Die Stuttgarter Wirte laufen Sturm: Der angedrohte Lockdown bedroht viele in ihrer Existenz. Verstärkt in der Innenstadt. Leere Büros wegen Homeoffice, die Sperrstunde, die verschärften Regeln – mancher fürchtet für den Winter eine Pleitewelle und eine Verödung der City.
Stuttgart - Erst die heftigen Probleme mit den Hygieneregeln und Abständen, nun kommt der Lockdown. Die Pandemie trifft die Gastronomen in Stuttgart knüppelhart. „Gut, dass alle noch Heizpilze gekauft haben“, sagt Michael Zeyer vom Restaurant 5 mit ironischem Unterton. Und findet deutliche Worte: „Das ist eine Schweinerei!“ Urs Zondler vom Ochs’n Willi am Schlossplatz sagt: Ein erneuter Lockdown sei „eine Einschränkung der Grundrechte“.
Urs Zondler hat zuletzt noch einmal kräftig in den Ochs’n Willi investiert, den er seit 1976 betreibt und der „immer gut funktioniert“ habe. Der „Unternehmer, nicht Unterlasser“ spricht von 70 000 Euro für eine Winterhütte für bis zu 70 Gäste und vier große Weinfässer für sechs bis acht Personen, die auf dem Platz vor dem Restaurant aufgebaut sind. „Das lief wunderbar“, sagt Zondler. Andere Gastronomen, die kreative Lösungen für die kalte Jahreszeit gesucht und gefunden haben, kommen sich nun ebenfalls verschaukelt vor. Michael Zeyer hadert deshalb deutlich mit der Politik. Schließlich sei im Sommer viel Zeit gewesen, aber nun stehe man völlig ohne Konzept da und würde eben mit Verordnungen kommen. Dass die Leute nun zu Hause bleiben sollen, bringe doch auch nichts, viele Menschen lebten auf sehr beengtem Raum in kleinen Wohnungen. „Man hat doch in Spanien und Italien gesehen, dass das nichts bringt.“ Seine Einschätzung der Lage: „Der Sturm war im Frühling“, sagt Michael Zeyer, „jetzt kommt der Orkan.“
In der Toplage lebt die Gastro von der Frequenz
Er spürt das als Gastronom aus der Innenstadt noch extremer. Für diejenigen aus der 1-a-Lage war die Situation schon zuletzt dramatisch. Sie bezahlen die höchste Pacht, ihr Publikum bleibt aber noch stärker aus als beim Restaurant im bewohnten Kiez. „In der absoluten Toplage lebt man natürlich von der Frequenz“, sagt Osman Madan, Geschäftsführer in Carls Brauhaus am Schlossplatz, aber die sei schlicht nicht mehr vorhanden. Die Einkaufsbummler bleiben aus, Touristen gibt es ohnehin keine, die „sind alle weg“. Ein paar Stammgäste waren es noch.
Dazu kommt erschwerend: Auch die Büros in der Innenstadt sind häufig leer, die Menschen arbeiten im Homeoffice. Und deshalb marschieren sie nicht ins Restaurant zum Mittagstisch. „Eine Anwaltskanzlei geht nun eben nicht mehr gemeinsam mittagessen“, sagt Osman Madan. Die gleiche Erfahrung macht Fanny Tran in ihrem Noodle 1 am Wilhelmsplatz in Mitte. Wie in Carls Brauhaus sind die Umsätze nach dem Sommer um mehr als 70 Prozent eingebrochen. „Ich habe Respekt vor den Maßnahmen, wir halten uns daran, aber was sollen wir tun?“, fragt Fanny Tran. Für den Vorhang und alles habe sie viel Geld investiert. „Es ist sehr extrem hier“, sagt Fanny Tran, „ich weiß nicht, was wir machen sollen.“
Pläne für den Umbau scheiterten an Corona
„Ich will nur überleben“, sagt Hüseyin Gül, der im Citybereich von Stein- und Nadlerstraße drei Restaurants betreibt. „Das ist ein Drama, ich bin ratlos“, sagt der Gastronom mit armenischen Wurzeln, der seit 1990 in Stuttgart lebt. Denn auch ohne eine erneute Zwangsschließung ist seine Situation angespannt genug. Im Spätsommer 2019 hatte er zusätzlich zum Santa Lucia das direkt nebenan liegende Pane e Vino übernommen. Beide Locations sollten zu einer Vorzeigeadresse zusammengeführt werden. Sein Primo Ristorante x Vineria wollte Gül abgeben. Zum Umbau und Zusammenschluss von Pane e Vino und Santa Lucia ist es nie gekommen. Laut Gül belaufen sich die Fixkosten mit Pacht, Versicherungen, Strom und so weiter auf 17 000 Euro im Monat – ohne Personal und Waren. Dazu kämen 14 500 Euro Fixkosten fürs Primo, für das er einen Nachfolger präsentieren müsse, aber keinen gefunden habe. Grundsätzliches Problem ist auch hier das Wegbrechen der Gäste, es gibt kaum Anwohner, die wie anderswo „ihren“ Nachbarschaftsitaliener unterstützen. „Es ist niemand da! Alle sind im Homeoffice“, sagt Gül.
An den letzten Wochenenden habe Gül gerade mal 20 Prozent eines normalen Umsatzes gemacht. Überbrückungshilfe bekomme er keine, seinen Außenbereich winterfest machen durfte er nicht. Dies schmerzte ihn umso mehr, wenn an manchen Abenden ein paar Meter um die Ecke der Hans-im-Glück-Brunnen mit Feiernden bevölkert war. Bei einem drohenden Lockdown muss Gül – wie schon im Frühjahr – mit den Hauseigentümern über die Stundung der hohen Pacht verhandeln und darauf hoffen, dass er vorerst nur die Nebenkosten zahlen muss.
Gastronomen hoffen auf Einsicht der Verpächter
Auf eine Einsicht der Eigentümer – in diesem Fall Dinkelacker – hofft auch der Geschäftsführer des Ochs’n Willi. Er verliere jeden Monat 50 000 Euro, so Urs Zondler. Er frage sich: „Wie lange soll ich hier noch meine Altersversorgung reinschippen? Ich möchte nicht eines Tages mit dem Hut auf dem Schlossplatz sitzen.“ Er habe selbst in Dresden und Erfurt Häuser mit Gastronomie und komme den Wirten bei der Pacht entgegen. Er wolle erst mal weitermachen „und nicht nach 44 Jahren sagen, es war eine schöne Zeit“.
Der Hotel- und Gaststättenverband hat deshalb bereits angekündigt, gegen die Schließung der Gastronomie zu klagen. „Sinnvolle Maßnahmen tragen wir in jedem Fall mit“, sagt Sprecher Daniel Ohl, „und wir appellieren an unsere Mitglieder: Haltet die Regeln ein. Aber diese bedürfen eben einer sinnhaften Begründung.“ Man könne nicht bei jeder Verschärfung sofort auf die Gastronomie zeigen. „Das ist zutiefst frustrierend.“ Wenn ein Gastronom durch den ersten Lockdown bereits mit Schulden in den Winter startet, dann treffen ihn die jetzigen Einschränkungen natürlich noch härter, meint Daniel Ohl: „Es ist schon damit zu rechnen, dass viele Betriebe den Winter nicht überstehen.“
Osman Madan findet sich wohl oder übel mit der Situation ab. Die Politik wisse, dass die Gastronomie nicht die Brutstätte für Corona sei. „Wir sind das Bauernopfer.“ Einziges Ziel sei, dass es für die Menschen keinen Grund mehr gebe, das Haus zu verlassen. „Nun zählt vor allem, wie die Entschädigung der Regierung stattfindet.“