Rainer Müller setzt sich für ein gerechtes Wirtschaftssystem ein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Milchpreise, die Bauern ruinieren, Billigklamotten, die zu Hungerlöhnen produziert werden: König Kunde hat die Macht, diese Missstände zu ändern, meint Buchautor Rainer Müller.

Stuttgart - „Es war einmal ein König, der hieß Kunde. Er war sehr anspruchsvoll, und der ganze Hofstaat lieferte ihm alles, sogar was er gar nicht verlangt hatte.“ Mit „es war einmal“ fangen Märchen an. Und auch der Stuttgarter Rainer Müller (78) entschied sich bei seinem Debüt als Autor für diese Form, als er seinem Verdruss über Gepflogenheiten unseres Wirtschaftssystems Luft machen und dem kritischen Verbraucherbewusstsein auf die Sprünge helfen wollte. „Nicht oberlehrerhaft mit dem Zeigefinger“, erklärt der Autor, „sondern mit Witz, Satire, lebendigen Szenerien.“

Lesevergnügen und Aha-Erlebnisse sind garantiert. Selbsterkenntnis und betroffenes Nachdenken inklusive. Denn alle Kurzgeschichten spiegeln den Alltag der Verbraucher wider, weil der Autor seine Themen in der aktuellen Berichterstattung gefunden hat. So seien die Geschichten aus den „real existierenden Widersprüchen unserer Unrechtsökonomie“ entstanden,

Eine Tomate mit Alb-Traum

Zum Beispiel jene von Frau M., die darüber verzweifelt, dass sie trotz Einkaufszettels immer mehr nach Hause bringt, als sie eigentlich wollte. „Typisches Symptom von Konsumenti Korruptor“, sagt die Psychologin von der Verbraucherberatung. Als Abhilfe gebe es jetzt die Einkaufsbrille Selektor mit ausfahrbaren Seitenklappen. Verhindert Verführungen im Supermarkt.

Oder die Ansprache einer Mutter, die ihren Lieben klarmacht, dass von allem, Lebensmittel ebenso wie Klamotten, zu viel gekauft und weggeschmissen wird. Mit dem Appell, mal über Bescheidenheit und Nachhaltigkeit nachzudenken. Die junge Frau, die über ein Top für 3,25 Euro jubelt, mag sich die Freude von Berichten über Hungerlöhne für die Näherinnen in Bangladesch zuerst nicht vermiesen lassen – „soll ich jetzt die Welt retten?“ – und zeigt doch Einsicht.

Eine Tomate klärt im (Alb-)Traum darüber auf, dass sie in Italien von Flüchtlingen aus Ghana zu Sklavenlöhnen geerntet und ausgerechnet nach Ghana exportiert wurde. Was dort den heimischen Markt kaputt macht. Müller lässt Kühe auf der Weide von den Missständen in der Landwirtschaft erzählen und einen Astronauten vom Planeten Gaia 2, der von seinen Bewohnern viel pfleglicher als die Erde behandelt wird.

Harte Fakten, jeweils belegt durch einen Faktencheck mit entsprechenden Links, verpackt in Märchen für Erwachsene mit versöhnlichem Schluss. Da verzichtet der Abteilungsleiter eines Supermarktes darauf, im Winter Erdbeeren aus Spanien anzubieten. In einem anderen Discounter wird Eiern aus Legebatterien eine Absage erteilt und das Risiko höherer Preise für ökologische Ware eingegangen. „Ich muss aus Prinzip optimistisch sein, alles andere wäre gegen meine Überzeugung“, bekennt Müller. Denn er setze auf die Einsicht der Menschen, wie er es auch als ehemaliger Farb- und Milieuberater erlebt habe: Die Trostlosigkeit vieler Schulhöfe, die er damals anprangerte, ist fast überall einer kinderfreundlichen Gestaltung gewichen. Müller unterrichtete als Waldorflehrer und war erfolgreich als Unternehmer tätig. Jetzt hat er sich der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie verschrieben, die von dem Österreicher Christian Felber (45) angestoßen wurde und mittlerweile von mehr als 400 Unternehmern und 110 Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und 8000 Unterstützern auf allen Kontinenten vertreten wird. Mit dem Ziel, die ökonomischen Weichen neu zu stellen für Gemeinwohl und Kooperation statt Gewinnstreben und Konkurrenz. Im Stuttgarter Rathaus findet dazu am 20. September eine öffentliche Veranstaltung statt.

Der Tod gibt Ritter Franz recht

Wie ein Spiritus Rector erschien Müller Papst Franziskus, der die globale Wirtschaft mit dem Satz gegeißelt hat: „Diese Wirtschaft tötet.“ Von Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ inspiriert, lässt er ihn als Ritter im Streit mit Tod und Teufel aus dem Bild treten. Der Tod gibt Ritter Franz recht: Ohne das globale Wirtschaftssystem gebe es nicht die 40 000 Flüchtlinge seit 2008 als Folge von Bürgerkriegen und Ausbeutung.

Und wie geht das Märchen vom König Kunde aus? Ihm begegnet ein armes, aber kluges Kind, das ihn aufklärt, wie es in sei-nem Königreich wirklich zugeht: mit Not, Unterdrückung und Ausbeutung. Da be-schließt er, seine Macht zu nutzen und alles zum Guten zu wenden. Denn Märchen ha-ben immer eine lehrreiche Moral.

Rainer Müller: „König Kunde“, 122 Seiten, Zeichnungen von Ralf Bohde, 14 Euro. Zu bestellen über rainer.mueller@gemeinwohl-oekonomie.org
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