So sieht der Luftreiniger Airguard aus, der Viren ausfiltert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Viele Wirte in Stuttgart sind verärgert. Hohe Summen haben sie in teure Luftreiniger investiert – und müssen im November trotzdem schließen.

Stuttgart - Vor wenigen Tagen hat Innenminister Thomas Strobl in der Weinstube Fröhlich nicht nur einen Rostbraten genossen – sondern auch die gute Luft dort. Das Traditionslokal im Leonhardsviertel verfügt neuerdings über den in der Fachwelt hochgelobten Airguard, über eine Luftreinigungsanlage also, wie sie bisher in OP-Sälen verwendet wurde. Billig sind die Filtersäulen nicht, die 99,9 Prozent der Viren zerstören sollen. 17 000 Euro kostet ein Exemplar. „Wir haben den Luftreiniger geleast“, sagt Wirtin Christina Beutler, „um den Gästen die Angst in geschlossenen Räumen zu nehmen.“ Ihre Erfahrungen mit dem Airguard sind „sehr gut“. Deutlich angenehmer sei es nun, im Restaurant zu arbeiten, weil man besser atmen könne. Und trotzdem muss die Wirtin, die mit diesem Hightech-Gerät im Kampf gegen Corona mehr aufbietet, als es die Hygienegesetze vorschreiben, bis Ende November schließen. Belohnt werden Gastronomen nicht, wenn sie mehr tun, als verlangt wird.

Vor einem Jahr gab es die Winterhütte von Sonja Merz noch gar nicht

„Es ist eine Katastrophe“, sagt ihre Kollegin Sonja Merz, die sich ebenfalls einen Luftreiniger dieses Typs angeschafft hat, „wir haben so viel investiert und stehen vor dem Nichts.“ Die Volksfestwirtin hat sich nicht nur den Airguard besorgt, sondern drumherum eine Holzhütte in ihrem Biergarten aufgebaut. Bis Ende des Jahres wollte sie mit dem Luftreiniger für Sicherheit sorgen. Jetzt muss sie schließen und bekommt keine Entschädigung, die 75 Prozent der Einnahmen vom November 2019 beträgt. „Vor einem Jahr hatten wir die Winterhütte ja noch gar nicht“, sagt Sonja Merz.

Das griechische Restaurant Cavos hat für seine großen Räume zwei Airguards gekauft und dafür 34 000 Euro über die Bank finanziert. Lohnt sich die Investition? Wirt Hiki Shikano dachte zunächst, sobald die Impfung kommt, hätte er sich das Geld sparen können. An einen zweiten Lockdown dachte er nicht. Wie viele seiner Kollegen, die sich an Corona-Gesetze halten, hätte er sich nicht vorstellen können, noch mal schließen zu müssen.

Das „Rumgeheule der Kollegen“ versteht der Cavos-Wirt nicht

Inzwischen findet der Cavos-Betreiber gar nicht so schlecht, was die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten beschlossen haben. Das „Rumgeheule der Wirte“ versteht er nicht: „Wir werden entschädigt, und kein Kollege hätte jetzt im November auch nur annähernd den Umsatz vom letzten Jahr gemacht.“ Am liebsten wäre ihm die Schließung bis Januar. „Die Einzigen, die heulen dürfen, sind Trinkgeldempfänger“, sagt Shikano.

Ins Cavos hat kurz vor dem Lockdown der Bundesverband mittelständischer Unternehmen eingeladen, um Wirten, Geschäftsleuten, Schulleitern und Ärzten vorzuführen, was moderne Luftreiniger können. Studien belegen die Wirksamkeit.

Die Wartezeit auf Hepa-14-Filter ist lang

Hepa 14 – diesen Begriff sollte man nun kennen wie Aerosole, R-Wert und Superspreader. Hepa heißt „High-Efficiency Particulate Air“ und steht für höchstes Niveau des Säuberns. Weil Hepa-14-Filter gerade so begehrt sind, muss die Firma Apodis aus Salach, die mit dem Airguard virenfreie Luft verspricht, bis zu acht Wochen auf sie warten. Auch in Schulen, Ministerien und Wartezimmern von Arztpraxen stehen die Geräte aus Salach.

So hart es ist, Gastronomin in der Pandemie zu sein, so berührende Momente gibt es in dieser schweren Zeit. Im Briefkasten von Christina Beutler, der Wirtin der Weinstube Fröhlich, steckte ein Umschlag mit 1000 Euro Inhalt. „Mein Beitrag für frische Luft in Ihrem Lokal“, war darin zu lesen – Absender: unbekannt.

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