Der Verein Aufbruch ließ im September die Stadtautobahn B 14 einige Stunden für Kultur und Co. sperren. Foto: Lichtgut/Rettig

Das Jahr ist fast rum. Viel ist passiert. Aber was davon bleibt? In der Serie 12 aus 2017 blicken wir zurück – und voraus. Heute mit Opernintendant Jossi Wieler, der sich auch Gedanken über den Städtebau macht.

Stuttgart - Opern aufführen, das heißt: Unterschiedliches zusammenbringen: Gesang und Schauspiel, Musik und Text, Bühnenbild, Kostüme, Regie und Orchesterspiel, dazu noch Video, Ton und viele handwerkliche Bereiche. Eigentlich geht das nicht. 1913 hat der Musikkritiker Oskar Bie die Oper daher als „unmögliches Kunstwerk“ bezeichnet – und damit präzise auch das Tätigkeitsprofil derer beschrieben, die das Unmögliche möglich machen.

Seit 2011 ist Jossi Wieler Intendant der Oper Stuttgart. Er ist ein Regisseur, der vom Sprechtheater zur Oper kam. Er ist ein Intendant, der aus der Praxis kommt. Außerdem ist er Schweizer: schnell im Kopf, aber, weil’s präzise werden soll, bedächtig bei der Formulierung; des Weiteren geschichts- und traditionsbewusst – wobei dem Heimatverständnis des weltläufigen 66-Jährigen der Genfer CERN-Teilchenbeschleuniger sicherlich näher ist als die Hermetik etwa des innerschweizerischen Muotathals. Sich Wieler dort vorzustellen, über der engen Bergschlucht nach althergebrachten Formeln jodelnd oder Akkordeon spielend: Das hat nicht nur etwas Skurriles, sondern etwas Unmögliches.

Dynamik durch Aufbruch Stuttgart

In Stuttgart indes muss man sich das Unmögliche nicht vorstellen, da ist es geschehen. Seit Frühjahr diesen Jahres hat der Verein Aufbruch Stuttgart eine enorme Dynamik in die Diskussion rund um die städtebaulichen Missstände der Landeshauptstadt gebracht. Und eigentlich darf es niemanden wundern, dass Stuttgarts Mann für das Unmögliche dieses zuvor Undenkbare in die Wege leitete.

Im Zusammenhang mit der Sanierung des Opernhauses hatte Jossi Wieler schon länger über das Umfeld der Institution nachgedacht: Ende der 2020er Jahre, dachte er, wird die Oper fertig sein, und wenn ihr Umfeld gleich bleibt, dann ist sie ein baulicher und städteplanerischer Anachronismus, beschränkt und an der Front begrenzt durch eine vierspurige Bundesstraße 14.

„Wenn man schon das Opernhaus neu denkt“, sagt Wieler, „sollte man sich unbedingt nochmals die gesamte ursprüngliche Anlage der Stadt anschauen.“ Der Eckensee sei früher oval gewesen, was man auch am Standort der Bäume und der Skulpturen ablesen könne. Im Zuge der Bundesgartenschau 1961 wurden die Blumentröge und Bänke aus Waschbeton aufgestellt, und „nach der Opernsanierung wird man merken, dass das alles nicht zusammengeht“.

Schranken im Kopf abbauen

Unterschiedliche Kunstformen zusammen denken, heißt auch: die Schranken im Kopf abbauen. Für Künstler allgemein, für die Oper im Besonderen und für deren Intendant im ganz Speziellen steht die Forderung „Weg mit allen Denkverboten!“ stets an allererster Stelle. Darin liegt für Wieler das „Fantasiepotenzial“ der Institutionen im Kulturquartier. Die Vernetzung der Museen mit den Staatstheatern, der Landesbibliothek und der Musikhochschule war immer schon gut, aber seit der Gründung von Aufbruch Stuttgart sie ist enger geworden, weil die Kultur nun der Motor ist. Und Forderungen stellt.

Dabei geht es erstens um den Mut zu großen Entwürfen – also um etwas, das der schwäbischen Mentalität nicht unbedingt nahe liegt. „Andere deutsche Städte, die auch kriegsversehrt waren“, sagt Wieler, „sind in ihrer Binnengestaltung viel weiter.“ Eine Rolle spiele dabei sicherlich auch, „dass es da, wo man sich mal Großes getraut hat, schiefgegangen ist, vor allem in der Kommunikation. S 21 hätte man vermitteln müssen und können.“ Und zweitens geht es um Blicke von außen: Sie vor allem sollen dafür sorgen, dass die Reflexe verschwinden, etwas sei nur richtig, wenn es in einer ganz bestimmen Weise umgesetzt werde – oder (alternativ): etwas gehe nicht.

Stuttgart, sagt Jossi Wieler, braucht Stolz („Eine Elbphilharmonie wäre in Stuttgart nie möglich gewesen, aber es gibt immerhin das Kunstmuseum, und das ist ein Wunder“). Und es braucht Ideen, um die Räume der Stadt neu zu füllen. Diese Ideen müssen zuerst da sein – danach, da ist sich der Künstler-Intendant sicher, findet man auch Lösungen für den Verkehr.

Wieler wird Stuttgart verlassen, aber immer wieder hier sein. Und Vereinsmitglied bleiben. Schließlich, sagt er, seien dessen Veranstaltungen doch „eine riesige Weiterbildungsveranstaltung für alle“. Und eine Einladung zum Denken.

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