Das Stuttgarter Kammerorchester Foto: Wolfgang Schmidt

Das Stuttgarter Kammerorchester hat im Hospitalhof in Stuttgart den 100. Geburtstag György Ligetis in einem originell inszenierten Konzeptkonzert gefeiert.

Liebevoller, berührender kann eine Komponistenhommage gar nicht ausfallen: Dem Stuttgarter Kammerorchester (SKO) ist mit seinem 100-Jahre-György-Ligeti-Konzert in der Reihe „Sternstunde“ im Hospitalhof ein echter Coup gelungen. Viele feine Bögen wurden gespannt.

 

Wenn das Cembalo klanglich zur E-Gitarre mutiert

Zum Beispiel inhaltlich: Den Einstieg machte Ligetis (1923–2006) frühes Violinduo „Ballade und Tanz“, am Ende stand sein witzig-ironisches „Poème symphonique“ für 100 Metronome. Dazwischen wechselten sich Klavierstücke Ligetis und Miniaturen oder Einzelsätze von Béla Bartók, Sándor Veress, Miklós Rósza und György Kurtág ab – mal vom Orchester, mal solistisch oder im Duo gespielt. Eine Art klingenden Stammbaum, also Bezüge Ligetis zu anderen Komponisten Ungarns und Rumänien, hörbar zu machen war die Idee des SKO-Solobratschisten Manuel Hofer, der das Konzert mit dem multistilistischen, fantastischen Tasteninstrumentalisten Anthony Romaniuks konzipierte. Zwischen Bartóks Violinduos, Veress’ „Letjös“-Tanz für Streichorchester oder Kurtágs zarten „Schatten“ für Cello solo zeigte Romaniuks an den Tasten Ligetis Weg zur radikal-modernen Musiksprache: am Flügel in der „Musica ricercata“ Nr. 7, in der sich über der stoisch gleichbleibenden Bassfigur virtuose Melodiegirlanden entfalten. Oder in Ligetis metallisch-monochromem, rhythmisch hartem „Hungarian rock“, in dem das Cembalo klanglich zur E-Gitarre mutiert.

Die Bude ist voll mit jungen Leuten

Ein anderer Bogen spannte sich über den Raum. Die Stücke gingen ohne Applauspause ineinander über. Gespielt wurde an unterschiedlichen Orten: von der Galerie herab, von der Seite, mittendrin und natürlich vorne auf der Bühne. Die Auf- und Abgänge der Musizierenden gestalteten sich fließend, langsam, leise während der Stücke. Und auch Schatten-Licht-Effekte taten ihre Wirkung. Ein derart alle Sinne ansprechendes Konzert ergibt gerade bei Ligeti Sinn. War er doch einer der meistgespielten Gegenwartskomponisten, weil er bei aller Atonalität und intellektuellen Komplexität immer auch ungemein sinnlich komponiert hat.

Und noch einen Coup landete das SKO: Weil man dem Konzert ein Ligeti-Vorprogramm mit dem Chor des Zeppelin-Gymnasiums und dem Orchester des Johannes-Kepler-Gymnasiums vorangestellt hatte, das von der Musikvermittlungsabteilung „SKOhr-Labor“ erarbeitet worden war, hatte man dann eben auch im Konzert die Bude voll mit jungen Leuten. Was will man mehr?