Was eint Nirvana und Henry Purcell? Das Stuttgarter Kammerorchester hat Musik der Rockgruppe mit Stücken des englischen Barockkomponisten zusammengebracht – spannend!
Stuttgart - Der Auftritt ist Prozession und Anarchie. Die 17 Streicher des Stuttgarter Kammerorchesters treten am Samstagabend im Hospitalhof nicht geschlossen, sondern einer nach dem anderen auf. Leise improvisierend schreiten sie auf die Bühne, unter ihnen der Geiger Hugo Ticciati, der den Abend leitet, und als die Töne und Linien dann zusammenfinden, hört man: Henry Purcell, eine Ouvertüre in g-Moll.
Ob das Experiment dieses Abends ähnlich zwingend sein wird wie 2020 der Brückenschlag des Ensembles zwischen Georg Friedrich Händel und Jimi Hendrix? Der sehr philharmonische, ja, fast etwas grobschlächtige Klang des barocken Eingangswerks weckt Zweifel.
Aber dann geht’s ab. Gezupfte Töne hier, wiederholte Melodielinien dort, und indem sich beides über- und ineinander schiebt, schwebt plötzlich der Nirvana-Song „Something in the Way“ vom Album „Nevermind“ durch den Raum – und, übersetzt in fahle Saitenklänge, auch die leicht heisere Stimme des Sängers Kurt Cobain.
„Smells like Teen Spirit“ folgt später, außerdem „Come as you are“ und „Lithium“, jeweils eingebettet in und umgeben von Henry Purcells Songs. Gemeinsam sind diesen beiden Polen des Abends Melancholie, Einsamkeit und Todessehnsucht.
Während die Arrangements der Nirvana-Songs durch das Duo Bartholomey/Bittmann rein instrumental bleiben, leiht der Countertenor Nils Wanderer den barocken Werken mit seiner bruchlos zwischen Alt-Höhe und tenoraler Tiefe wechselnden Stimme sehr viel Emotion. „When I am laid in Earth“ (aus der um 1687 uraufgeführten Oper „Dido and Aeneas“), die vielleicht schönste Arie des „Orpheus britannicus“, wird so – neben dem Frostlied aus „King Arthur“ – zum barocken Zentrum des Abends.
Wiederholte Melodien und sehr viel Melancholie
Henry Purcells Songs hat der Geiger Johannes Marmén eingerichtet, und ihm verdanken sich auch die freien, improvisatorischen Übergänge zwischen Alt und Neu. An den Nirvana-Refrains freuen sich die gelöst rockenden Musiker ebenso wie an den Freiheiten, die ihnen das hier wie dort populäre Chaconne-Modell (also die Wiederholung eines vierstufigen Harmoniemodells) ermöglicht. Der Rest ist Wahnsinn – mit „Lithium“, getragen von den fahlen Klangfarben des „Orpheus americanus“, endet der Abend; das Publikum jubelt.