Stuttgarter Charakterköpfe Typen mit Ecken und Kanten

Von Uwe Bogen 

Harte, unverblümte Porträts in Schwarz-Weiß: Der Fotograf Wilhelm Betz hebt in seiner Fotoserie den Charakter von Stuttgarter Köpfen hervor – mit Makeln, ohne Weichzeichnung.

Stuttgart - Haben Frauen keinen Charakter? Unter den 36 Porträtierten, die Wilhelm Betz bisher für seine packende Serie „Stuttgarter Charakterköpfe“ ausgewählt hat, ist keine Frau. Aber vielleicht hat das eher was mit Eitelkeit zu tun, weniger mit Stärke und Geradlinigkeit. Denn der Fotograf verwendet kein Schummerlicht, er zeigt, was Charakter ausmacht, also Furchen und Falten. So viel Realität mögen Frauen nicht, sie wollen nicht jede Pore von sich großformatig sehen. Deshalb ist das Projekt des Foto-Studenten Betz ein rein männliches geworden.

Geld, so sagt man, verdirbt den Charakter. Ebenso dürfte stimmen: Charakter verlangt innere Festigkeit. Der Charakter unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und muss doch standhaft sein, egal, für welchen Breitengrad zwischen Empathie und Selbstkontrolle man sich entschieden hat.

Wilhelm Betz bildet quasi die Vielfalt, also Buntheit der Stuttgarter Männerwelt in Schwarz-Weiß ab – als Kontrast zur Bilderflut, die uns bei Facebook überschwemmt. Als Student der Fotoakademie hat er mir eine Mail geschickt: „Es würde mich freuen, wenn ich Sie im Rahmen meines Projekts ,Stuttgarter Charakterköpfe’ fotografieren dürfte.“ Als ich zum vereinbarten Termin in sein Atelier kam, dachte ich , der Professor begrüßt mich. Doch es war der Student Betz, der 61 Jahre alt ist. Nach 40 Jahren bei IBM, davon 25 Jahre im Vertrieb, nutzt er die Alterszeit, um sein Hobby, die Fotografie, zu perfektionieren. Noch einmal heißt es für ihn, büffeln und Prüfungen meistern. Seine Kommillitionen, sagt er, schätzen seine Lebenserfahrung. Das Alter ist kein Thema mehr, wenn man sich über Lichtsetzung austauscht und darüber, wie man die Menschen als Motiv für Porträts locker macht.

Stuttgarter Charakterköpfe sind Typen mit Ecken und Kanten

Mit einem Zitat des US-Fotografen John Batdorff erklärt der Student im zweiten Bildungsfrühling auf seiner Homepage www.wilhelm-betz-fotografie.de, warum die Kamera für ihn so wichtig ist: „Das Leben ist kurz und ich möchte mich an diesen Augenblick erinnern. Für mich ist Fotografie mehr als nur eine Kunstform; sie ist eine Dokumentation unserer Erfahrungen.“

Erfahrungen bilden sich in Gesichtern umso besser ab, je weniger sie weichgezeichnet werden. Wilhelm Betz hat Stuttgarter ausgewählt, die er für Charakterköpfe hält, die typisch für die Stadt sind und die sie vielleicht mitprägen. Sternekoch Vincent Klink ist dabei, der Choreograf Eric Gauthier, die Ballettlegende Egon Madsen, der Kabarettist Mathias Richling, der Renitenztheater-Chef Sebastian Weingarten, der Comedian Michael Schulig, der Autor Wolfgang Schorlau, der Wirt Günter Oberkamm, der Weinhändler Bernd Kreis, der Grünen-Chef Cem Özdemir und viele andere.

Weil Betz selbst mir Charakter unterstellt, habe ich als Kolumnenbild in Print die Schwarz-Weiß-Aufnahme verwendet, die er für seine Serie von mir im Rembrandt-Licht gemacht hat. Benannt ist dieses Licht nach dem Maler, der ein Dreieckslicht auf die Schattenseite eines Porträtierten setzte.

Prinzip: Ordnung, Kontrast, Reduktion. Der Fotograf will die Porträts als „kontrastreiche Bilder“ gestalten und sich „auf das Wesentliche“ konzentrieren. Es geht ihm darum, einen Moment, einen Wesenszug, eine Emotion der Männer festzuhalten.

Stuttgarter Charakterköpfe – das sind Typen mit Ecken und Kanten, auf deren Gesichter sich Leben spiegelt. Aus der Fotoserie soll eine Ausstellung sowie ein Bildband werden, an dem einige der Porträtierten als Co-Autoren mitwirken. Charakterköpfe entsprechen selten dem Schönheitsideal – aber sie sind, was vielleicht viel wichtiger ist,eines immer: unverwechselbar.

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