Interessierte können im Hauptstaatsarchiv Einblick in historische Dokumente und brisante Schriftstücke nehmen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ob Herzog Karl Eugens Tagebücher oder die brisanten Mails von Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus: Wichtige Zeugen der jeweiligen Regierungen des Landes lagern in einem unscheinbaren Gebäude an der Stuttgarter Kulturmeile. Ein Streifzug durch die Geschichte.

Stuttgart - Jacques Chirac traut seiner eigenen Handschrift nicht über den Weg. Der frühere französische Staatspräsident geht jedenfalls auf Nummer sicher, als er einst im Rahmen eines Staatsbesuchs nach Baden-Württemberg kommt. Unter seine dahingekritzelte Unterschrift auf einem Dokument schreibt er fein säuberlich seinen Namen noch mal in Druckbuchstaben. Auf dass ihn jeder entziffern könne.

Albrecht Ernst schmunzelt, wenn er das Dokument betrachtet, das derzeit im Foyer des Stuttgarter Hauptstaatsarchivs ausgestellt ist. Die Schätze, die dort noch bis 9. Januar von Montag bis Freitag zu sehen sind, stammen aus dem Staatsministerium. Der Sitz der Landesregierung wird derzeit umgebaut. Also mussten Archivdirektor Ernst und eine Helferin anrücken, um sämtliche Dokumente in der Villa Reitzenstein zu sichten. „In den Kellern dort war es sehr kalt“, sagt Ernst und schmunzelt wieder, „dafür war es im Sommer im Kultus- und Finanzministerium sehr heiß.“

Das Hauptstaatsarchiv an der Stuttgarter Konrad-Adenauer-Straße ist so etwas wie die Schatzkammer der Landesregierung. Und der früheren württembergischen Herrscher. Alle erhaltenswerten Unterlagen der Ministerien lagern dort, des früheren Königshofs, Dokumente geistlicher und weltlicher Fürsten. Die Bestände reichen zurück bis ins 8. Jahrhundert. Und wenn heute ein Ministerium umzieht, was in den vergangenen Jahren häufig der Fall gewesen ist, wird durchforstet, was für die Nachwelt bedeutend sein kann. „Wir bestimmen mit, was im Gedächtnis des Landes bleibt“, sagt Archivleiterin Nicole Bickhoff.

Das Staatsministerium hat sich als besonders ertragreich erwiesen. Und das nicht nur in verstaubten Kellern. Mit Unschuldsmiene gibt Albrecht Ernst zu Protokoll, dass ihm momentan entfallen sei, was in den strittigen Mappus-Mails steht. Dabei ist dem Archivdirektor das gelungen, was die Grün-Rote Landesregierung vergeblich versucht hatte: Einblick in die Nachrichten zu bekommen, die belegen könnten, ob der damalige Landesvater tatsächlich Einfluss auf den harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner im Schlossgarten genommen hat. Denn ein Gericht hat entschieden: Die Mails werden auf den Rechnern im Staatsministerium gelöscht und dem Archiv übergeben.

Dort ruhen sie nun 30 Jahre lang in Frieden, elektronisch archiviert. Erst danach erhält jedermann Zugang zu den Mails. „Wir dürfen nicht alles zeigen“, weiß Ernst. Nach dem Landearchivgesetz nämlich nur Dokumente, die bereits bei ihrer Entstehung für die Öffentlichkeit gedacht gewesen sind. Alles andere bleibt für 30 Jahre neugierigen Augen verborgen. Was zugänglich ist, steht zum Teil in elektronischer Form zur Verfügung, zum Teil als Original. Im Lesesaal können Interessierte Einblick nehmen.

Das geschieht gar nicht so selten, erzählt Christoph Dembek. „Fragen zu deutschen Kriegsverbrechern etwa kommen immer wieder vor“, sagt der Historiker und Archivangestellte. Häufig wollen Kinder oder Enkel wissen, welche Rolle ihre Vorfahren in den dunkelsten deutschen Zeiten gespielt haben. Der Schriftwechsel der Justiz kann bei der Aufklärung helfen.

Doch wer glaubt, es lande jedes Blättchen im Archiv, täuscht sich gewaltig. „Wir können nicht mehr als zehn Prozent aufbewahren“, sagt Ernst. Und das ist schon eine gewaltige Menge. 24 000 laufende Meter Dokumente lagern im Hauptstaatsarchiv und in diversen Nebenstellen, denn der Platz ist chronisch knapp.

Es geht hinunter in den Keller. Regal reiht sich an Regal, gefüllt mit prächtigen Büchern mit Ledereinbänden und kunstvollen Schließen. Ernst greift ins Regal und zieht einen Band heraus. Er enthält „Die herrschaftlichen Waldungen im Schönbuch“ im Jahre 1740. Auch Schätze wie die Tagebücher von Herzog Karl Eugen ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert lagern hier unten. Kühl und trocken ist die Luft. Historisches Material fühlt sich bei 18 Grad und gut 50 Prozent Luftfeuchtigkeit am wohlsten. Und bei Dunkelheit, die hier meistens herrscht.

Schier endlos ziehen sich die Regale hin. Selbst heute noch wird in den Ministerien das meiste gedruckt aufbewahrt. Vom papierlosen Büro auch in Grün-Roten Zeiten keine Spur. „Unser Haus gleicht einem Eisberg“, sagt Albrecht Ernst und geht durch die Gänge. Denn die Magazine liegen im Boden versteckt. Drei Etagen sind unter der Erde, nur zwei darüber. Dazwischen befindet sich eine Decke, die einen Meter dick ist. Zum Schutz des Gedächtnisses des Landes. Ganz unten ruht der Grundstein der Stuttgarter Kulturmeile. 1965 ist er hier gelegt worden, weil das Hauptstaatsarchiv das erste neue Gebäude dort gewesen ist. Unter der Deckplatte finden sich als Zeitzeugen Geld, Zeitungen und Getreide.

Die Hauptaufgabe der insgesamt rund 30 Archivmitarbeiter besteht aus dem Sichten. Welche Dokumente sind es wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben, welche finden ihr Ende im Reißwolf? Es geht wieder hinauf ans Tageslicht. In einem kleinen Raum sitzt Nadine Weingärtner. Um sie herum stapeln sich meterhoch Aktenmappen, die durchgesehen werden müssen. Auf einem rosa Deckel steht „Aufstellung des Staatshaushaltes für die HH-Jahre 85/86“. Nichts Spektakuläres, wäre da nicht der Vermerk „Chefgespräche“. Das lässt Archivierenswertes vermuten. Was bedeutet, dass auch die Vollständigkeit überprüft werden muss. Fehlt etwas, wird reklamiert.

„Es gibt natürlich Kriterien für die Bewertung“, sagt Ernst. Doch manchmal müsse man dennoch „zeitaufwendige Autopsie betreiben“. Denn der Teufel steckt im Detail. Das Amtsdeutsch geht manchmal merkwürdige Wege. Was ganz harmlos daher kommt, kann sich auf den zweiten Blick als hoch brisant entpuppen. Eine Akte mit dem simplen Aufdruck „Lehrer“ beispielsweise offenbart in ihrem Inneren Dokumente zum berühmten Kopftuchstreit. Unter einem Deckel mit der Aufschrift „Bundeswegeplan“ stecken Papiere zum hoch umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21.

Ein bisschen etwas von seinen Schätzen präsentiert das Hauptstaatsarchiv regelmäßig in kleinen Ausstellungen. Derzeit sind im Foyer besonders interessante Stücke zu sehen, denn die Sichtung des Staatsministeriums war mehr als ergiebig. Und hat gezeigt, dass auch auf oberster Behördenebene manchmal geschlampt wird. Da fanden sich Dinge im Keller, die eigentlich ganz woanders hingehören oder längst hätten dem Archiv überstellt werden müssen. Und jede Menge kuriose Stücke.

Etwa das „Protokoll über die Eidesleistung seiner Exzellenz des Bischofs von Rottenburg-Stuttgart Herrn Professor Dr. Walter Kasper am 16. Juni 1989“. Darin wird der Ablauf der Zeremonie staatstragend und minutiös geschildert. Um mit dem Satz zu enden: „Im Anschluss an diese Worte reichte der Herr Bischof dem Herrn Ministerpräsidenten die Hand.“ Gut, dass diese Geste für alle Zeit gesichert ist. Nicht dass da später noch Misstöne aufkommen sollten.

„Wir haben richtige kleine Schätze gefunden“, sagt Historiker Dembek. Etwa das Kärtchen, das einst ein kleines Mädchen mit einem Luftballon vom Stuttgarter Frühlingsfest in den Himmel steigen ließ. Der Ballon landete sanft im Garten der Villa Reitzenstein. Der damalige Ministerpräsident Lothar Späth schrieb der kleinen Landsfrau umgehend zurück. Doch nicht alle Stücke sind so nett. Briefe von Bürgern finden sich da, die sich für die Freilassung von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß verwenden. Auch Dokumente zu Stuttgart 21 oder zu Sondermülldeponien sind zu sehen.

Daneben nehmen sich die Bilder von Jogi Löw oder Jürgen Klinsmann bei offiziellen Landesanlässen geradezu niedlich aus. Genauso wie die kritzelige Handschrift von Jacques Chirac. Sie alle werden nun für immer im Gedächtnis des Landes bleiben.

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