In Bihać sind Tausende Flüchtlinge aus aller Welt gestrandet. Sie versuchen, von Bosnien über die Grenze nach Kroatien und damit in die EU zu kommen. Mit Spenden aus Stuttgart wird das Leid gelindert.
Bihać/Stuttgart - Eine verfallene Scheune. Ist das Glück? Ein Leben im Niemandsland in Bosnien-Herzegowina. Ist das Glück? Offenbar. Der junge Mann aus Pakistan stellt sich mit dem Namen Lucky vor, der Glückliche. So haben ihn seine Freunde genannt, weil er es nach Bosnien geschafft hat. Ganz nah an die Grenze nach Kroatien. „Nach Europa“, wie sie alle hier sagen. Seit vier Jahren ist Lucky unterwegs, siebenmal hat er sich durch die Wälder schlagen wollen. Siebenmal haben die Grenzer ihn erwischt. Lucky sagt, er sei von ihnen verprügelt, ausgezogen und zurückgeschickt worden.
Doch will er wieder zum „Game“ aufbrechen. Game, das Spiel, so nennen sie das – den Versuch, nach Europa zu kommen. Doch es schüttet heute wie aus Kübeln. Kein Wetter für das Game. Lucky und sechs andere Männer hausen in der Scheune, warten, bis der Regen aufhört. Nun steht er am Straßenrand und wartet. Muhammed Pehlic, von Beruf Kameramann beim bosnischen Fernsehen, hat ihm geschrieben: Wir bringen Essen und Klamotten. Mit Jasko, einem Sanitäter, versorgt Pehlic in seiner Freizeit die Flüchtlinge, die überall campieren, in Zelten im Wald, in Ruinen und Gartenhäusern. Lucky wartet mit einem Regenschirm, damit wir nicht nass werden. Als wir sagen, das sei nicht nötig, zeigt er auf seinen billigen Anorak und sagt: „waterproof“, dann auf unsere Wolljacken: „not waterproof“. An der Scheune bellt ein junger Straßenhund aufgeregt, „das ist Amore“, stellt Lucky ihn vor. Auch auf dem Rückweg besteht er darauf, uns mit seinem Schirm zu begleiten. Zum Abschied ruft er: „Gott segne euch!“
Das Tor zu Europa
Ob Gott diesen Landstrich im Auge hat? Bihać, 60 000 Einwohner, die Hälfte ohne Arbeit, am Rande des Bindestrichstaates Bosnien-Herzegowina gelegen, eines Kunstprodukts, entstanden nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens und dem Bürgerkrieg. Schön ist es hier, im Tal des Flusses Una. Der Landschaft wegen kommen viele Bürger der Arabischen Emirate zum Urlaubmachen her. Aber die meisten Fremden wollen weiter. Bihać ist das Tor zu Europa. Doch nachdem die EU die Balkanroute verriegelt hat, sind viele Flüchtlinge hier gestrandet. Vergessene und verlorene Menschen.
Immerhin, Serkan Eren und Ivana Stipic aus Stuttgart haben sie nicht vergessen. Ihre Organisation Stelp kümmert sich seit fünf Jahren um die Menschen. Eren gründete 2016 Stelp, nachdem er einen Hilfstransport mit Klamotten auf den Balkan gefahren hatte. Diesmal hat er 13 000 Euro an Spendengeldern dabei, in den kommenden Tagen wird er sie für Essen, Kleidung, Spielzeug, Rucksäcke und Schlafsäcke ausgeben. Daimler hat ihm zudem 50 ausrangierte Handys mitgegeben. Wer bekommt etwas davon ab, wer benötigt am dringendsten etwas? Das weiß Pehlic.
Von Bretten auf den Balkan
Er hält Kontakt zu den Flüchtlingen. Seine Handynummer kennt hier jeder. Sein Whatsapp-Eingang wirkt wie das Adressbuch einer afghanischen Kleinstadt. Pehlic war selbst Flüchtling. Von 1992 bis 1997 lebte er in Deutschland, zunächst in Stuttgart, später in Bretten. „Ich war zufrieden“, sagt er in perfektem Deutsch, „aber meine Eltern wollten zurück.“ Also ging er mit. Und weil er eine Kamera hatte, stellte ihn das bosnische Fernsehen ein: „Denen ging es nicht um mich, die brauchten eine Kamera.“ Dann lacht er und sagt: „So ist er, der Balkan!“
Vom Balkan kann der Sanitäter Jasko viel erzählen. Etwa davon, dass ein Erdbeben die Poliklinik halb zerstört hat. Boden und Decke sind schief, die Wände voller Risse. Dennoch behandeln sie dort die Patienten, es gibt kein anderes Gebäude. Die Nacht über hat er eine Doppelschicht gearbeitet, 16 Stunden am Stück. Es gehe nicht anders, sagt er. Sie sind nur noch zu dritt, die anderen sind alle in Deutschland. Nur so bekommen sie wenigstens einen der drei Rettungswagen auf die Straße. Direkt vom Dienst kommt er zum Verteilen und wird noch einmal acht Stunden unterwegs sein. Warum er hilft? „Ich denke an die Familie, die ich mal haben möchte. Will ich meinen Kindern später erzählen, dass ich anderen Kindern nicht geholfen habe?“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Porträt der Stuttgarter Taubenschützerin Britta Leins
Serkan Eren erzählt, dass er Jasko mal des Morgens gesehen habe. Nach einer Nacht im Rettungswagen ging er den Fluss entlang und sammelte den Müll ein, den die Flüchtlinge hinterlassen hatten. Stillschweigend, ohne Aufsehens, ohne Post und Eigenlob in sozialen Netzwerken.
„Europa lässt uns im Stich“
Es ist Teil der Wahrheit: Wer den Flüchtlingsrouten folgen will, muss dem Müll folgen. Flaschen, Dosen, verschlissene Klamotten finden sich überall. Viele Bewohner empfinden das als Zumutung. So manches Gartenhaus ging in Flammen auf, weil Flüchtlinge im Inneren Feuer machten.
Termin bei Bürgermeister Suhret Fazlic. „Europa lässt uns im Stich“, sagt er, kein Cent sei bei der Gemeinde Bihać angekommen, „man hat uns alleingelassen.“ Tausende von Menschen campierten zeitweise im Ort. „Direkt vor den Häusern der Leute“, sagt Fazlic. „Wir haben geholfen, aber das hat die Menschen überfordert.“ Die Armen sollten sich um die Bettelarmen kümmern. Es gab Proteste. Als man nach Monaten eine Ruine räumte, „holten wir dort 50 Tonnen Müll heraus“. Für den Westen seien die Menschen aus Bihać daraufhin „Rassisten und Faschisten“ gewesen. Letztlich sei das scheinheilig. Denn die Kroaten bekommen nicht wenig Geld dafür, dass sie die Grenze der EU sichern. Mit allen Mitteln. Dreimal sei er Flüchtlingen begegnet, die nackt von der Grenze zurückkamen, erzählt Fazlic. Aller Habseligkeiten beraubt.
Mittlerweile gibt es mit Camp Lipa ein neues Lager. Anders als beim Vorgänger mit Strom und Warmwasser. Aber 25 Kilometer im Landesinneren, weit weg von der Grenze. Deshalb will keiner hin. Und auch weil im alten Camp Banden ihr Unwesen trieben. „Ali Baba“, so nennen sie jene Räubergangs, zu denen sich manche Flüchtlinge zusammengeschlossen haben, die andere Flüchtlinge ausnehmen.
Die meisten Helfer sind dort, wo die Kameras sind
Das alte Camp Lipa ist vor einem Jahr abgebrannt. Ebenso wie sie hier in Bihać von Flüchtlingen überrannt wurden, so wurden sie nach dem Feuer von Hilfsorganisationen aus aller Welt überrumpelt. Schlagzeilen sorgen für Spenden, und so tummelten sich Hunderte von Helfern in Bihać. Da war viel Geld zu verteilen. Heute noch macht die Geschichte von dem Tanklaster die Runde, der aus Norddeutschland nach Bihać kam, gefüllt mit Trinkwasser. Er fuhr in ein Land, in dem Flüsse und Bäche sprudeln, wo an Trinkwasser kein Mangel herrscht. Mittlerweile sind die Helfer fast alle in Polen, da, wo die Kameras sind. In Bihać sind nur noch die Österreicher von SOS Balkanroute aktiv – und Stelp aus Stuttgart.
Früher hat Stelp auch Klamotten in Deutschland gesammelt und nach Bosnien gebracht. Das lassen sie mittlerweile. „Mit Transport und dem Sortieren ist das so teuer, wie wenn wir Kleidung hier kaufen“, sagt Eren. Deshalb hat er Bargeld dabei. Er wird es im Supermarkt für Obst, Gemüse und Spielzeug ausgeben, in einem Laden für Kleidung und bei Asim Karabegovic für Milch, Hühnchen, Kartoffeln und Zwiebeln.
Karabegovic hat einen Kiosk in Bihać. Als die ersten Flüchtlinge dort vorbeikamen, nahm er sie mit nach Hause zum Duschen, gab ihnen zu essen. „Ich weiß, was Hunger ist“, sagt er. Und erzählt von den drei Monaten in einem Internierungscamp. Bihać war nach dem Zerfall Jugoslawiens drei Jahre lang von den Serben belagert worden. 150 000 Flüchtlinge drängten sich in dem Gebiet zusammen. Doch Karabegovic wurde nicht von den Serben verhaftet: Der Muslim wurde von Muslimen eingekerkert – Bürgerkrieg, Bruderkrieg.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie der Stuttgarter Serkan Eren Flüchtlingen hilft
Solche Geschichten hat jeder zu erzählen. Geschichten von Krieg, von Flucht, von Vertreibung, von Tod. Ines Tanović Sijerčić hat heute noch Schrapnelle in der Lunge. Als sie neun Jahre alt war, explodierte eine Bombe in ihrer Nähe. Ihr Vater starb im Konzentrationslager. Es blieb nur die Flucht. In Paris hat sich die Kunsthistorikerin ein neues Leben aufgebaut. Vor einigen Jahren kam sie nach Sarajevo zurück. „Wenn sich keiner kümmert, ändert sich nie etwas“, sagt sie. Sie eröffnete ein Haus, wo Arme gleich welcher Herkunft duschen können, ihre Kleidung waschen, frische Unterwäsche und Schuhe bekommen. Und sich ausruhen können. In Bihać plant sie etwas Ähnliches. Ein Haus haben sie bereits, örtliche Helfer auch. Die Waschmaschinen stehen in Reih und Glied, Kleidung liegt bereit. Die Fixkosten sind gedeckt, eine italienische Organisation zahlt dafür. Doch für den täglichen Betrieb braucht sie Geld. Deshalb schauen Eren und Stipic vorbei. Trägt das Konzept? Ist es durchdacht? Ist es sinnvoll? Eren kommt zum Schluss: Das können wir unterstützen.
Der letzte Rest Würde
Duschen, das ist ein Luxus. Die wilden Camps überall im Wald, in alten Häusern und Fabriken, man riecht sie, bevor man sie sieht. Dieser Geruch nach nassen Klamotten, alten Schlafsäcken, feuchtem Holz, Rattenkot, Müll, nach Elend, Armut und Hoffnungslosigkeit, er ist steter Begleiter, er lässt sich nicht abwaschen. Schon gar nicht mit Regenwasser. Obwohl die Menschen versuchen, ihren letzten Rest Würde zu wahren. Überall sieht man fein säuberlich die Zahnbürsten und die Zahnpasta verwahrt, extra Halterungen haben sie gebaut. Vor einem maroden Zelt steht ein Blumenstock. Die gelben Blüten halb erfroren, „schön oder?“, sagt der junge Afghane, der unseren Blick sieht. Und er gibt uns noch mit auf dem Weg, vor dem Marsch zum nächsten Lager: „Gebt acht, es ist rutschig hier.“ Er trägt Crocs, wir Wanderschuhe.
Diese Männer, sie reisen nicht nur mit der eigenen Hoffnung im Gepäck. Sondern auch mit der Hoffnung der ganzen Familie, eines ganzen Dorfes. Malyar, 18, ist vor fünf Jahren in Afghanistan aufgebrochen. Wenn er mit seiner Mutter telefoniert, lügt er, sagt, er gehe zur Schule. Als sie darauf besteht, per Video zu reden, sieht sie sein Zelt. Sie fragt ihn entsetzt, ob er draußen schlafe. Er beruhigt sie und sagt, er sei mit Freunden unterwegs, sie machten nur ein Picknick. Die Schwester hat es nach Hamburg geschafft. Aber schickt nichts nach Hause. Für ihn ist es unbegreiflich, dass von 600 Euro nichts übrig bleibt. „In Europa sind doch alle reich“, sagt er in nahezu perfektem Serbokroatisch. Als Ivana Stipic seine Sprachkenntnisse lobt, sagt er: „Stellt euch vor, was ich könnte, wenn ich zur Schule gehen dürfte.“
Schlepper sind die Profiteure
Rund um die Flüchtlinge hat sich eine Industrie gebildet. „Sie sind der größte Arbeitgeber vor Ort“, sagt Fazlic. Er meint die offiziellen Arbeitskräfte, etwa das Personal im Camp und die Händler. Richtig Geld machen andere, die Schmuggler und Schlepper. 3500 Euro kostet eine Fahrt mit dem Bus. Dafür wird man direkt nach Italien gebracht. Dann gebe es das Taxi Game, sagt Malyar: Wer 2000 Euro hat, wird mit Taxen nach Italien gefahren. Oft verkaufen die Familien daheim Hab und Gut, um das zu finanzieren. Wer nicht zahlen kann, wird zum Leibeigenen und muss die Schulden abarbeiten. Wer weniger Geld hat, kann sich einem Zug anschließen: Da gehen 200 Menschen los, 100 Euro kostet das pro Nase. Die schiere Masse soll helfen, wenn viele gleichzeitig rennen, kommen einige durch.
Früher oder später schaffen es alle, so geht die Sage. Lucky hat es bisher nicht geschafft. Wir treffen ihn wieder vor einem Supermarkt, wo er bettelt. Er umarmt uns, fragt: „Wie kann ich euch helfen?“
Gestrandet sein in Bosnien, ist das Glück?