Drei von fünf, die sich neu erfinden müssen: Andréas Hofstetter-Straka (links), Hartmut Seitz und Susanne Heynen bei ihrem Beraterjob in Namibia. Foto: privat/StZN

Ruhestand bedeutet Stillstand? Nicht für diese fünf Stuttgarter. Warum sie lieber weiterarbeiten, politisch oder ehrenamtlich aktiv sind, statt Nickerchen zu machen.

Für manche ist es das Ziel, auf das sie hinleben. Sie zählen jeden Tag bis zur Rente. Für andere ist es eine unangenehme Vorstellung, jegliche Tagesstruktur zu verlieren und ohne Aufgabe zu sein. Wie kann man sich auf das neue Leben als Ruheständlerin oder Ruheständler vorbereiten? Beginnt dann die Zeit des Reisens oder des Engagements im Ehrenamt? Und wie leicht oder schwer fällt der Abschied? Wir haben mit Menschen aus Stuttgart gesprochen, wie sie sich neu orientiert haben.

 

Susanne Heynen: Von der Jugendamtsleiterin zur Gemeinderätin

Susanne Heynen, als sie noch im Jugendamt arbeitete. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Wie verortet man sich neu, wenn man aus einem Job mit großer Verantwortung gegangen ist? Wie stellt man sich dann vor bei Begegnungen? Susanne Heynen war bis Mitte letzten Jahres die Leiterin des Jugendamts der Stadt Stuttgart. Jetzt ist sie – ja, was eigentlich? Rentnerin, das passe nicht – und kommt vermutlich auch nicht jedem und jeder so einfach über die Lippen. „Ich sage jetzt: Ich bin Gemeinderätin und arbeite freiberuflich“, antwortet Heynen. Gemeinderätin ist Heynen nun für die Grünen in Karlsruhe. Von dort ist sie zehn Jahre lang zur Arbeit nach Stuttgart gependelt. Die Unzuverlässigkeit der Bahn habe ihr den Abschied leichter gemacht. In erster Linie aber war da ihr Ehemann, der schon dreieinhalb Jahre vor ihr aufgehört hatte und irgendwann fragte, wie lange das noch so gehen solle.

In Heynen nahm der Gedanke allmählich Gestalt an, selbst eine neue Lebensphase zu beginnen. Sie musste dann aber noch den passenden Zeitpunkt finden. Ein Jahr ohne Haushaltsberatungen und rechtzeitig vor neu umzusetzenden Gesetzesvorgaben. Ihre Nachfolge sollte gute Startvoraussetzungen haben. Für den Sommer 2024 trafen alle diese Parameter zu. Mit einem Jahr Vorlauf musste sie kündigen – und hatte ausreichend Zeit, Pläne zu schmieden und Weichen zu stellen. Obwohl sie, erzählt sie, schon öfters die beruhigende Erfahrung gemacht habe, „das wird schon irgendwie“. Sie signalisierte in ihrem Ortsverband, bei den nächsten Kommunalwahlen kandidieren zu wollen – und bekam einen so aussichtsreichen Listenplatz, dass sie auch wirklich gewählt wurde. Ein Anker im neuen Leben war damit gesetzt. Und Vorträge und Fachartikel schrieb und schreibt sie ohnehin weiter.

Der Luxus, nur noch für sich selbst verantwortlich zu sein

Ihre neue Flexibilität, das Gefühl, nur noch für sich selbst verantwortlich zu sein, sagt die 64-Jährige, „empfinde ich als totale Erleichterung“. Mit einem Leben des Müßiggangs hat ihre neue Lebensphase aber dennoch wenig gemein. Das mag sie auch gar nicht, die Rede vom Unruhestand. Genauso wenig passe die Vorstellung zu ihr, sich mit dem Ausscheiden aus dem Dienst „einen Camper zu kaufen und nur noch zu reisen“. Zu fit und auch zu qualifiziert fühle sie sich: „Ich bin zu gut ausgebildet, um nur noch Freizeit zu machen.“ Susanne Heynen, promovierte Psychologin, ist weiter die Frau, die sie vorher war. Weniger arbeiten? Wahrscheinlich nicht, aber selbstbestimmter schon.

Denn zur gefühlten Sicherheit, „da kommt schon was anderes“, gesellte sich schnell eine weitere sehr angenehme Erfahrung. Die der Boomerin nämlich, die in allen ihren Lebensphasen erlebt hatte: Wir sind zu viele. „Aber jetzt werden wir gebraucht“. Gerade hat es noch gereicht, die Masterarbeit für ihr während Corona begonnenes Fernstudium (Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit) fertig zu schreiben, da kam schon die Anfrage, ob sie als Fachfrau in Nordrhein-Westfalen nicht die Jugendämter in der Qualitätssicherung beim Kinderschutz begleiten wolle. Natürlich sagte sie ja. Auch als sich der Senior Expert Service für Fach- und Führungskräfte meldete und fragte, ob sie eine Suchtklinik für Drogen- und Alkoholabhängige in Namibia für drei Wochen begleiten wolle. Klar wollte sie. Neulich habe sie ihrem Mann gesagt, dass sie ihm dankbar sei, dass er sie in diese Lebensphase geschubst habe.

Beate Müller: Die ehemalige Sekretärin und ihr strukturierter Alltag

Erst war da ein freier Tag, den sich Beate Müller (Name geändert) schon pro Woche bei der Arbeit gönnte. Sehr bewusst, sagt die 65-Jährige, „ich wollte mich auf meine Freizeit vorbereiten“. Denn Bammel hatte sie schon vor der vielen freien Zeit, die ihr als Rentnerin zur Verfügung stehen würde. Dann wurde es irgendwann bei der Arbeit ungemütlich. Umstrukturierungen veränderten ihr Tätigkeitsfeld. Sie erweiterte auf zwei freie Tage die Woche – und sagte ihrem Arbeitgeber nach einem Jahr Adieu. Da konnte sie ohne Abschläge in Rente gehen. Die Aufgabe, die zur Verfügung stehende Zeit zu strukturieren, blieb jedoch.

Jetzt hat sie fast ein Jahr hinter sich und einen vollen Terminkalender. „Da steht schon immer was drin“, sagt sie. Beate Müller ist alleinstehend, hat keine Kinder, „da muss man schon selbst in die Gänge kommen“. Weil sie kein Fernsehgerät hat, müsse sie ja raus, sagt sie. Während sie erzählt, klingelt scheppernd die Eieruhr. Beate Müller hatte sich eigentlich gerade eine halbe Stunde Lesezeit gönnen wollen. Doch warum mit zeitlicher Begrenzung? „Sonst würde ich das ganze Buch am Stück lesen und heute zu nichts anderem kommen“, erklärt sie. Früher hat sie sich die halbe Stunde Lesen im Bett nur am Wochenende erlaubt. Jetzt genießt sie diesen Luxus öfter. Es ist aber beileibe nicht so, dass sie den Tag vertrödelt. Jeden Tag macht sie sich eine Liste, was sie heute abzuarbeiten hat.

Theaterabo, Fitnessstudio und ein Schutzengel gegen das Alleinsein

Seit langen hat sie mehrere Theaterabos, nun ist sie dem einen oder anderen Theaterfreundeskreis beigetreten. In manches, was jetzt ihr neues Leben bestimmt, ist sie einfach so reingeschlittert, hat aus dem auf den ersten Blick weniger Guten etwas Gutes gemacht. Als sie Rückenprobleme hatte, verschrieb ihr der Orthopäde Übungen. Das Rezept war gerade abgelaufen, da war sie schon Mitglied in einem Fitnessstudio – Yoga, Pilates und was sie sonst noch zweimal die Woche macht. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe einen Schutzengel“, überlegt sie. „Denn im Grunde genommen bin ich schon alleine“. Aber offenbar ist das kein Gefühl, das sie bestimmt. Sie muss gleich schon wieder los. Sie will eine Freundin besuchen, die heute operiert worden ist.

Andréas Hofstetter-Straka: Vom Pastoralreferent zum Lehrer

Andréas Hofstetter-Straka ist noch dabei, sein Leben neu zu ordnen. Foto: privat/StZN

Ein Nickerchen am Nachmittag? Andréas Hofstetter-Straka hätte davon in den letzten Jahrzehnten nur träumen können. Jetzt beendet er das Gespräch mit dem selbstironischen Hinweis, er mache jetzt erst mal einen Mittagsschlaf. Das zu tun, ist eine echte Herausforderung für den ehemaligen Vollblut-Pastoralreferenten aus Stuttgart. Mit der Work-Life-Balance hatte er all die Jahre so seine Probleme. Wie schaltet man runter, wenn man vorher eher 140-prozentig unterwegs war und die Erleichterung noch nicht eingesetzt hat, nun auch eine manchmal belastende Verantwortung nicht mehr tragen zu müssen? Und wenn einem zusätzlich auch noch die Menschen fehlen, für die man das alles getan hat?

Vielleicht, indem man noch ein bisschen weiter auf dem Spielbein tanzt? Der 66-Jährige unterrichtete zukünftige Erzieherinnen in Religionspädagogik am Kompetenzzentrum Silberburg und will das auch weiterhin tun. Das war schon immer das Gegengewicht zu seiner Hauptaufgabe als Pastoralreferent im Stuttgarter Süden in den drei Kirchengemeinden St. Maria, St. Josef und St. Antonius, unter anderem als Verantwortlicher für die fünf Kindertagesstätten mit über 100 Erzieherinnen. Sein Alltag ist also weiter getaktet. Aber viel Zeit zu haben, kann mit einem Mal zur enormen Herausforderung werden.

Das gute Abschiedsritual fehlt

Fast fünf Monate ist sein Abschied aus dem Amt in der Süd-Gemeinde nun her. Es bleibt Hofstetter-Straka vielleicht nichts anderes übrig, als sich auf den Satz zu besinnen, den er immer mal wieder bei anderen Gelegenheiten sagt: „Wie ganz vieles ist nichts geplant. Es ist mir vieles geschehen“. Wäre alles gelaufen wie ursprünglich geplant, wäre er heute beispielsweise Priester und nicht verheiratet und Vater von drei Töchtern. Auf dieses „Geschehenlassen“ zu vertrauen, ist aber die einzige Möglichkeit für einen, der so gern bei den Menschen war und ist und auch gerne weiter befugt sagen würde, was er von Entwicklungen in der Gesellschaft und in seiner Kirche hält. Er ist ein Mann des Aufbruchs und des Synodalen Wegs. Noch hört er, wie es denn werde, wenn er weg sei. „Es wird werden. Halt anders“, sagt er wehmütig und hoffnungsvoll – auch zu sich.

Aber in welchen Gottesdienst geht man dann selbst, wenn man wie ein Berufsmusiker, der in einem Konzert sitzt, überkritisch ist? Und wäre es nicht schön, es gäbe wie beim Eintritt in die Schulwelt mit der Schultüte irgendein Ritual zum Ende dieses mit dem Renteneintritt endenden Lebensabschnitts? Ja, sagt Andréas Hofstetter-Straka. Vielleicht (er)findet er ja noch eines. Nicht nur für sich. Mal schauen, was geschieht.

Hartmut Seitz: Vom IT-Experten zum ehrenamtlichen IT-Techniker

Hartmut Seitz in der Stadtbibliothek, wo er Besucher gerne hinführt. Foto: privat/StZN

Als Hartmut Seitz mit 60 Jahren bei Daimler in den Vorruhestand ging, hatte er vorgesorgt. Der IT-Fachmann, der für Projekte zuständig war, heuerte in der Firma eines ehemaligen Studienkollegen an – und blieb bei seiner gewohnten Arbeit. 20 Stunden im Monat arbeitete er dort. Nahtlos ging das. Dem heute 71-Jährigen war klar: Er wollte nicht von 120 Prozent Beschäftigung auf null abstürzen. Zum Reisen suchte er eine Beschäftigung, die er flexibel in seinen neuen Alltag einbauen konnte. „Nur zu Hause rumsitzen“, das wollte er nicht. Vor drei Jahren kam dann aber noch die ehrenamtliche Mitarbeit bei den Senior Experts dazu, die beim Treffpunkt 50 Plus angesiedelt ist. Über seine Frau und deren Malkurs dort kam Hartmut Seitz dazu. „Der Zeitaufwand ist nicht so groß, das kann man sich gut einteilen“, erklärt Seitz. Und so bekommt er nun regelmäßig Anfragen, ob er nicht Menschen helfen will, die mit der digitalen Welt überfordert sind.

Er löst Probleme, für die man keine Handwerker beauftragen kann

Drei bis vier Anfragen erledigt er pro Monat. Stellt Fernsehgeräte auf HD-Empfang um oder verbindet ein Alexa-Gerät mit dem Internet für eine sehbehinderte 90-Jährige, damit sie besser durch den Alltag kommt. Dafür gibt es eine pauschale Aufwandsentschädigung von 25 Euro. Aber die ist nicht der Grund, warum Seitz regelmäßig als Helfer unterwegs ist. „Es macht einfach Spaß“, sagt er. Und er weiß auch, dass die Hilfe, die er und die anderen leisten, so bei keinem anderen Handwerker oder Laden zu bekommen ist. Manches sei durchaus eine Herausforderung. Außerdem, sagt er, tue er das, was die Politik ja immer fordere: weiterarbeiten.

Friedrich Keppler: Von der Schreinerei ins Weingut

Friedrich Keppler engagiert sich beim Seniorenservice. Sein Können als Schreiner ist gefragt. Foto: privat/StZN

Friedrich Keppler hat den Übergang in den Ruhestand schon eine Weile hinter sich. Ende 2009 hat der 78-jährige Schreinermeister sein aktives Arbeitsleben beendet – und ist erst mal als Helfer beim städtischen Weingut eingestiegen. Eine gesellige Gruppe sei das, man komme rum – vom Cannstatter Zuckerle bis Untertürkheim und zum Burgholzhof. Und immer sei man dabei an der frischen Luft. Freunde waren dort schon vor ihm engagiert, selbst hat er zehn Jahre einen Weinberg bearbeitet, kennt also das Geschäft. Ein Ganzjahresjob ist das, der weitaus mehr verlangt als nur die Weinlese im Herbst. Außerdem hilft er noch einem älteren Wengerter privat bei der Bewirtschaftung seines Weinbergs.

Vor zwei Jahren ist Friedrich Keppler nun auch beim Seniorendienst, organisiert vom Treffpunkt 50 plus, engagiert. Alles, was ein Schreiner machen kann, erledigt er. Er hängt Bilder, Spiegel und Wandteller auf, baut in Einzelteilen verpackte Schränke oder Betten auf. Repariert kaputte Türchen am Küchenschrank oder den defekten automatischen Schubladeneinzug. Seine Kundschaft ist in fortgeschrittenem Alter, hat meist nicht so viel Geld. Irgendwas ist immer. Und wenn nicht, macht Friedrich Keppler einfach Sport.