Experten haben bei einem virtuellen Treffen leidenschaftlich die Bedeutung des letzten württembergischen Monarchen diskutiert. Nun hat auch die Öffentlichkeit die Chance, sich mit Positionen und Argumenten einzubringen.
Stuttgart - Die Frage, „Wo König Wilhelm II. heute für uns steht?“, ist wunderbar doppeldeutig: Denn mit dem geografischen Standort eines Denkmals im öffentlichen Raum ist auch seine Bedeutung, seine Wertschätzung und – im übertragenen Sinn – auch seine Verortung in der kollektiven Erinnerung der Stadtgesellschaft verbunden. Nicht umsonst wurde der Streit um den abseitigen Standort des Deserteursdenkmals am Theaterhaus jahrelang mit aller Heftigkeit geführt.
Digitaler Workshop geplant
Jetzt also der König: Und die Frage, „Wo steht die Erinnerung an Wilhelm II. heute?“, will das Stadtpalais Museum für Stuttgart in den kommenden Wochen nun im Rahmen eines digitalen Workshops klären, an dem ein möglichst breites Spektrum der Stuttgarter Bürgerschaft teilnehmen soll. Ziel ist, die Positionen im Streit um das Standbild bis zum 30. April zu versammeln. Nach der Vorstellung des Museums soll auf diesem Weg jeder an der Debatte Interessierte die Möglichkeit erhalten, an einem Positionspapier zur Zukunft des Monarchenstandbilds mitzuwirken. Die Teilnehmer können dabei ihre Ansichten zu den bereits ausformulierten Ausgangsfragen einbringen, die Debatte aber auch mit neuen Positionen erweitern. Hierfür wird ein entsprechendes Google-Dokument ins Netz gestellt. Das mit „Schwarmintelligenz erarbeitete Dokument“, so Stadtpalais-Direktor Torben Giese, soll am 19. Mai im Rahmen einer weiteren digitalen Veranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Denkmal als Mittel zur Legendenbildung?
Am Mittwochabend haben bereits einige Akteure aus Politik, Kultur und Wissenschaft im Rahmen einer digitalen Impulsdiskussion ihre persönlichen Ansichten dargestellt: So betonte zum Beispiel Veronika Kienzle (Grüne), Bezirksvorsteherin in Stuttgart-Mitte, auf die Frage, wie wahr ein Denkmal eigentlich sein müsse?, dass es bei Denkmälern, wie beispielsweise beim Loriot-Mops am Eugensplatz, manchmal auch einfach um das Pflegen der Legendenbildung gehe: „So viel Wahrheit muss da dann gar nicht dabei sein“, sagt Kienzle. Es gehe auch um eine „emotionale Bindung“. Doch, und das schien wiederum Konsens unter den Diskutanten, falsch dürfe ein Denkmal nicht sein.
Gefahren der direkten Demokratie
Spannend wiederum, dass in der Debatte auch ein als unhinterfragbar geltendes Diktum noch einmal auf seine Stimmigkeit abgeklopft wird: Dass gerade das so vielfach geforderte Votum der Bürger in der Vergangenheit schon zu höchst fragwürdigen Entscheidungen hätte führen können, darauf machte die Kunsthistorikerin Andrea Welz aufmerksam: Als 1961 vor dem Landtag Henry Moores Plastik „Die Liegende“ aufgestellt werden sollte, provozierte dies in der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung. Das vorherrschende Argument der Kritiker gegen die Skulptur: sie sei „entartet“. Direkte Demokratie birgt bekanntlich auch Gefahren.
Debatte wird weitergeführt
Doch keine Frage: Es wäre ein Erfolg, wenn die Debatte um das Standbild auf dem Weg einer Online-Befragung an Dynamik gewinnen würde. Gut möglich aber, und auch das klang am Mittwochabend unter den zehn Diskutierenden bereits an, dass im Streit um das Wilhelms-Standbild der König am Ende aus den Zentrum des Blickfelds rücken könnte. Es zeichnet sich ab, dass sich hier eine Debatte entzündet hat, deren Feuer auf Bedeutenderes als einen schwäbischen „Bürgerkönig“ mit Hut und Spitzen überspringen könnte: Nicht nur Michael Kienzle, der Vorsitzende der Stiftung Geißstraße, deutete das an, als er betont: „Kaiser Wilhelm I. auf dem Karlsplatz ist wirklich ein Problem.“ Und auch Klaus Enslin von der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte Stuttgart unterstreicht im Anschluss an die leidenschaftliche Diskussion: „Man sieht, dass bei mehreren Denkmalen in Stuttgart Diskussionsbedarf besteht und dass das Wilhelm II.-Denkmal nicht das Wichtigste ist.“