Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble besucht eine Festveranstaltung des Branchenverbandes Dehoga. Foto: 7aktuell

Baden-Württembergs Tourismus meldet Jahr für Jahr Rekordwerte. Also dürften die Hoteliers und Gastwirte doch über beide Ohren strahlen. Oder? Besuch bei einer Festveranstaltung des Branchenverbandes Dehoga.

Stuttgart - Die Bude ist voll, der Durst ist groß. Doch zur guten Laune der 4000 Festzelt-Besucher trägt der Stargast aus Berlin nicht bei. Weniger Bürokratie? Nicht zu ändern, sagt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) beim Frühlingsfest des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) am Montagabend auf dem Stuttgarter Wasen. Die Mehrwertsteuer für Speisen auf sieben Prozent senken? Nicht finanzierbar, sagt der 74-Jährige. Und überhaupt - was sein Vorredner gerade gefordert habe, klinge teils nach dem, „was man bei Politikern als Sonntagsrede bezeichnen würde“. Die Menge buht. Schäuble trinkt Wasser.

Der Vorredner war Dehoga-Landeschef Fritz Engelhardt. Der Hotelier hatte den Gästen mit einer zünftigen Rede eingeheizt und dabei verbal einen Forderungskatalog an Schäuble übermittelt. Die Branche entwickle sich in die falsche Richtung, sagt Engelhardt. Trotz insgesamt guter Konjunktur seien die Umsätze zuletzt etwas rückläufig gewesen. Das sei beunruhigend.

Schuld daran ist aus Sicht des Branchenvertreters zum großen Teil die Bundesgesetzgebung. „Wir erleben den schleichenden Rückzug der mittelständischen Gastronomie unter dem Druck widriger rechtlicher Rahmenbedingungen“, sagt Engelhardt. Zur Bewältigung der Vorschriften - etwa genauer Arbeitszeit-Listen - würden Gastronomen und Hoteliers immer mehr an den Schreibtisch verbannt. „Wir ersticken im Dickicht der Vorschriften und Dokumentationspflichten“, moniert er. Die Menge nickt, auf Schildern steht: „Kochen statt dokumentieren“.

Ein besonderes Ärgernis für die Branche

Unter den Zuhörern ist auch Beate Gaiser, Betreiberin des Hotels Adler in Freudenstadt. Wie es so läuft? „Uns geht es richtig gut“, sagt die 50-Jährige. Die Nachfrage sei groß, man habe das Hotel ausgebaut. „Wir sind sehr zufrieden mit der Geschäftslage“, sagt sie und fügt dann hinzu: „Aber natürlich haben wir auch Probleme.“ So werde man zum Beispiel „mit Bürokratie überzogen“. Etwa ein Drittel ihres Arbeitstages sitze sie im Büro, viel mehr als früher.

Ein besonderes Ärgernis für die Branche ist das Arbeitszeitgesetz, das pro Tag eine Maximal-Arbeitszeit von zehn Stunden vorsieht. Der Dehoga fordert seit langem eine Umstellung auf ein wöchentliches Maximum von 48 Stunden. „Das Gesetz ist völlig unflexibel“, sagt Hotelier Jörg Möhrle vom Schwarzwaldhotel Tanne in Baiersbronn (Kreis Freudenstadt). Wenn ein Bus mit Gästen im Stau stehe und später als geplant ankomme, dann könne er die Küche doch nicht zumachen und den Gästen sagen: „Herzlich willkommen, es gibt nur noch kalte Platte“.

Würde sich das Arbeitszeitgesetz hingegen an einer wöchentlichen Obergrenze orientieren, wären solche Probleme laut Dehoga entschärft: Dann könnte der Koch ganz legal ein paar Stunden länger bleiben. Aber wollen die Beschäftigten das überhaupt? „Das wäre auch im Interesse der Beschäftigten“, sagt Hotelbesitzer Möhrle. So wirklich verifizieren lässt sich das nicht am Montagabend. Neben Möhrle steht sein Azubi Simon. Länger arbeiten, wenn der Bedarf da sei? Der 19-Jährige sagt etwas schüchtern: „Ich hätte damit kein Problem.“

Durchaus ein Problem sieht hingegen Alexander Münchow, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes, hin zur Wochen-Arbeitszeit? „Wir lehnen das kategorisch ab.“ Eine Umstellung auf eine Wochenarbeitszeit würde die Arbeitsbedingungen verschlechtern, findet er. Dadurch würde sich der Fachkräftemangel in der Branche nur noch verschärfen.

Immerhin für kurzzeitig gute Stimmung sorgt Minister Schäuble doch noch beim Dehoga-Fest. Er sei beim Thema Arbeitszeitgesetz ganz auf der Seite des Dehoga, für eine Änderung hin zur Wochenarbeitszeit wolle er kämpfen, sagt er. Der Haken: Zuständig für dieses Bundesgesetz ist Arbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD.

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