Am Morgen des 1. Januars gibt es eine weitere Welle an Notfällen, wenn Kinder nicht abgebranntes Feuerwerk anzünden und sich dabei verletzen. Foto: imago images/Marius Schwarz

Der Stuttgarter Kinderchirurg Raphael Staubach versorgt seit Jahren in der Silvesternacht brandverletzte Kinder und Jugendliche. Was Feuerwerkskörper in Kinderhände anrichten können und warum das Ausmaß an Verletzungen häufig nicht gleich sichtbar ist.

Wenn Raphael Staubach von der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Stuttgart am 31. Dezember seinen Dienst beginnt, weiß er schon, was ihn im Verlauf des Abends erwarten wird: Jugendliche mit Verbrennungen im Gesicht, Hals- und Brustbereich, weil ihnen ein gezündeter Knallfrosch unter die Kleidung gesteckt wurde. „Typisch sind auch Verletzungen an Schienbein und Knöchel, weil sich ein Böller im Stiefelschaft verfangen hat“, sagt er.

 

Oder die tragischen Klassiker: Wenn ein gezündeter Feuerwerkskörper in der Hand explodiert. „Es kommt dann zu tiefen Risswunden und Quetschverletzungen, auch Brüche der Hand- und Fingerknochen sind nicht selten.“ Seit etwa zehn Jahren übernimmt der Kinderchirurg die Silvesterschicht – „weil es mein Spezialgebiet ist, Brandverletzungen zu versorgen“.

Kleinstfeuerwerk sollte nur unter Aufsicht gezündet werden

An keinem anderen Tag im Jahr verletzten sich so viele Menschen die Hände wie an Silvester, warnen bundesweit die Experten der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) zum 31. Dezember. Darunter seien viele Kinder und Jugendliche. Es sei daher wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Regeln beim Umgang mit Wunderkerzen, Knallern und Raketen schon im Vorfeld vermitteln – und dass ein Mindestabstand zwischen Abschussstelle und Zuschauerplatz eingehalten werden sollte. Auch scheinbar harmloses Kleinstfeuerwerk sollte nur unter Aufsicht gezündet werden.

Dass diese Regeln vielerorts nicht genügend beachtet werden, bestätigt das kinderchirurgische Team um Steffan Loff am Klinikum Stuttgart: Rund 30 Kinder sieht er zwischen den Jahren in der Notaufnahme mit Verletzungen, ausgelöst durch Feuerwerkskörper, sagt Staubach. Am Morgen des 1. Januars gibt es eine zweite Welle an Notfällen, wenn Kinder nicht abgebranntes Feuerwerk anzünden und sich dabei verletzen.

Kinderhaut ist für Verbrennungen besonders anfällig

Staubach etwa erzählt von einem 13-Jährigen, der am Silvesterabend 2023 in die Notaufnahme gekommen ist. Er hatte einen Böller in der Hand gehabt, als dieser losgegangen ist. Die Fingerknochen sind größtenteils heil geblieben, die Wunde musste mit einer Operation versorgt werden. Es brauchte eine Hauttransplantation und die Fingerknochen wurden mit Draht fixiert. „Bei einer solchen Verletzung dauert es mehrere Wochen, bis die Hand wieder gut verheilt und voll funktionsfähig ist.“

Zarte Kinderhaut ist für Verbrennungen und Verbrühungen anfälliger als die Haut Erwachsener. Auch ist das Ausmaß einer Verletzung häufig nicht gleich sichtbar. „Verbrennungen ersten Grades sind nur gerötet, ähnlich wie ein Sonnenbrand“, erklärt Staubach. Bei Grad zwei sind die oberen Hautschichten betroffen, und es bilden sich Brandblasen. Eine Operation ist meist bei Verbrennungen dritten Grades nötig. Die sind so tief, dass sie von alleine nicht mehr heilen können.

Ärzte versorgen die Brandwunde bei einem Kind im Operationssaal. Foto: Klinikum Stuttgart/Grosser

Um die Wunde zu verschließen, müssen Staubach und sein Team an einer anderen Stelle des Körpers Haut entnehmen, beispielsweise am Kopf oder der Innenseite der Oberschenkel. Nur die oberste Hautschicht wird dafür abgetragen, zurück bleibt eine Verletzung, die einer Schürfwunde gleicht.

In Stuttgart werden mehr als 200 Kinder mit Brandverletzungen versorgt

Im Olgäle haben die Kinderchirurgen viel Erfahrung mit solchen Patienten: Das Schwerbrandverletzten-Zentrum am Klinikum Stuttgart ist eines der größten Zentren in Deutschland und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin. Jedes Jahr werden rund 200 betroffene Kinder und Jugendliche stationär behandelt, dazu kommen wöchentlich bis zu 40 weitere Patienten, die in der Sprechstunde versorgt werden. „Darunter sind mehrere Kinder, die extreme Verbrennungen aufweisen“, sagt Staubach. Das bedeutet, dass mehr als 40 Prozent ihrer Hautoberfläche davon betroffen sind.

Seit etwa zehn Jahren übernimmt der Kinderchirurg Raphael Staubach die Silvesterschicht in der Notaufnahme Foto: Klinikum Stuttgart, Unternehmenskommunikation/RAUTENBERG

Derzeit kämpfen die Ärzte um das Leben eines Kleinkinds, das sich nach einem Unfall so schwer verbrannt hat, dass nur noch ein Fünftel seiner Haut unverletzt geblieben ist. „Die Haut ist das größte Organ des Menschen“, sagt der Oberarzt Staubach. Kommt es hierbei zu Verbrennungen, haben die Betroffenen gleich mehrere medizinische Probleme: So bilden sich in den Brandwunden Giftstoffe, die den gesamten Körper belasten können, weshalb das Gewebe möglichst schnell entfernt werden muss. Gleichzeitig ist das Immunsystem geschwächt, das Infektionsrisiko steigt. Es kommt zu schweren Wassereinlagerungen in den Geweben. Zudem muss verhindert werden, dass bei großflächigen Verbrennungen der Patient zu stark auskühlt.

Unfälle mit Brandverletzungen haben psychische Folgen

Zwar gibt es inzwischen viele medizinische Möglichkeiten, sodass heute immer mehr Betroffene selbst schwere Brandverletzungen überleben. Doch gerade bei Kindern sei die Therapie extrem herausfordernd, sagt Staubach. Nicht nur wegen den vielen operativen Eingriffe. Viele müssen über Monate, teils Jahre hinweg einen Kompressionsanzug tragen, der das Narbengewebe elastischer werden lässt. Dazu kommen die psychischen Folgen eines solchen Unfalls, für die es oft professionelle Hilfe braucht.

Um den Anteil vor allem auch der Kinder zu senken, die sich aufgrund von Feuerwerkskörpern Brandverletzungen hinzuziehen, fordert die Bundesärztekammer aktuell ein Verbot von privatem Feuerwerk an Silvester – auch wenn dies politisch nicht umsetzbar ist, wie es seitens der Regierung heißt. Eine strengere Regelung würde auch Staubach für sinnvoll halten: „Jedes einzelne Kind, was nicht in der Silvester-Schicht versorgt werden muss, wäre ein guter Start ins neue Jahr.“