Der massive Unterrichtsausfall an Sonderpädagogischen Bildungszentren lässt Mütter und Väter verzweifeln. Sie schlagen Alarm. Auch die Lehrkräfte stehen unter Druck.
Der Nachmittagsunterricht fällt aus, weil die Lehrkraft krank ist, und auch der Kindergarten macht zwei Stunden früher zu, weil gerade eine Grippewelle umgeht. Viele Eltern kennen das und sehen sich vor Herausforderungen gestellt. Doch Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung sehen sich mit ungleich schwierigeren Situationen konfrontiert – und das seit Jahren.
Der Versorgungsgrad mit Lehrkräften an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Stuttgart lag im Schuljahr 2024/2025 bei 81 Prozent. Das steht in einer Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Katrin Steinhülb-Joos. An den drei SBBZ mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung in Stuttgart sei die Lehrkräfteversorgung noch schlechter, sie liege seit Jahren gerade einmal zwischen 70 und 80 Prozent, sagt Anna Linder. Sie ist die Vorsitzende des Schulartenausschusses SBBZ im Gesamtelternbeirat Stuttgart.
Die Folgen sind dramatisch. Wegen des eklatanten Personalmangels finden in der Grundstufe grundsätzlich nur 25 statt 34 Wochenstunden statt, in der Hauptstufe sind es 28 statt 34 Wochenstunden. Das bedeutet neun beziehungsweise sechs Stunden Ausfall jede Woche, planmäßig, und das über Jahre hinweg. Bei Krankheitswellen müssten Schülerinnen und Schüler oft tageweise zu Hause bleiben, weil es keine Lehrkräfte mehr gebe, die sie unterrichten könnten, berichtet Anna Linder.
Im Schulkindergarten ist die Drei-Tage-Woche die Regel
Auch in den Schulkindergärten ist der Personalmangel gravierend. Der Bodelschwingh-Kindergarten bietet seit einiger Zeit nur noch eine Drei-Tage-Woche an. Dort seien aktuell eine Fachkraft und eine Pflegerin für elf Kinder mit Behinderung zuständig, was eine enorme Belastung für die Erzieherinnen sei, sagt Jacqueline Fischer. Sie ist die Sprecherin der neu eingerichteten AG Schulkindergärten und ergänzt: „Auch wir Eltern sind am Limit.“ Vielen sei es kaum oder nicht möglich, einen Beruf auszuüben. Die emotionale Belastung sei hoch.
Vor allem aber machen sie sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. „Ich habe Zukunftsängste. Der Zustand meiner Tochter verschlechtert sich. Sie wird nächstes Jahr eingeschult, und ich frage mich, wie das gehen soll“, sagt Jacqueline Fischer. Ihr Kind habe kaum Gelegenheit gehabt, einen ritualisierten Alltag kennenzulernen und sei wegen der vielen Schließtage in der Entwicklung immer wieder zurückgeworfen worden.
„Das Recht auf Bildung scheint für Kinder mit Förderbedarf nicht zu gelten“, kritisiert Anna Linder. Wenn Betreuung oder Unterricht immer wieder ausfielen, könnten ihre Kinder nicht die Fähigkeiten erreichen, die eigentlich möglich wären. Dabei gehe es sowohl um Bildung als auch um das Erlernen von Alltagskompetenzen. Am Ende koste das die Gesellschaft mehr, weil ihre Kinder Pflegefälle werden würden, obwohl so viel mehr möglich gewesen wäre.
„Neun Stunden weniger Unterricht jede Woche, das ist signifikant. Unsere Kinder können gar nicht so gut vorankommen, wie man sich das erhofft“, sagt auch Shima May, deren Tochter die Bodelschwinghschule besucht und ergänzt: „Es ist einfach ungerecht.“
Auch der geschäftsführende Schulleiter übt Kritik
„Die Lage an den SBBZ verschlechtert sich seit Jahren, vor allem an denen mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung“, sagt Michael Hirn. Er ist Rektor der Fernau-Horn-Schule sowie geschäftsführenden Schulleiter für die SBBZ in Stuttgart und ergänzt: Im Landeshaushalt seien von Vornherein zu wenige Stellen für die SBBZ vorgesehen, weil die Landesregierung es versäumt habe, die Zahl der Stellen an die steigenden Schülerzahlen anzupassen. Und nicht einmal die vorhandenen Stellen seien besetzt.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt an, dass selbst wenn alle Stellen besetzt wären, damit nur etwa 88 Prozent der vom Land vorgesehenen Unterrichtsstunden gehalten werden könnten. „Das kann man sich nur leisten, weil man weiß, dass die Familien nicht aufbegehren werden, weil sie mit Überleben beschäftigt sind“, kommentiert die GEW-Vorsitzende Monika Stein. Katrin Steinhülb-Joos spricht von einem „Totalversagen der Landesregierung“ und fordert, dass diese mehr Ressourcen und Personal für die SBBZ und die Inklusion zur Verfügung stellt.
Das gesamte System sei hoch belastet, sagt Michael Hirn. Er erlebe erschöpfte, verzweifelte Eltern und Lehrkräfte unter Druck. „Die Lehrerinnen und Lehrer wollen ein gutes Angebot machen. Aber wir sind an einem Punkt, an dem sie personelle Engpässe nicht mehr durch Engagement ausgleichen können, ohne krank zu werden“, sagt Hirn. Das Unterricht strukturell ausfalle, schmerze die Lehrerinnen und Lehrer. „Weil sie wissen, was das für die weiteren Entwicklungschancen der Kinder und für die Eltern bedeutet“, sagt der Rektor. Wo irgendwie möglich, werde eine Notbetreuung angeboten. „Das ist dann aber kein Unterricht, sondern eher Beschäftigung.“
Michael Hirn fordert mehr Studienplätze für Sonderpädagogik. Auf diesem Feld habe das Kultusministerium zwar reagiert, aber nicht entschieden genug gehandelt. Auch von den 1440 sogenannten Geister-Lehrerstellen, die über Jahre unbesetzt blieben, ohne dass es jemand merkte, sei ein Großteil an die SBBZ gegangen. Das reiche aber noch längst nicht aus. Michael Hirn plädiert dafür, Umschulungsprogramme für Lehrkräfte an anderen Schularten attraktiver und Qualifizierungen für Quereinsteiger besser zu machen. „Das sollte sich die Landesregierung was kosten lassen“, findet Hirn. Auch die Stadt können einen Betrag zur Entlastung des Systems leisten, indem sie mehr Geld für Sekretariatsstellen, Schulsozialarbeit und Schulbegleitungen bereit stelle.