Sonntagabend eines der beiden Konzerte des Stuttgarter Kammerorchesters besuchte, mochte sich erinnern, dass er noch vor wenigen Wochen just an diesem Ort seine Corona-Impfung abholte. Jetzt ist die Kultur zwar zurückgekehrt in den Hegelsaal der Liederhalle, und das ist ein wunderbares Zeichen für Aufbruch und Neubeginn, aber die andere Energie ist auch noch im Raum. Sie rührt allerdings auch daher, dass das Kammerorchester weiter auf Abstand setzt – und dass außerdem Maskenpflicht gilt (die allerdings mindestens ein Drittel der Besucher nach dem Hinsetzen ignoriert). Außerdem gibt das Ensemble seine Konzerte zurzeit noch ohne Pause zwei Mal hintereinander.
Thomas Zehetmair als Geiger und Dirigent
Immerhin haben die Kunst und ihre exzellente Darbietung in der Abendvorstellung dafür gesorgt, dass man die Corona-Bedingungen drumherum rasch vergaß. Der künstlerische Leiter Thomas Zehetmair war dabei in doppelter Funktion zu erleben. Zunächst als Solist und als Primus inter Pares: Bachs a-Moll-Violinkonzert erklang beschwingt, klar akzentuiert, durchsichtig im polyfonen Gegeneinander, mit exzellent ausgearbeiteten, dynamisch fein gegliederten Dialogen zwischen Geige und Streichern. Zehetmair kultiviert ein schönes Zielton-Vibrato, streut in sein schlankes Spiel Genuss-Momente ein, bei denen er gerne auch mal ein wenig über die Zeit hinaus verweilt, und sorgt darüber hinaus für delikate klangfarbliche Schattierungen.
Was folgte, war weniger kulinarisch – auch wenn Radikalität, Trauer und Anklage bei einer reinen Streichertruppe nie so extrem wirken wie bei einem gemischten Ensemble. Karl Amadeus Hartmanns vierte Sinfonie von 1946/47 formten das Stuttgarter Kammerorchester und der jetzt dirigierende Thomas Zehetmair zu einem Werk von hoher Dichte und Expression, bei dem zwei leidenschaftliche langsame Sätze ein Allegro voller bissiger, böse anmutender Tanzgesten umrahmen: ein Satz in zuweilen gespenstischem Dreiertakt, dem alle Leichtigkeit abgeht; ein Totentanz. Die Sinfonie verklingt fast unhörbar mit drei gezupften (Pizzicato-)Tönen – wie wenn sie mit Klängen die Situation eines Komponisten abbilden wollte, den seine politische Haltung im Nationalsozialismus zur inneren Emigration zwang. Der freundliche, aber auch etwas distanzierte Beifall des Publikums bewies, dass Hartmann weiterhin engagierte Fürsprecher brauchen wird.