Die Anmeldezahlen an den Stuttgarter Gymnasien sind zurückgegangen. Das hat Auswirkungen auf die Verteilung der Kinder auf die verschiedenen Schulen.
Für Manfred Birk ist der Rückgang deutlich: Für die 25 allgemeinbildenden staatlichen Gymnasien in Stuttgart hat es für das kommende Schuljahr 2123 Anmeldungen gegeben. Im Vergleich zum Vorjahr sei das ein Minus von 7,3 Prozent, erklärt der geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien und ergänzt: „Die neue Grundschulempfehlung scheint sich doch bemerkbar zu machen.“ Denn erstmals seit 13 Jahren war diese wieder bindend. 2024 waren es insgesamt 2289 Anmeldungen für die neuen fünften Klassen an den Gymnasien, und 2023 mit 2290 nahezu genauso viele Interessenten.
„Ein Rückgang von 7,3 Prozent – das kling zunächst vielleicht nicht nach viel. Aber das macht immerhin 166 Kinder und damit sechs Klassen weniger“, rechnet Manfred Birk vor. Entsprechend schwierig gestalte sich die Schülerlenkung. Gemeint ist damit die Umverteilung der Kinder, die nicht an ihr Wunschgymnasium können. Zu solchen Umlenkungen kommt es jedes Jahr. Diesmal sind aber mehr Familien betroffen, weil es mit den gesunkenen Anmeldezahlen an einigen Gymnasien eine fünfte Klasse weniger geben wird. Manfred Birk berichtet von Stadtteilen mit zwei Gymnasien, die in etwa gleiche Anmeldezahlen haben. Zusammen reichen diese aber nur für beispielsweise sieben Klassen. Dann muss eine halbe Klasse umgelenkt werden. „Das sind teils harte Entscheidungen, die da getroffen werden müssen“, sagt Manfred Birk.
So war es zum Beispiel in Vaihingen mit dem Hegel- und dem Fanny-Leicht-Gymnasium. Der Schulträger, also das Stuttgarter Schulverwaltungsamt, entschied, dass das Fanny vier und das Hegel drei fünfte Klassen eröffnet. „Das ist für uns schade, aber die Sachargumente sind nachvollziehbar“, sagt Frank Bäuerle. Die Raumsituation sei am Fanny etwas entspannter.
Frank Bäuerle musste also Absagen verschicken. Das entscheidende Kriterium hierbei sei die Wohnortnähe, denn das Hegel sei eine Stadtteil-Schule, sagt Bäuerle. Ausnahmen seien Geschwisterkinder. Wer nicht an sein Wunschgymnasium kann, weiß das in aller Regel bereits. Denn dann sucht die Familie zusammen mit der Schule nach einer anderen guten Lösung. Die endgültigen Zusagen werden Anfang Mai verschickt.
Der Klassenteiler muss ausgeschöpft werden
Beim Thema Schülerlenkung spüre man das Spardiktat von Stadt und Land, sagt Birk. „Es dürfen nicht grenzenlos Klassen eingerichtet werden. Alles muss möglichst effektiv sein.“ Gründe dafür könnten sein, dass es zu wenig Lehrer und zu wenig Räume gibt. Der Klassenteiler muss also möglichst ausgeschöpft werden. An den allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg liegt er bei 30. Fakt sei aber auch, „dass wir für alle Schülerinnen und Schüler einen Platz an einem Gymnasium anbieten können“, sagt der geschäftsführende Rektor.
Einen leichten Zuwachs an Interessenten verzeichnen die Gymnasien in den Stuttgarter Innenstadtbezirken. Zu den besonders beliebten Schulen zählt auch das Dillmann im Westen, dessen Rektor Manfred Birk ist. „Wir hatten 106 Anmeldungen, können aber nur drei Klassen bilden“, sagt er. Am Dillmann-Gymnasium, das mit einem Latein-Englisch-Zug und zwei bilingualen Englisch-Zügen besondere Profile habe, seien „gute Noten“ Voraussetzung. Zwischen diesen „guten Schülern“ habe am Ende auch das Los entscheiden müssen.
Das Interesse an bilingualen Zügen hat insgesamt spürbar zugenommen. Für diese gab es 540 Anmeldungen und damit 62 mehr als im Vorjahr, ein Plus von 13 Prozent. Manfred Birk führt das auf die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zurück. Damit hätten die Kinder wieder etwas mehr Zeit und Eltern offenbar den Wunsch, dass ihr Nachwuchs einen Teil der gewonnen Stunden in das vertiefende Erlernen einer Fremdsprache investiere, vor allem in Englisch. Um 17,2 Prozent zurückgegangenen sind hingegen die Anmeldungen für die Hochbegabtenzüge. Diese gibt es am
- Karls-Gymnasium
- Königin-Katharina-Stift
- Eberhard-Ludwigs-Gymnasium
Nur ein regulärer G8-Zug im gesamten Regierungsbezirk Stuttgart
Die Bildungsreform sieht zwar generell die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums zum kommenden Schuljahr vor. Sie eröffnet den Schulen aber auch die Möglichkeit, weiterhin einen G8-Zug anzubieten. Doch nur sehr wenige Schulen machen das, eine von ihnen ist das Stuttgarter Karls-Gymnasium. Auf der Basis der aktuellen Anmeldezahlen sei davon auszugehen, dass dort neben dem achtjährigen Hochbegabtenzug voraussichtlich auch ein regulärer G8-Zug eingerichtet werden könne, teilt das Regierungspräsidium auf Nachfrage mit und ergänzt: „Abgesehen davon kommen keine weiteren G8-Züge im Stuttgarter Regierungsbezirk zustande.“ Und auch der G8-Zug des Karls-Gymnasiums sei nicht überbucht gewesen, ergänzt Manfred Birk. „Ganz offensichtlich wollte die überwiegende Zahl der Eltern eine Rückkehr zu G9“, so sein Fazit.
Neue Grundschulempfehlung
Navi 4
Die neue Grundschulempfehlung, Navi 4 genannt, umfasst drei Komponenten: die Gesamtwürdigung der pädagogischen Lehrkräfte, die Ergebnisse des neuen Kompetenztests Kompass 4 und den Elternwillen. Nur wenn mindestens zwei der drei Komponenten in Richtung Gymnasium zeigen, gibt es eine entsprechende Empfehlung.
Potenzialtest
Wer keine Gymnasialempfehlung bekommt und trotzdem den direkten Weg zum Abitur einschlagen will, kann den sogenannten Potenzialtest absolvieren. Etwa die Hälfte aller Viertklässlerinnen und Viertklässler in Baden-Württemberg hatte in diesem Jahre eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten, etwa zwei Prozent versuchten es anschließend noch über den Potenzialtest. Ein Drittel, nämlich 639 von 2075 Schülerinnen und Schülern, hat den Test bestanden.