Gesichter gehören zu den häufigsten Motiven in der Kunst des 37-jährigen Romulo Kurányi (links). Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Stuttgarter Innenstadt wird zur offenen Bühne für das Street-Art-Festival. Auch dabei ist Romulo Kurányi, der einen XXL-Marker gemeinsam mit Besuchern zur Leinwand macht.

Um kurz nach 11 Uhr ist es in der Stuttgarter Innenstadt am Samstag wuselig und voll. Die Sonne lockt die Menschen aus ihren Häusern, vor den Cafés werden die ersten Tische knapp. Es ist einer dieser Frühlingssamstage, an denen man einfach draußen sein will. Und genau in diesen Moment hinein mischt sich ein Festival, das zunächst fast nebenbei passiert.

 

Stuttgart Street Art“ nutzt diese frühlingshafte Stimmung. Kein abgesperrtes Gelände, keine festen Bühnen, sondern ein Programm, das sich über die Innenstadt verteilt. Rund um Schlossplatz, Königstraße und Dorotheenquartier wird die Stadt für einen Tag zur offenen Bühne. Wer stehen bleibt, ist schon mittendrin. Viele Angebote sind bewusst niedrigschwellig, vieles passiert spontan. Walking Acts laufen durch die Menge, kleine Shows entstehen direkt vor Geschäften, dazu kommen Mitmachaktionen und eine eigene Street-Art-Tour für alle, die mehr wissen wollen.

Die Veranstalter selbst verstehen das Festival vor allem als Einladung an die Stadt. Bereits zum neunten Mal findet die Street Art statt. „In der Stuttgarter City geht’s endlich wieder rund“, heißt es von der City-Initiative, die das Format organisiert. Man wolle die Innenstadt bewusst „mit einem bunten Straßenkunst-Programm“ beleben – und das „vollkommen gratis“. Eventmanagerin Priska Scherrer sagt, man freue sich „auf viele begeisterte Besucherinnen und Besucher“, während City-Manager Holger Siegle betont, dass es genau diese Mischung sei, die den Reiz ausmache: eine Veranstaltung, die „bei Jung und Alt für strahlende Gesichter sorgt“ und die Innenstadt für ein paar Stunden spürbar verändert.

Über den Köpfen: Balanceakt in gewagter Höhe. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Ein besonderes Highlight ist der Auftritt von Romulo Kurányi im Dorotheenquartier, der vor Ort einen überdimensionalen Marker bemalt, der selbst zur Leinwand wird. Aus einem einfachen Objekt entsteht so ein gemeinsames Kunstwerk, das sich im Laufe des Tages verändert und an dem sich Besucher direkt beteiligen können. Immer wieder bleiben Passanten stehen, schauen zu oder greifen selbst zum Stift und werden so Teil der Aktion.

Regelmäßig in der alten Heimat: Romulo Kurányi

Romulo Kurányi, aufgewachsen in Petrópolis und Rio de Janeiro, hat schon einige Stationen hinter sich: In Stuttgart führte er einst das Promi-Lokal H’ugo’s, später machte er sich als Eismacher in Degerloch einen Namen. Kurz vor der Pandemie zog er einen klaren Schlussstrich, verkaufte seine Läden und konzentrierte sich ganz auf die Kunst.

Heute lebt der Halbbruder des früheren Fußballprofis Kevin Kurányi mit seiner Familie wieder in Brasilien, hat ein Atelier in Rio de Janeiro, kommt aber regelmäßig nach Stuttgart zurück. „Den Schwaben in mir werde ich nicht mehr los“, sagt er mit einem Grinsen auf den Lippen. Alle acht Wochen versucht er in seine alte Heimat zu kommen, in der er fast 25 Jahre gelebt hat. Zuletzt angereist ist er Anfang April für die Wiedereröffnung seines Pop-Up Ateliers „Atelier Kurányi“. Regelmäßig eröffnet das Atelier auf Zeit in der Münzstraße, bis Mai stellt Kurányi dort seine Kunst aus.

Für Kurányi selbst steht bei der Aktion die Gemeinschaft im Mittelpunkt. „Die Idee dahinter ist, dass wir hier einen großen Marker mit der Community bemalen“, sagt er, „und jeder darf etwas Positives drauf zeichnen.“ Street Art versteht er dabei als etwas sehr Persönliches: „Streetart bedeutet für mich Freiheit – das machen zu können, was wirklich im Inneren steckt, ohne irgendwelche Eingrenzungen.“

Geprägt wurde er früh, sein Vater habe als Hobbykünstler gearbeitet und ihn inspiriert, seine eigene Kunst zu verfolgen. Heute verarbeitet er in seinen Werken, was er selbst erlebt: „Ich möchte die Facetten der Menschen in meiner Kunst widerspiegeln. Ich sauge das, was ich in der Welt sehe auf und bringe es auf die Leinwand.“ Deshalb sind seine Bilder oft von Gesichtern geprägt, die ineinander übergehen – für ihn ein Zeichen dafür, „dass wir Menschen unsere eigenen Facetten haben, aber doch irgendwie miteinander verbunden sind.“