Damit hatte Serkan Eren, Gründer der international tätigen Stuttgarter Hilfsorganisation, nicht gerechnet: Das Ergebnis der 4. Stelp-Spendengala am Samstagabend übertraf seine Erwartungen bei weitem.
„Der Vorteil in anderen Ländern ist, dass ich das Leid gedolmetscht bekomme. Das baut eine Distanz auf. In der Türkei war das nicht so.“ Ein Satz von Serkan Eren bei der Spendengala der von ihm gegründeten Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp am Samstagabend, der hängen bleibt. Seine Stimme ist brüchig, sein Umgangston unkonventionell, als er vor den mehr als 300 Gästen der vierten Stelp-Spendengala im Bad Cannstatter Kursaal von seinem Einsatz nach der Erdbebenkatastrophe im Februar in der Türkei berichtet.
Das zeigt Wirkung. Im Vorjahr waren bei der Gala 530 000 Euro Spenden zusammengekommen. „Es wäre utopisch zu glauben, dass wir das heute wieder schaffen“, sagte Eren am Beginn der Gala. Doch er sollte sich täuschten. Am Ende des Abends standen 550 000 Euro auf der Habenseite. Zweck der diesjährigen Spenden-Gala war die Finanzierung der Vereinsstruktur von Stelp. Außerdem sollen die aktuellen Projekte am Laufen gehalten werden.
Aus dem „One-Man-Aktivismus“ ist ein kleines Unternehmen hervorgegangen
Der Verein ist vor kurzer Zeit acht Jahre alt geworden. Damals war Eren mit einem Freund über den Balkan gefahren, um Kleidung zu verteilen. „Zwei Vollidioten, die von nichts eine Ahnung hatten“, sagt er im Rückblick über die Anfänge von Stelp. Die Zeiten haben sich geändert. „Dieser kleine One-Man-Aktivismus ist mittlerweile in ein Unternehmen übergegangen, wo ich Verantwortung für zehn Mitarbeiter trage“, sagt Eren. Wichtig sei es jetzt, die Basis zu stärken, „um den Output zu vergrößern“.
Der „Output“ wird in kurzen Einspielern. – Originalaufnahmen aus Krisengebieten – und in Podiumsdiskussionen auf der Bühne dargelegt. Zu sehen sind zerbombte Häuser in der Ukraine und zerstörte Städte in der türkischen Erdbebenregion an der Grenze zu Syrien. Dort habe er unzählige tote Babys und Kinder aus den Trümmern geholt und ihren Eltern übergeben, berichtet Eren. „Ich habe jede Nacht Alpträume, ausnahmslos, also diese Traumata habe ich. Aber auf der anderen Seite steht, was wir erreicht haben“, sagt der 38-jährige. Dazu zähle ein großes Containerdorf für Menschen, die durch die Naturkatastrophe ihre Zuhause verloren haben. Dort werde auch psychologischer Betreuung geleistet, sagte der Stelp-Gründer. Es gebe Kindergärten und Spielplätze.
Die Einsatzberichte des Abends aneinandergereiht, ergeben einen Jahresrückblick der Krisen. Doch es kommen auch Lichtblicke zur Sprache: ein Benefizkonzert mit Max Herre auf der Grabkapelle und die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für Serkan Eren. Er hoffe, dass Stelp ihn überlebt, lässt er wissen. In ein, zwei Wochen sei die Wahrscheinlichkeit wieder höher, dass das eintreten werde. Eine Anspielung auf einen gefährlichen Einsatz im Jemen, zu dem Serkan Eren in Kürze aufbrechen will.