Céline Hermel (li.) demonstriert Ines Aufrecht ihre Druckerpresse von 1890. Foto: Leif Piechowski

Stuttgarts Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht will das Heusteigviertel zu einem Quartier für Kreative ausbauen. „Bisher heißt es, so etwas geht nur in Berlin. Aber in Stuttgart haben wir auch ein großes Potenzial“, sagt sie und zeigt drei Bespiele bei einem Spaziergang durchs Viertel im Süden.

Stuttgart - Jung, ehrgeizig, kreativ. Und das alles mitten in der Stadt. „Das soll für das Heusteigviertel zum Markenzeichen werden“, sagt Ines Aufrecht und zeigt auf die „Studiotique“ in der Schlosserstraße 17. Hinter dem Schaufenster des Ladens von Maike Bachner (32) verbirgt sich mehr, als der erste Blick zeigt. Die originellen Handytaschen, Wohnaccessoires und Schmuckstücke sind das eine. Sie sollen einerseits „urbane Entdecker, Jäger und Sammler“ anlocken, „die auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen“ sind. Aber Maike Bachner will damit auch „Kreative, Gründer und Freiberufler neugierig machen“. „Die Idee des Ladens wurde geboren, weil wir ein Schaufenster für unser Kreativ-Netzwerk brauchten.“ Also jene Köpfe, die am Anfang eines Schaffensprozess und die mit ihren Ideen für das Wort Kreativität stehen. Creare (lat.) bedeutet so viel wie „etwas neu schöpfen“. Für diese Kreativen bietet Maike Bachner in den hinteren Räumen eine Denkwerkstatt an. Eigentlich ist es nur ein ganz simpler Arbeitsplatz in einer Bürogemeinschaft. Aber der Firmensitz reduziert nicht nur Kosten, er bietet gleichzeitig den Austausch mit anderen Kreativwirtschaftlern. Zwischen Grafik-Designern, Textern, Stadtplanern, Architekten, Designern. 300 Euro im Monat kostet ein Arbeitsplatz, der die Infrastruktur für moderne Kommunikationsmittel plus Drucker und Konferenzraum bietet.

Neudeutsch ausgedrückt ist es ein Co-Working-Space. Ines Aufrecht übersetzt es als eine Möglichkeit für „junge Einzelkämpfer, sich auf dem Markt zu etablieren“, so wie es die Wirtschaftsförderung damals beim H7 am Hauptbahnhof entwickelt hatte. Dies sei eine ihrer Aufgaben: „Wir wollen jungen Kreativen bei der Raumnutzung und -suche unterstützen.“ Gleichzeitig will Aufrecht dabei den Ansatz von Wohnen und Arbeiten besser verzahnen. So wie in diesen Fällen im Heusteigviertel.

Es sind die Stichworte für die nächste Etappe beim Rundgang. Ziel ist das Gebäude, das früher den FBD Bildungspark in der Heusteigstraße 21 beheimatete. Nach dem Auszug der Schule stand der Bau zunächst leer. Bis Ines Aufrecht darauf aufmerksam wurde und ihren städtischen Auftrag erfüllte: Zwischennutzungs-Management, die Vermittlung solcher Räume und die Unterstützung beim Genehmigungsprozess der Existenzgründer. In der Heusteigstraße bedeutet das: Das Haus, das der Stuttgarter Versicherung gehört, wird nun für zwei Jahre zum Arbeitsplatz für Kreative, die gleichzeitig dort auch wohnen können.

Neun Euro kostet ein Quadratmeter

Für Stanley Zinser, der mit seinen 57 zwar nicht mehr der Jüngste, aber um so kreativer ist, kommt das wie gerufen. Seine Taschenmanufaktur braucht nur 13 Quadratmeter Raum. Pro Quadratmeter zahlt er neun Euro. Wollte er gleichzeitig im Obergeschoss wohnen, müsste er zehn Euro pro Quadratmeter bezahlen. Insgesamt bietet das Haus 25 Büro-, Werkstatt, oder Wohneinheiten. „Für mich gibt es nichts Besseres“, sagt Zinser, „etwas günstigeres findet man mitten in Stuttgart sonst kaum.“ Auch da will die Wirtschaftsförderin ansetzen: „Wir planen ein Internetforum, über das leer stehende Räume und Flächen vermittelt werden.“

Für Céline Hermel (28) kommt das Angebot zu spät. Sie hat ihren Laden samt Werkstatt nach langer Suche selbst gefunden. Mitten im Viertel, an der Weißenburgstraße 18. Der Name ihrer kleinen Manufaktur für Einladungs-, Hochzeits- oder Grußkarten ist Programm: Poule folle (franz.) – das verrückte Huhn. „So hat mich meine Mutter immer genannt", sagt Céline Hermel.

Die neuste Idee ihrer Tochter hat tatsächlich etwas Verrücktes. Die Mediendesignerin reiste 2012 nach Providence in die USA, lernte bei zwei alten Damen den Umgang mit einer Druckerpresse von 1890 (Chandler and Price) und stöberte in den Staaten nach langer Suche so eine Maschine auf. Jetzt steht das knapp 10 000 Euro teure Exemplar in ihrem Laden. Allerdings nicht als Museumsstück, sondern als Presse, die ihre Ideen zum (Aus-)Druck bringt. „Ich wollte unbedingt meinen Traum in diesem Viertel verwirklichen, das mit der Nachbarschaft mit anderen Kreativen einen besonderen Charakter hat.“

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