Architekt Wolfgang Zaumseil vor dem Tor zum Jugendhaus im Stuttgarter Stadtteil Wangen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auf Spurensuche: In unserer Serie „Stuttgarter Entdeckungen“ wollen wir mit Hilfe unserer Leser verborgene Geschichten aufspüren. Wir blicken auf Kulturdenkmäler, die sich nicht auf den ersten Blick erklären. Diesmal: Das Tor zum Jugendhaus Wangen.

Stuttgart - Roland Ostertag ist ein umtriebiger Mensch. Als der Architekt im Frühling dieses Jahres erst am Neckar entlangspazierte und danach durch den Stuttgarter Stadtbezirk Wangen in Richtung Hedelfingen streifte, entdeckte er einen etwas verborgen gelegenen, aber prachtvollen Torbogen. Er steht am Ende der Eybacher Straße und bildet den Eingang zum Jugendhaus Wangen. Was allerdings die wenigsten Menschen wissen: Das Tor ist ein Bauwerk voller Geschichte und Besonderheiten. Und es steht wie kaum ein anderes Projekt für eine Kultur des Mitmachens und des Miteinanders. „Es vereint Elemente aus verschiedenen Kulturen“, sagt Ostertag, „so etwas ist nicht typisch für Stuttgart.“

Fast 30 Jahre ist es nun her, als Jugendliche aus Wangen und Flüchtlinge es gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekten Wolfgang Zaumseil, einer Bautruppe des Jugendhausvereins und drei Architekturstudenten entworfen und errichtet haben. Zaumseil lebte und arbeitete damals mit seiner heutigen Ehepartnerin Friederike Pawlik in einer Wohnung über dem alten Jugendhaus. Beide waren von 1983 an entscheidend beteiligt an der Planung und Gestaltung des neuen Jugendhauses und dessen Umgebung.

Jugendliche aus dem Stadtbezirk und tamilische Flüchtlinge aus Sri Lanka wirkten zunächst am Innenausbau des neuen Jugendhauses mit und gestalteten auch dessen Außenanlage. Während dieser Arbeiten entstand unter den Heranwachsenden der Wunsch, dass ein Tor am Knick der Eybacher Straße auf die Einrichtung aufmerksam machen solle.

Das Jugendhaus lag versteckt hinter massiven Bäumen

Denn aus der Ferne deutete zunächst nichts auf das neue Jugendhaus hin. Es lag versteckt zwischen den massiven Bäumen, einer dichten Hecke und der Schallwand zur B 10. Das Tor, so war der Plan, sollte zum Wahrzeichen des Jugendhauses werden. Zaumseil konnte den Wunsch der Jugendlichen nachvollziehen, nahm ihn auf – und rief einen Ideenwettbewerb für die Gestaltung des Tores aus.

Mehr als 20 Vorschläge gingen bei ihm ein. Die teils sehr fantasievollen Zeichnungen der Jugendlichen reichten von einer Ritterburg mit einer Zugbrücke über ein Wildwest-Fort aus Holzpalisaden bis hin zu einem Konstrukt aus Getränkedosen. Am Ende setzte sich eine Skizze von Iwan Milanovic mit zwei monumentalen Türmen und zwei verzierten Torflügeln durch.

Milanovic hatte gerade eine Ausbildung zum Kfz-Schlosser abgeschlossen, jedoch noch keine feste Anstellung. Der junge Mann mit kroatischen Wurzeln bot daher an, die Torflügel seines Entwurfs selbst umzusetzen. Jugendhausleiter Jürgen Zaiß, Erzieherin Friederike Pawlik und Architekt Wolfgang Zaumseil vertrauten Milanovic, der Jugendhausverein unterstützte ihn finanziell. Und der Bauhof schenkte dem Jugendhaus darüber hinaus sechs ausrangierte Laternenmasten, die später den orientalisch anmutenden Torbogen bilden sollten.

Die Gesamtkosten lagen bei 45 000 Euro

Das Tor wurde von Juni 1986 bis September 1986 gebaut, im Sommer 1988 folgten die zwei monumentalen Türme, die mit Ziegeln gemauert und mit vor Ort hergestellten Keramikfliesen verziert sind, und die Brücke, die beide Türme miteinander verbindet. Die Gesamtkosten für den Torbau beliefen sich auf umgerechnet 45 000 Euro.

Bei dem Projekt halfen aber nicht nur Iwan Milanovic und andere Jugendliche aus Wangen. Auch fast 30 Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, Nigeria und Ghana, die in einem benachbarten Asylbewerberheim untergebracht waren, kamen ins Jugendhaus und brachten sich ein. Das beste Beispiel für die gelungene Partizipation waren die Schwestern Shiwa und Neda Agdaje. Die beiden Iranerinnen, Anfang 20, fertigten faszinierende Miniaturzeichnungen, die Verse des persischen Dichters Hafis darstellten und in die Torflügel aus Stahl eingearbeitet wurden. Oder irakische Asylbewerber. Sie zeichneten sich für die Kuppel auf einem der beiden Türmen verantwortlich.

Zaumseil, heute 62 Jahre alt, erinnert sich noch sehr gut an jene Zeiten. Zunächst seien die Asylbewerber von den einheimischen Heranwachsenden noch skeptisch beäugt worden. Aber nach und nach brach das emotionale Eis zwischen beiden Seiten. „Wir haben die Flüchtlinge teilnehmen lassen an unserem Leben, Arbeiten und Feiern, an unseren Ideen, Wünschen und auch Ängsten“, erklärt Zaumseil, „und wir durften im Gegenzug teilhaben an den Biografien, Träumen und Geschichten, die die Flüchtlinge mitgebracht haben.“

Atmosphäre des Miteinanders statt des Gegeneinanders

Der Architekt und Künstler beobachtete mit Freude, wie sich unter den jungen Menschen in Wangen mit der Zeit eine Atmosphäre des Miteinanders statt des Gegeneinanders entwickelte. Und so wurde der Bau des Tores zu einem Paradebeispiel für Inte-gration und Teilhabe – in einer Zeit, in der beides gesellschaftlich bei weitem noch nicht so verankert war wie heute. Wenn Zaumseil von damals erzählt, schwingt eine gehörige Portion Stolz mit. „In diesem kleinen Territorium um das Jugendhaus Wangen ist es uns gelungen, dass das Fremde nicht mehr als Konkurrenz wahrgenommen wurde, sondern als Bereicherung“, sagt er. Dies sei nicht selbstverständlich gewesen. „Das war damals ein wichtiges Zeichen. Und das Thema Integration von Flüchtlingen ist auch jetzt wieder brandaktuell.“

Das Resultat des Miteinanders – das Tor mit den Einflüssen aus verschiedenen Kulturen – wirkt auch 30 Jahre später noch prachtvoll. Zumindest aus der Ferne. Kommt man ihm näher, wirkt es, als sei es über Jahre hinweg nicht gepflegt worden. Mehrere kleine Mosaikplättchen sind abgeschlagen, die hübschen Torflügel abmontiert. Sie liegen nur ein paar Meter hinter dem Tor am Rande des Wegs. Theoretisch ist die Torbrücke begehbar. Weil die Wendeltreppe im Inneren des rechten Turms aber nicht gewartet worden ist, wäre das Risiko bei einem Steigeversuch zu hoch. „Ich will niemanden anklagen“, sagt Zaumseil bei seinem Besuch, „aber natürlich ist es schade und tut weh, wenn ich das Tor so sehe.“

Info:

Wolfgang Zaumseil ist 1953 in Konstanz geboren. Er wächst in Überlingen am Bodensee auf und studiert an der Fachhochschule und der Universität Stuttgart Architektur. Im Jahr 1983 schließt er das Studium mit dem Diplom ab und macht sich selbstständig.

Seit 1979
gehört Zaumseil außerdem der Künstler- und Architektengruppe Sanfte Strukturen an, mit der er seit 2013 in Taiwan erdbebensichere Pavillons mit lebenden Bäumen baut. Von 1989 bis 2003 lehrt er an Hochschulen und arbeitet seither in der Erwachsenenbildung.

Seine Projektschwerpunkte liegen auf der kooperativen Gestaltung von Kindergärten, Schulgärten, Therapiegärten, sozialen Einrichtungen wie Jugendhäusern und Naturerlebnisräumen. Die Aneignung des öffentlichen Raums durch gesellschaftlich benachteiligte Menschen entwickelt und setzt er in künstlerischer Gestaltung um.

Für den „Torbau zu Wangen“ wurde der junge Architekt 1986 mit einem Stipendium des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, damals noch mit Sitz in Bonn, in Höhe von umgerechnet 40 000 Euro gefördert. Für dasselbe Projekt erhielt er 1991 eine Auszeichnung beim Stadtbildwettbewerb Stuttgart und 1994 einen Architekturpreis „Bauen und Gestalten mit Vormauerziegeln und Klinkern“.

Weitere Preise: 1985 Auszeichnung beim Deutschen Architekturpreis für den Innenausbau und die Außenanlagen des Jugendhauses Wangen (mit Peter Hübner); 2002 Sonderanerkennungspreis der Wüstenrot-Stiftung beim Architekturpreis 2002 „Schulen in Deutschland, Neubau und Revitalisierung“ für das Projekt Schulgarten Uhlandschule, „Pavillon Grünes Klassenzimmer“. Anerkennung beim Preis „Die Soziale Stadt 2006“ des Bundesbauministeriums für das Projekt „Trinken im öffentlichen Raum“, Versuch ein Konfliktlösung in Stuttgart, Stadtteil Rot; 2007 Anerkennung als Dekadenprojekt der Unesco „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ für das Projekt „Naturerlebnisraum Schauinsland Total“; 2008 Sonderpreis des Sozialministeriums Baden-Württemberg für den Erlebnisgarten der Nikolauspflege in Stuttgart, Dornbuschweg. (nim) Erschienene Beiträge in der Serie Stuttgarter Entdeckungen findet man im Internet unter www.stn.de/entdeckungen.

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