Radoslaw Pallarz mit seinen CDs vor der Arche im Olgäle, die als Schiff Namenspate für das Label „Navis“ ist. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Radoslaw Pallarz trifft garantiert den richtigen Ton: Musik nicht nur für die kranken Kinder im Olgäle. Er hat sein Preisgeld als „Stuttgarter des Jahres“ in ein CD-Label investiert.

Stuttgart - Der frühe Musiker findet den Ton. Wenn Radoslaw Pallarz komponieren will, dann muss er das beizeiten tun: morgens um fünf ist für ihn die Welt noch in Ruhe, seine Frau und die beiden Kinder schlafen und er kann sich konzentriert seiner Leidenschaft widmen. Denn tagsüber arbeitet der 44-Jährige als pflegerischer Stationsleiter Abteilung Neurologie, Psychosomatik und Schmerztherapie am Olgäle. Dort betreut er auch seit sieben Jahren die Reihe Kinderkonzert im Olgäle. Für dieses ehrenamtliche Engagementhat er 2015 Jahren den Titel „Stuttgarter des Jahres“ bekommen.

Das Preisgeld dieser von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Versicherungsgruppe ins Leben gerufenen Auszeichnung hat Pallarz in seine Herzenssache gesteckt und ein CD-Label gegründet. Navis-Musik heißt der Verlag, wobei das lateinische Wort für Schiff schnurgerade ins Olgäle weist: die Arche im Foyer des Kinderkrankenhauses ist gewissermaßen Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache.

Italienisches Essen als Honorar für den Kompositionslehrer

Musik begleitet den gebürtigen Oberschlesier Radoslaw Pallarz sein Leben lang: „Ich habe schon als Kind“ – er deutet mit den Zeige- und den Mittelfingern Gänsefüßchen an – „ ,komponiert‘.“ Er sieht sich zwar eher als Autodidakt, doch als er im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie von Polen nach Ausburg kam, nahm er nicht nur Gitarren- und Gesangsunterricht, sondern ließ sich auch von einem Posaunisten und Orchesterleiter in die Geheimnisse des Tonsatzes einweisen. Das Honorar: Pallarz bezahlte ihm das Essen beim Italiener, während der Lehrer die Kontrapunkt- und Harmonielehreaufgaben kontrollierte.

Dass er sich trotz seiner Leidenschaft entschied, einen sozialen Beruf zu ergreifen, hat im wesentlichen zwei Gründe. Erstens die materielle Sicherheit. Und zweitens die Tatsache, dass er sehr gerne mit Menschen zusammenarbeitet – die Einsamkeit des Elfenbeinturms wäre nichts für ihn.

Inschriften aus Pompeji musikalisch verarbeitet

Und so schreibt er in seiner Freizeit Stück um Stück. Beileibe nicht nur für Kinder wie „Rotkäppchen“, „Fausta und der Vulkan“ oder – passend zur jetzigen Jahreszeit – die Weihnachtsgeschichte. Vielmehr widmet er sich gerne auch historischen Stoffen wie den eingeritzten Inschriften von Pompeji. Mehr als 10 000 Parolen wurden in der vom Vesuv ausgelöschten römischen Stadt entdeckt, „zum Teil obszön wie heutige Graffiti“, zum Teil aber auch sehr anrührend. Letztere hat er genommen und in seinem ganz eigenen, intimen Stil kammermusikalisch verarbeitet. „Ich verwende ganz bewusst ganz klassische Spieltechniken und Klänge“ – Spannungsaufbau, Melodie, Harmonie, Rhythmus sind ihm wichtig, ein avantgardistischer Neutöner ist er nicht und will es auch nicht sein.

„Kinder verzeihen nicht, wenn Musik unentschlossen ist.“

Zwar hatte Pallarz schon fachlichen Kontakt mit berühmten zeitgenössischen Kollegen wie Krzysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm. „Aber wenn ich ein Vorbild für meine Musik nennen sollte, dann ist das Astrid Lindgren.“ Er liebt die Vielschichtigkeit der schwedischen Autorin, sein künstlerisches Credo ist „mit Emotionen zu arbeiten: Freude, Angst, auch Ekel und Enttäuschung – die Kinder sind so anspruchsvoll, dass sie nicht nur Schönes erleben wollen“. Ganz genau das findet er bei der vor 110 Jahren geborenen Schriftstellerin. So zum Beispiel, „dass sie den Tod zugelassen hat“, etwa in den „Brüdern Löwenherz“.

Das mag im ersten Moment seltsam klingen für einen Mann, der mit seinen kleinen Schmerzpatienten Musikprojekte veranstaltet („die sind ganz stolz, wenn sie nachher eine eigene CD in den Händen halten und auf Spotify sind“) und als Veranstalter der hochkarätig besetzten Olgäle-Konzerte 1000 Besucher pro Jahr zählt. Aber Pallarz’ Erfahrung ist, dass das Vorgaukeln einer heilen Welt in die Irre führt: „Kinder verzeihen nicht, wenn Musik unentschlossen ist.“

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