Im Dezember fassen zwei Stuttgarterinnen einen Plan: Sie wollen Obdachlosen helfen. Die Aktion halten die beiden auf Video fest und teilen sie im Netz.
Es ist eine Maiwanderung der besonderen Art: Mit Einkaufs-Trolleys an der Hand haben sich die Influencerin Tugba Koc (TikTok:Tugbaaa) und ihre Freundin Jasmin Mohamed Ali am 1. Mai auf den Weg durch Stuttgart gemacht, um belegte Brötchen, Zahnpasta und Feuchttücher an Obdachlose zu verteilen. Die Stuttgarterinnen haben die Aktion gefilmt und sie anschließend über die sozialen Netzwerke geteilt.
Der Gedanke, Obdachlosen zu helfen, flammte bei den beiden aber schon viel früher auf. Tugba Koc machte sich bereits als Kind Gedanken um die Schicksale der Menschen, die auf der Straße leben. „Ich habe mir da schon immer gedacht, keiner landet freiwillig auf der Straße“, erzählt die 25-Jährige. Bald darauf verschenkte sie immer wieder Essen an Obdachlose in Göppingen, wo sie aufgewachsen ist. Doch der Wunsch, noch mehr zu helfen, hat sie nie losgelassen: „Das hatte ich immer im Hinterkopf.“
Jasmin Mohamed Ali hat ebenfalls schon von Kindesbeinen an ein Herz für Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Im Dezember hatte sie schließlich eine Begegnung, die sie tief berührte: Auf der Straße bemerkte sie einen Obdachlosen und kam mit ihm ins Gespräch. Wie Jasmin Mohamed Ali erzählt, habe der Mann früh seine Mutter verloren, danach sei es bei ihm psychisch bergab gegangen. Er sei auf der Arbeit gekündigt worden und habe die Wohnung nicht mehr bezahlen können. „Das hat mir das Herz gebrochen“, erinnert sich die 25-Jährige. Kurzerhand schenkte sie dem Mann ihren Schal und lud ihn zum Essen ein.
Für die Obdachlosen gibt es Hygieneartikel, Brötchen und Wasser
Kurz vor Weihnachten erzählte sie Tugba Koc von ihrem Erlebnis, woraufhin die beiden gemeinsam beschlossen, eine Aktion zu starten. „Wir wollten Obdachlose mit dem versorgen, was sie brauchen“, erzählt Jasmin Mohamed Ali. Doch was benötigen Menschen, die auf der Straße leben? Relativ schnell stellten die beiden fest, dass es die einfachen Dinge sind, die Obdachlosen ein Stück Normalität schenken: Hygieneartikel, belegte Brote und Wasser.
Um genügend Dinge einkaufen zu können, starteten die beiden Anfang des Jahres einen Spendenaufruf – mit Erfolg. Follower, Freunde und Familie spendeten rund 250 Euro. „Wir waren völlig überwältigt, wir hatten mit 50 Euro gerechnet“, berichtet Jasmin Mohamed Ali. Genug Geld also, um nicht nur einmal, sondern bislang schon dreimal loszuziehen und Obdachlosen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. „Und wir haben immer noch Geld für zwei weitere Aktionen übrig“, sagt Jasmin Mohamed Ali.
Die ersten beiden Male zog Jasmin Mohamed Ali mit einem Freund los, da sich Tugba Koc krankheitsbedingt erst bei der dritten Aktion am 1. Mai einen Trolley schnappen konnte. Neben Riegeln, Fruchtsäften und Brezeln hatte Jasmin Mohamed Ali auch Unterwäsche und Windeln im Gepäck. Denn noch bevor sie zur Tat schritt, begegnete sie einer Obdachlosen im Rollstuhl. „Wir haben sie gefragt, was sie brauchen könnte“, erinnert sie sich. Die Antwort fiel überraschend aus: Pampers, da sie inkontinent sei. Jedoch keine ganze Packung, denn diese werde ihr nur geklaut – ein großes Problem für Menschen auf der Straße, wie Jasmin Mohamed Ali auch von anderen Obdachlosen erfährt.
Besonders berührt hat sie auch das Schicksal einer Frau aus Rumänien. Diese sei über eine Agentur nach Deutschland gekommen, um hier bei einer Familie als Pflegekraft zu arbeiten. Dort sei sie jedoch so schlecht behandelt worden, dass sie abgehauen sei. Von ihrer Agentur habe die Frau weder Hilfe noch Geld für eine Rückreise erhalten, weshalb sie auf der Straße gelandet sei. Dann habe der Krebs die Kontrolle über ihren Körper übernommen. „Sie hat gesagt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie stirbt“, erzählt Jasmin Mohamed Ali.
Die beiden Stuttgarterinnen wollen auch künftig Menschen helfen
Es sind Lebensgeschichten wie diese, die den jungen Frauen auch bei der dritten Runde am 1. Mai unter die Haut gehen. „Viele haben uns 30 Minuten lang ihre Lebensgeschichte erzählt“, sagt Tugba Koc. „Bei unserer Aktion ging es uns deshalb auch darum, Hoffnung zu schenken, in einer Welt die vielleicht hoffnungslos ist“, ergänzt Jasmin Mohamed Ali. Das Video der Aktion, das Tugba Koc auf TikTok hochgeladen hat, zeigt aber auch Momente der Überforderung, etwa als die beiden Stuttgarterinnen eine Frau in der U-Bahn-Station am Rotebühlplatz finden, die dort kaum ansprechbar auf einer Treppe liegt. Auf weitere Obdachlose treffen die beiden am Marienplatz und in der Tübinger Straße, bis sie am Schluss eine Gruppe Suchtkranker treffen, die zwar nicht unbedingt auf der Straße leben, denen die übrigen Sachen aber ebenfalls zugutekommen.
Für Jasmin Mohamed Ali und Tugba Koc soll die Aktion am 1. Mai aber nicht die letzte gewesen sein – ganz im Gegenteil. „Mein Traum ist es, Menschen später medizinisch zu helfen, zum Beispiel bei Ärzte ohne Grenzen“, erzählt Tugba Koc, die eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten macht. „Ich will gerne ehrenamtlich psychologisch unterstützen“, sagt Jasmin Mohamed Ali, die gerade ihren Bachelor in Soziologie abgeschlossen hat: „Man sollte sich trauen, etwas zu bewegen.“ „Einfach machen“, ergänzt Tugba Koc.