Musiziert mit sicht-, hör- und spürbarer Lust: das Stuttgarter Kammerorchester Foto: SKO/Wolfgang Schmidt

Ein Komponist, der oft als spröde gilt, und ein Pianist, der, obwohl er virtuos spielt, kein Virtuose ist, sondern ein musizierender Netzwerker: Das Stuttgarter Kammerorchester begeistert mit Werken des 20. Jahrhunderts – und mit Alexander Melnikov.

Am Ende hält der Saal den Atem an. Thomas Zehetmair am Pult hat die Arme gesenkt, die Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters ihre Bögen. Die Stille vor dem Beifall am Ende des Konzerts im Mozartsaal sagt alles aus über einen Abend, der das Publikum spürbar gepackt hat. Und das trotz eines Programms, das ausschließlich wenig gespielte Werke des 20. Jahrhunderts enthielt. Vielleicht auch gerade deswegen?

 

Im Zentrum standen ein Komponist, der oft als spröde gilt, und ein Pianist, der, obwohl er virtuos spielt, kein Virtuose ist, sondern ein musizierender Netzwerker. Mit gutem Grund hat Alexander Melnikov in der Kammermusik seine ureigene Heimat gefunden, und so spielte er am Donnerstagabend auch Paul Hindemiths Thema mit vier Variationen für Klavier und Streichorchester: stets mit wachem Blick auf die Musiker, die sein schwarzer Flügel in einen rechten und einen linken Orchesterflügel teilte: kommunizierend, agierend, reagierend. Da hatte jede Nuance der Tastentonformung, jede Entscheidung für Lautstärkegrade, Geschwindigkeiten und Farbwerte ihren guten Grund. Das 1943 konzertant uraufgeführte, 1946 von George Balanchine in New York choreografierte Stück trägt den Untertitel „Die vier Temperamente“, und tatsächlich umspielt Hindemith in vier Variationssätzen formal streng, im Tonfall aber humorvoll und ironisch Eigenarten des melancholischen, des sanguinischen, des phlegmatischen und des cholerischen Charakters. Der Sanguiniker tanzt einen schrillen Walzer, beim Phlegmatiker reduziert Hindemith das Orchester auf Streichquartett oder -quintett und Klavier, und der Choleriker sorgt schließlich für einen wilden Ausklang, bei dem der Pianist auch mal richtig Pranke zeigen darf.

Orchester in den Kontrasten der Musik

Bernd Alois Zimmermanns Konzert für Streichorchester, eine eigene Bearbeitung seines Streichtrios, entstand in derselben Zeit und zeigt schon den jungen Komponisten als Liebhaber der Collage. Die fällt hier allerdings sehr spielerisch aus. Thomas Zehetmair als Dirigent hält die aneinandergeschnittenen unterschiedlichen Formteile mit klarer, präziser Zeichengebung zusammen. Das Kammerorchester wirft sich, befeuert von seinen mitreißenden Stimmführern, mit sicht-, hör- und spürbarer Lust mitten hinein in die Kontraste der Musik.

Von der Emphase der Interpreten lebt auch Alfred Schnittkes Klaviertrio von 1985, das hier in der Streichorchester-Fassung des Bratschers Yuri Bashmet erklingt. Das Werk ist nicht nur eine Hommage zu Alban Bergs 100. Geburtstag (ein leicht verfremdetes „Happy Birthday to you“ bohrt sich als Ohrwurm ins Gedächtnis), sondern auch ein Musterbeispiel für Schnittkes Definition von postmodernem Komponieren. Anklänge an Schubert, Schostakowitsch, Mahler, Berg, Neobarockes, ja sogar ein Hauch von Minimal-Music-Repetitionen: Das alles verbindet sich auf suggestive Weise – bis nach einem feinen Dialog von Solovioline und -viola über einem liegendem Cellobass die Klänge ersterben. Die Solovioline ziert das Ende mit einem klingenden Sahnehäubchen. Stille. Jubel.