Ein neuer Trainer, eine neue Philosophie. Das benötigt Zeit, hat der TVB Stuttgart immer betont. Nach acht Pflichtspielniederlagen in Serie ist die Geduld aufgebraucht. Gegen den Bergischen HC muss ein Sieg her, sonst könnte es auch für Roi Sanchez eng werden.
Stuttgart - Die interaktive Multimedia-Reportage des TVB Stuttgart gewährt Einblicke hinter die Kulissen, die sonst nicht möglich sind. So richtete Jürgen Schweikardt nach dem letzten Spiel 2021 in der Kabine der EWS-Arena einen flammenden Appell an die Mannschaft. Neun Punkte seien zu wenig, sagte der Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten nach dem unglücklichen 32:34 im Derby bei Frisch Auf Göppingen. Der Geschäftsführer sprach von einem „Sch. . .gefühl“, richtete dann den Blick aber sofort nach vorne: „Wir müssen in allen Bereichen ein paar Prozent drauflegen. Es geht um Kleinigkeiten. Dieses Bewusstsein müssen wir uns erarbeiten.“
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Eine EM-Pause und zwei Bundesliga-Spiele später hat sich die Lage nicht verbessert. Im Gegenteil. Es kamen zwei Niederlagen gegen Spitzenteams hinzu. Beim 29:42 gegen den THW Kiel und dem 22:29 bei den Füchsen zeigte das Team nur in den ersten 25 Minuten in Berlin eine akzeptable Vorstellung. „Das waren keine guten Spiele von uns, aber letztlich hat sich an unserer Ausgangsbasis nichts verändert“, sagt Schweikardt. Diese Ausgangsbasis heißt knallharter Abstiegskampf. Der TVB steht nur dank der besseren Tordifferenz gegenüber dem HBW Balingen (beide 9:31 Punkte) nicht auf einem Abstiegsplatz. Zwei Teams müssen am Ende runter in die zweite Liga, und außer dem Württemberg-Duo kommen nach menschlichem Ermessen sonst nur noch GWD Minden (8:34 Punkte) und der TuS N-Lübbecke (10:28 Punkte) infrage.
Spielmacher Hanusz fällt aus
Nach acht Pflichtspielniederlagen hintereinander droht der TVB-Zug ins Verderben zu rasen. Es hilft nur eine Vollbremsung – in Form eines Sieges im Heimspiel an diesem Samstag (20.30 Uhr/Porsche-Arena) gegen den zuletzt so starken Tabellen-Zehnten Bergischer HC. Zwar fällt nun auch Spielmacher Egon Hanusz (Corona) aus, und es stehen danach immer noch 13 Spiele an, doch auch der Trainer Roi Sanchez weiß: „Wir müssen punkten.“ Ob die Partie gegen den BHC schon ein Finale ist? „Ich weiß nicht, ob es ein Finale ist, das ist im Februar ein hartes Wort, aber es ist ein sehr, sehr wichtiges Spiel.“ Auch für ihn? „Ganz ehrlich, ich bin nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir für den Verein alles investieren – und das tun wir.“
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Der 38-Jährige war im Sommer nach Stuttgart gekommen. Ein neuer Trainer, eine neue (spanische) Philosophie. Das braucht Zeit, das braucht Geduld, betonte der Club immer wieder. Doch das Prinzip Hoffnung kommt an seine Grenzen, wenn das Überleben in der Eliteklasse auf dem Spiel steht. Im Profisport zählen die Ergebnisse. „Wir wollen in der Liga bleiben wollen, komme, was wolle. Das steht über allem“, stellt Schweikardt klar. Auch über allen Treuebekenntnissen für den Trainer? „Wir sind von der Trainingsarbeit inhaltlich überzeugt, wir kriegen es nur nicht aufs Feld“, sagt der Geschäftsführer. Das Verhältnis zur Mannschaft sei absolut intakt. „Das Team funktioniert und hat den Glauben nicht verloren. Wenn es anders wäre, dann wäre es Zeit zu handeln“, erklärt Schweikardt.
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Zu viel Drama?
Er hat großen Anteil daran, dass der Etat inzwischen auf rund sechs Millionen Euro angestiegen ist. Entsprechend groß ist der Druck, am Standort Stuttgart entsprechende Ergebnisse zu liefern. Das weiß natürlich auch der fleißige Handball-Fachmann Roi Sanchez, dennoch hatte er schon im Dezember nach dem 22:34 gegen seinen Ex-Club TSV Hannover-Burgdorf „zu viel Drama“ rund um den Club ausgemacht. Ob ihn das überrasche? In Hannover, als er an der Seite des damaligen Cheftrainers Jens Bürkle eine lange Durststrecke von 16 sieglosen Spielen in Serie durchmachte, sei die Aufregung nicht ganz so groß gewesen. Auch dort herrschen in einer Landeshauptstadt hohe Erwartungen. „Vielleicht sind die Menschen im Schwabenland etwas ungeduldiger“, vermutet Sanchez auf Nachfrage, er habe dies auch im Fußball beobachtet. Aber er will damit nicht von der prekären Lage ablenken. „Wir müssen punkten“, wiederholt Sanchez am Ende noch einmal. Dem ist nichts hinzuzufügen.