Scharte oder Bullauge? Die Perspektive in 50 Meter Höhe ist frei wählbar. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Auf dem Dach der Musikhochschule gibt es einmal Stuttgart rundum – und den Blick auf viele Kräne.

Stuttgart - Wer früh am Morgen kommt, der muss erst einmal zu Inge Krutzke. Seit 16 Jahren sitzt Frau Krutzke am Empfang der Musikhochschule und ist deshalb qua Amt eine der Meisterinnen des Schlüssels. Und den braucht man für die Tür zur runden Dachterrasse auf dem 50 Meter hohen Turm des Stirling/Wilford-Baus an der Urbanstraße. Zumindest der erste, der am Morgen nach auf die Aussichtplattform will. Also Ausweis als Pfand abgeben, dann gibt es den kleinen Schlüssel mit dem roten Anhänger. Am Ende muss man denn wieder zurücktauschen, die Tür oben bleibt dann aber bis 21.45 Uhr offen. Und das gilt sieben Tage in der Woche.

Als dann, auf geht es nach oben: Vom Eingang Urbanstraße gibt es einen Lift bis fast zum Ziel. Aber auch eine Treppe. Und da keiner so genau sagen konnte, wie viele Stufen die denn nun hat und Journalisten grundsätzlich neugierig sind, hier die Antwort. Exakt 169. Dann steht man schnaufend oben, schließt die Tür auf und genießt das wirklich gute Gefühl im Sinne des Krankenkassen-Bonushefts etwas Gutes für die Gesundheit getan zu haben. Auch ganz ohne amtlichen Stempel.

Kräne dominieren den Blick

Der Turm bietet eine grandiose Rundumsicht über die Innenstadt, dabei schaut man aus der kühnen Architektur entweder durch Rundungen oder große, bodentiefe Scharten hinaus. Als akustische Begleitung surrt da oben konstant der Grundblues des baustellengegängelten Stuttgarter Verkehrs, verstärkt durch metallisch-heißeres Meißeln dicker Baumaschinen am Bahnhof und immer wieder mal grell aufgemotzt durch ein hektisches Martinshorn. Und das Auge schweift und sieht – zunächst einmal viele Kräne. Stuttgart ist im Umbruch, Richtung Dorotheenquartier ragen drei gelbe Lastenheber für den Erweiterungsbau der Landesbibliothek in den Himmel, weiter hinten zwei rote für das neue Kaufhaus. Ein bisschen weiter rechts wieder gelbe Kranen bei der Uni und noch ein Stück weiter – nun ja, dann kommt das Bahnhofsareal auf dem sich eine amtliche Versammlung der stählernen Bauhelfer fast berühren. Vor ein paar Jahren hieß es noch, jeder dritte Kran der Welt drehe sich in Dubai. Gefühlt sind jetzt ein paar davon hier.

Für den Bau des Turms hat man einst auch mal Kräne gebraucht. Jetzt stehen oben auf dem Rund kleine, silberne Stühle und ein paar Bistro-Tische. Im Sommer sitzen hier Musikstudenten auf eine Pizza, bei Stadtführungen gehört der Blick von hier oft zum Programm. Einmal im Jahr gibt es auch ein Konzert und vor allem Besucher aus Asien kämen sehr gerne hier herauf, erzählt Inge Krutzke, die noch einen Tipp parat hat. Im Dezember, wenn es früh dunkel wird, sei der Blick hinüber zum Alten Schloss mit den Lichtern der Buden auf dem Weihnachtsmarkt einfach wunderbar. Unverstellt von Kränen ist der Blick über edle Bürgerhäuser hinauf zum Fernsehturm. Stuttgart ohne Baunarben sozusagen und wer den Blick statt nach oben steil nach unten fallen lässt, sieht in die unter Dächern gelegenen Büros in der Urbanstraße – und auch in eine noble Dachwohnung, die gerade renoviert wird. Noch eine Runde über die Terrasse, die ein wenig schmuddelig ist. Es gibt zwar einen großen Mülleimer, trotzdem liegen etliche Servietten, Kippen und auch eine traurig geknickte Pizzaschachtel herum. Den Blick auf die Stadt trübt das aber nicht. Und in den kleinen Beeten an der Innenmauer der Brüstung ist gut zu sehen, was für verschiedene Samen so in der Wachstumszeit durch Stuttgarts Luft wirbeln. Vom Löwenzahn bis zur Brennnesselgefällt es ganz offensichtlich vielen Pflanzen in 50 Metern Höhe.

Freier Blick zum Fernsehturm

Nach unten geht es dann mit dem Lift, die Stufen sind ja gezählt. Schlüssel wieder zu ­Inge Krutzke, Ausweis zurück. Das nächste Mal dann am Abend. Ein bisschen Sport auf der Treppe und dann Lichtermeer in der City schauen. Keine ganz schlechte Kombination.

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