Dieses Jahr veranstalteten die Stuttgarter Bären das Event gemeinsam mit der Aids-Hilfe Stuttgart. Hier im Bild: Die Drag Queens Ariana Gandhi, Queen Henni mit Veranstalter Till Scheurle und Mustafa Kapti von der Aids-Hilfe Stuttgart. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Unbeschwert feiern und gleichzeitig Sichtbarkeit und Aufklärung schaffen: Im Wasenwirt kam die queere Community am Donnerstag auf der Empore zusammen – inklusive ernster Botschaft.

Für Stuttgarts queere Community ist der Cannstatter Wasen eigentlich nicht unbedingt die erste Anlaufstelle, wenn es um unbeschwertes und offenes Feiern geht. „Obwohl die Gesellschaft mittlerweile sehr aufgeklärt ist, bekommt man schon immer mal wieder den einen oder anderen komischen Blick ab – gerade, wenn die Leute betrunken sind“, sagt Till Scheurle von der Gruppe Stuttgarter Bären. Dem wollen er und andere Stuttgarter Veranstalter entgegenwirken.

 

Nachdem am vergangenen Sonntag bereits die Regenbogenalm in der Almhütte Royal die Vielfalt feierte, luden die Stuttgarter Bären am Donnerstagabend unter dem Motto „Wasen-Feeling trifft Community-Love“ zur Empore Amore im Festzelt Wasenwirt. Das Event ging bereits zum dritten Mal an den Start, dieses Jahr in Kooperation mit der Aids-Hilfe Stuttgart (AHS) – und transportierte, trotz Schlager-Mucke, Bier, Göckele und ausgelassener Party-Stimmung, eine durchaus ernste Botschaft. 

Ausgelassenes Party-Event mit ernster Botschaft im Wasenwirt

„Wir möchten der Community hier einen Safe Space zum Feiern bieten“, sagte Bernd Skobowsky, der als Vertreter der AHS gekommen war. Gleichzeitig sieht er das Event vor allem auch als Zeichen der Sichtbarkeit und Möglichkeit zur Aufklärung. „Wir nutzen Events wie diese, um über sexuelle Gesundheit aufzuklären – nicht nur innerhalb der queeren Community.“

Feiern und gleichzeitig für Sichtbarkeit und Aufklärung sorgen: Mustafa Kapti und Bernd Skobowsky von der Aids-Hilfe Stuttgart vor dem Wasenwirt. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Seit über 40 Jahren unterstützt die AIDS-Hilfe Stuttgart Menschen mit HIV und anderen Krankheiten und setzt sich für Aufklärung, Beratung, sexuelle Gesundheit, Solidarität und Unterstützung Betroffener ein. Die Zahl der Infizierten mit Geschlechtskrankheiten wie HIV sei in Stuttgart in den vergangenen Jahren stark angestiegen, gerade auch unter jungen und heterosexuellen Menschen. „Es ist erschreckend, wie wenig Wissen über die Krankheit zum Teil vorhanden ist.“

Die AHS nutzt Veranstaltungen wie das Frühlingsfest, aber auch andere Stuttgarter Feste, um gezielt an junge Menschen heranzutreten und Aufklärungsarbeit zu leisten. „Nachdem unsere Aufklärungsarbeit bei queeren Menschen generationsübergreifend schon seit Jahren funktioniert hat, versuchen wir sie jetzt auf den heteronormativen Bereich auszuweiten und die Leute für das Thema zu sensibilisieren“, so Skobowsky.

Stuttgarter Drag Queens setzen ein Zeichen auf der Empore

Auf der gut gefüllten Empore zwischen Bier, Göckele und feiernden Gästen tummelten sich am Donnerstagabend auch die Stuttgarter Drag Queens Henni, die Miss Aidshilfe Stuttgart ist, und Ariana Gandhi. „Es gibt viele Stereotype, gerade der Wasen wird als sehr heteronormativer Raum angesehen. Diese Stereotype wollen wir durchbrechen“, sagte Ariana Gandhi. Dass das Festzelt zum Wasenwirt für diese Botschaft und Events der queeren Community schon immer offen war, betonte auch Mitveranstalter Till Scheurle.

Gaydelight-Macher unterstützt neue Events für die queere Community

Tatsächlich war bekanntermaßen lange die Gaydelight, ein traditionsreiches Partyhighlight der LGBTIQA+-Community, der Treffpunkt der Stuttgarter Bären. Auch der Urheber des Events auf dem Wasen, Theo Pagliarucci, gab sich an diesem Donnerstag im Wasenwirt die Ehre.

Gaydelight-Macher Theo Pagliarucci unterstützt Events wie die Empore Amore oder die Regenbogenalm. Foto: Scheffel

„Die Community hat sich verändert. Es gibt immer mehr Events für ein queeres Publikum, was ich gut finde. Gerade bei den Jüngeren vermischt sich das“, so Pagliarucci. Gleichzeitig nehme die Queerfeindlichkeit wieder zu, deshalb sei es wichtig, dass es Events wie die Empore Amore oder die Regenbogenalm gebe.

Für die Gaydelight halte er dennoch lieber an einem gebündelten Termin im Herbst fest, um den Glanz der Veranstaltung und die Vorfreude auf das Event zu erhalten und so weiterhin einen möglichst großen Teil der Community anzusprechen. Die Vorfreude ist, das machten die Feiernden am Donnerstagabend deutlich, in jedem Fall da.

Begriffserklärung

LSBTIQA+
Die Abkürzung LSBTIQA+ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter, queere, asexuelle Menschen und andere Geschlechter und/oder Sexualitäten. In dem Begriff werden (einige) geschlechtliche und sexuelle Identitäten jenseits der heterosexuellen Norm zusammengefasst.

Queer
Der Begriff meint sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der heterosexuellen oder cisgeschlechtlichen Norm entsprechen.