Etliches ist neu beim Stuttgarter Frühlingsfest. Auch die Ansprache. Man haut auf die Pauke. Und die Kritik am Gemeinderat ist laut.
Europas größtes Frühlingsfest: Das war bisher die Sprachregelung. Wenn man bei der Stadt mal so ordentlich angeben, so richtig auf die Pauke hauen wollte, dann packte man den Spruch aus: Das Stuttgarter Frühlingsfest ist Europas größtes Frühlingsfest! Aber jetzt legt man noch drauf.
Guido von Vacano hat am 1. April Andreas Kroll als Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart abgelöst. Und ist als solcher Hausherr auf dem Wasen und damit auch für den Rummel im Frühjahr und Herbst verantwortlich. Das Stuttgarter Frühlingsfest vom 18. April bis zum 10. Mai ist nun seine Feuertaufe. Und er hat sich entschieden, sie offensiv anzugehen. Obwohl nachweislich schwäbischer Abstammung, hat er die stammestypische Zurückhaltung aufgegeben, und nach dem Motto, warum von einem Häusle schwätzen, wenn man doch eine Villa hat, ist ihm Europa eindeutig zu klein: „Wir haben das größte Frühlingsfest der Welt!“
250 Betriebe, mehr als zwei Millionen Besucher, das gebe es so nicht noch mal auf diesem Globus, ist er sich sicher. Ob das in Brasilien oder Kamerun jemanden interessiert, scheint fraglich. Aber ist dieses Superlativ ohnehin nach innen gerichtet, an die Menschen, die in Stuttgart Politik gestalten und entscheiden. Es soll ihnen den Stellenwert verdeutlichen, den das Frühlingsfest als „ enormen Wirtschaftsfaktor hat“.
War das noch der Wink mit dem Zaunpfahl, wedelten der Schaustellervertreter Mark Roschmann und der Wirtesprecher Marcel Benz mit dem ganzen Zaun. Die massive Erhöhung der Gebühren durch die Stadträte hatte Beschicker und Wirt erzürnt. „Man kann uns nicht weiter melken“, sagte Roschmann in seinem „Appell an den Gemeinderat“. Und betonte noch einmal den Wert, den das Frühlingsfest habe. „Hotels und Motels verlangen normalerweise 60 Euro für ein Zimmer, während des Frühlingsfestes sind es 300 Euro.“ Selbst im benachbarten Baumarkt zahle man mehr für die Füllung einer Gasflasche. „Da profitieren ganz viele, und das ist ja auch gut so.“ Aber das Fest müsse dafür den Standard halten, und das gehe nur über Qualität. „Die muss ich aber einkaufen, und dafür muss ich die Mittel haben.“
Und nicht zuvor schon als Gebühr zahlen, meint er damit. Marcel Benz unterstützte ihn in dieser harschen Kritik. Binnen drei Jahren müssten die Wirte 51 Prozent höhere Gebühren zahlen. Das summiert sich nun auf bis zu 80 000 Euro. „Irgendwann ist dann mal Schluss“, sagt Benz, zusätzlich belasten ja auch der gestiegene Mindestlohn und höhere Energiepreise das Ergebnis. Obwohl man ja auch Geld für Investitionen in die Zelte benötige, habe man den Bierpreis im Vergleich zum Volksfest nicht erhöht. Die Maß kostet wie im Herbst bis zu 14,90 Euro. Aber das lasse sich wegen der gestiegenen Kosten nicht bis zum Volksfest halten. Sprich, da wird es teurer.
Obwohl ja auch für die Kundschaft alles teurer wird und die Weltenlage nicht gerade zum Jubilieren anregt, habe man sogar mehr Reservierungen als im Vorjahr. Oder gerade deswegen? „Die Leute freuen sich in schwierigen Zeiten auf ein bisschen Gelassenheit und Miteinander!“
Auf gelassene Besucher hofft Jörg Schiebe, Leiter der Wasenwache. Die Zahl der Einsätze war im vorigen Jahr sowohl beim Frühlingsfest als auch beim Volksfest um 17 Prozent gestiegen. 914 Einsätze waren es beim Frühlingsfest 2025, aber „nur“ 400 Straftaten. was zeige, dass vieles im Zusammenspiel der Sicherheitskräfte auf dem Platz erkannt und unterbunden und „mit Ansprachen geregelt“ worden sei, bevor die Sache eskalieren konnte. Für dieses Jahr rechnet er mit über 1000 Einsätzen, aber nicht mit mehr Straftaten. Und er hofft, dass sich weiter herumspricht, dass der Wasen schon lange eine Waffenverbotszone sei und Messer und Pfeffersprays am Eingang einkassiert werden.
Wie sagte Guido von Vacano doch: „Ohne die Sicherheit kommt keiner, aber keiner kommt wegen der Sicherheit.“ Dass sich die Besucher sicher fühlen, dabei wird die App Safe Now in nunmehr allen Festzelten helfen. Und wieder die Wasenboje. Die nächsten zwei Jahre ist die Finanzierung gesichert. Wenn auch mit Abstrichen. 60 ehrenamtliche Helferinnen werden von 15 Uhr an in dem Container der Organisation Frauen und Mädchen helfen, wenn sie Probleme haben, sich unsicher fühlen, oder einfach nur Ruhe wollen. Erstmals wollen die Helfer auch Runden drehen über das Festgelände, um leichter ansprechbar zu sein.
250 Geschäfte sind dabei
Insgesamt sind 250 Geschäfte auf dem Wasen. 1200 Bewerber gab es. Wieder mal mit dabei ist der „Happy Sailor“, der nach langer Pause seinen Weg erneut nach Bad Cannstatt fand. Und ganz neu ist das Laufgeschäft „Spaßstadl“ für alle, die sich nicht wild hin- und her schleudern lassen müssen. Für alle, denen es als Nervenkitzel reicht, mit dabei zu sein „beim größten Frühlingsfest der Welt“.
Das 86. Stuttgarter Frühlingsfest
Öffnungszeiten
Das Frühlingsfest beginnt am Samstag, 18 April. Die Geschäfte öffnen um 11 Uhr, Fassanstich ist um 11.30 Uhr. Montag bis Donnerstag ist von 12 bis 23 Uhr geöffnet. Freitags von 11 bis 24 Uhr, samstags von 11 bis 24 Uhr, sonntags von 11 bis 23 Uhr. Donnerstag, der 30. April, ist von 12 bis 24 Uhr geöffnet, Freitag, der 1. Mai von 11 bis 24 Uhr.
Familientage
Jeweils mittwochs sind die Familientage. Da haben Schausteller und Wirte versprochen, die Preise zu reduzieren.