Stuttgarter forschen nach neuer Mobilitätskultur Die Stadt bewegt sich

Von Nina Ayerle 

2016 wurden die Stuttgarter Stäffele bereits im Rahmen des Experiments von Studenten in eine Art Wohnzimmer gebaut. Foto: dpa
2016 wurden die Stuttgarter Stäffele bereits im Rahmen des Experiments von Studenten in eine Art Wohnzimmer gebaut. Foto: dpa

Drei Jahre lang haben Forscher der Universität Stuttgart ein sogenanntes Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur durchgeführt – und dabei Bürger und deren Initiativen eingespannt. Der Öffentlichkeit stellen sie nun die Ergebnisse des Projektes vor.

Stuttgart - Die Stuttgarter Stäffele sind ein Stück Kulturgeschichte der Landeshauptstadt. Außer einem schönen Blick über den Kessel eint sie die Autofreiheit. Das hat den Architekten und Stadtplaner Johannes Heynold auf die Idee gebracht, die Stäffele zu beleben. Im Sommer 2016 schuf er mit zwölf Studenten einen Ort für Kultur, Bewegung und nachbarschaftlichen Austausch: Die „Stadt als Haus“ war das Motto des Projekts Stäffele-Gallery. Es sollte die Bürger zum Nachdenken anregen: Was wäre, wenn die Staffeln nicht nur ein Ort wären, um von A nach B zu kommen, sondern ein Treffpunkt für Nachbarn?

Sportkurse und Nachbarschaftsttreffen auf den Stäffele

Von den Bürgern sei das Projekt sehr gut angenommen worden, ob Sportkurse auf den Stäffele oder die Pinnwand mit Anregungen für eine bessere Nachbarschaft. Heynold hat seine Ergebnisse inzwischen in einem kleinen Kochbuch zusammengefasst, mit „Rezepten“ für eine nachhaltigere Nutzung der Stäffele, denn klar ist ihm geworden: Die meisten Menschen brauchen Anregungen. Man müsse sie aus ihrer gewohnten Art, sich in der Stadt zu bewegen, erst rausreißen. „Es bringt die Menschen in Kontakt, holt sie aus ihren Blasen“, sagt Heynold über die Wirkung.

Die Stäffele-Gallery war eines von mehreren Experimenten innerhalb des auf drei Jahre angelegten Projektes „Future City Lab – Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur“, an dem sich sieben Institute der Universität Stuttgart beteiligt haben. Finanziert wurde das Projekt von einer Förderinitiative des Landes Baden-Württemberg mit Unterstützung des Umweltbundesamtes.

Was wäre wenn ... Stuttgart ruhiger und sauberer wäre?

Die Idee hinter dem Reallabor? Was wäre wenn . . . Stuttgart auf einmal eine Stadt ohne lärmenden Verkehr, Feinstaub und zugeparkte Ecken wäre, sondern mit lebendigen Nachbarschaften und Möglichkeiten zur Teilhabe im öffentlichen Raum. Seit Anfang 2015 haben die Forscher an der Universität Stuttgart dieses Gedankenspiel erforscht. In einem dreitägigen Abschlusskongress stellen die Projektbeteiligten von diesem Donnerstag an im Stuttgarter Hospitalhof ihre Ergebnisse vor und diskutieren darüber, welche Empfehlungen sich für die Stadtpolitik ergeben.

Wie lässt sich nun Mobilität nachhaltiger gestalten? Ein zentraler Baustein des Reallabors waren vier Experimente mit Bürgerinitiativen. Neben der Stäffele-Gallery waren in der Stadt kostenlose Lastenräder und eine Bürgerrikscha unterwegs. Außerdem wurden für etwa drei Monate 16 Parkplätze zu elf „Parklets“ umgewandelt – einer Art Miniaufenthaltsräumen mitten in der Stadt.

Reallabore verlassen die gängigen Forschungspfade

Die Reallabore sollen eine Möglichkeit eröffnen, die gängigen Forschungspfade zu verlassen. Das Prinzip dieses neuartigen Forschungsformates ist, auf experimentelle Art und gemeinsam mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft und der Politik Lösungen zu finden für die aktuellen Herausforderungen wie den Klima- und Energiewandel, Mobilität, Konsumverhalten, aber auch für Probleme wie soziale Ungleichheit. Auch andere Forschungsinstitute in Baden-Württemberg arbeiten derzeit in Reallaboren an aktuellen Problemen. So beschäftigt sich an der Universität Heidelberg das Geographische Institut in dem Reallabor „Urban Office“ mit der „nachhaltigen Stadtentwicklung der Wissensgesellschaft“.

Das Ziel der Stuttgarter war, nicht im stillen Kämmerchen an der Universität zu forschen, sondern mit Menschen zu arbeiten, die durch ihr eigenes Mobilitätsverhalten Experten sind, sagt Marius Gantert, einer der Projektkoordinatoren: „Wir haben gezielt nach solchen Pionieren des Wandels gesucht.“ Gemeint sind Einzelakteure und Initiativen, die laut Gantert mit ihren Projekten neue Formen der Mobilität schon selbst erproben – wie die Bürgerrikscha Vaihingen und der Verein Freies Lastenrad. Diese habe man gezielt unterstützt. Auch wenn einige keineswegs bei allen Stuttgartern auf Gegenliebe trafen.

Kleine Oasen ersetzen Parkplätze

„Die Parklets waren ja eine gewagte Idee“, sagt Gantert. Weder die Initiative noch die Stadt hätte ein derartiges Projekt von sich aus so umsetzen können. Über das Experiment seien alle Beteiligten zu einer Lösung gekommen – die Ideengeber, die Universität und die Stadtverwaltung. „Das Ziel des Reallabors war, deren Wissen mit der Wissenschaft zusammenzubringen und daraus neues Wissen zu generieren“, sagt Eric Puttrowait, ebenfalls Projektkoordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie.

Gerade das ist es, was die Wissenschaftler Gantert und Puttrowait an dem Projekt besonders spannend fanden, nämlich ihre Vermittlerrolle zwischen den einzelnen Akteuren. Bei den Parklets habe das gut geklappt, so das Fazit von Puttrowait. Dass die Resonanz bei den Stuttgarter Bürgern auf die blockierten Parkplätze gespalten war, sei für das Experiment selbst gar nicht schlecht gewesen. „Wir haben bewusst auch kontroverse Themen angepackt“, sagt Puttrowait, der über seine Masterarbeit mit dem Titel „Das Fahrrad als nachhaltiges, urbanes Transportmittel in Kairo“ zum Reallabor stieß. Mit den Parklets habe man schließlich gezielt eine Debatte darüber angezettelt, wem eigentlich der öffentliche Raum in Stuttgart gehört.

Eine Karawane aus Räder, Fahrradtaxis und Rikschas

Doch wie kann eine Stadt wie Stuttgart, die sehr stark vom Automobil geprägt ist, eine vollkommen neue Mobilitätskultur entwickeln? Auf diesen wenig ausgetretenen Pfaden haben die Forscher auch mit Akteuren kooperiert, mit denen sie sonst wenig Überschneidung haben – wie mit dem Theater Rampe: „Theater hat einen spielerischen Ansatz, es inszeniert Dinge“, sagt Puttrowait: „Das können wir Wissenschaftler nicht.“ Gemeinsam mit dem Theater riefen die Forscher im vergangenen Jahr zu einer „Karawane der Zukunftsmobilität“ auf. Auf Rädern, Fahrradtaxis und Bürgerrikschas zogen die Demon­stranten vom Flughafen in Richtung Innenstadt, um mit dieser Inszenierung neue Wege einer nachhaltigen Mobilität aufzuzeigen.

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