Peter H. Haller (li.) und Herbert O. Rau am Merkurbrunnen in der Eberhardstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Man kann behaupten, dass ohne die beiden Unternehmer Peter H. Haller und Herbert O. Rau in der Stadt nichts läuft– zumindest, wenn man die Sache aus Sicht der 250 Brunnen betrachtet.

Stuttgart - Kaum jemand kennt die 250 Brunnen Stuttgarts besser als Peter H. Haller und Herbert O. Rau von der Stiftung Stuttgarter Brünnele.

Herr Haller, Herr Rau, der Winter lässt Gärtner ausspannen. Ist das bei Brunnenliebhabern, jetzt, da die Brunnen versiegt sind, auch so?
Haller: Die Brunnen schnaufen aus. Wir weniger.
Rau: Wir müssen das ganze Jahr über Verhandlungen führen.
Haller: Und wir achten natürlich darauf, dass die Laufzeit der Brunnen nicht weiter verkürzt wird. Die meisten der 250 Brunnen in der Stadt laufen zwischen Mai und September. Von dreien haben wir die Patenschaft übernommen: für den Merkurbrunnen in der Eberhardstraße, den Tierschutzbrunnen in Vaihingen und das Hopfenbrünnele am Vaihinger Markt. Vaihingen hat ja früher von der Bierherstellung gelebt. Das Hopfenbrünnele ist der erste Brunnen, um den wir uns bemüht haben.
Haller: Wir wollten nicht akzeptieren, dass der trocken liegt. Das war 1999, noch bevor wir die Stiftung gegründet haben.
Was heißt Brunnenpatenschaft? Sie zahlen die Wasserrechnung?
Haller: Ja, und die Brunnenpflege, wenigstens anteilig. Das beläuft sich pro Brunnen auf 750 bis 1500 Euro im Jahr.
Rau: Eines ist bedauerlich: Die umliegenden Geschäfte freuen sich zwar über die ­Brunnen, manche werben sogar damit, aber zahlen wollen sie nichts.
Warum haben wir uns am Merkurbrunnen beim Graf-Eberhard-Bau getroffen?
Rau: Der Merkurbrunnen ist das Logo der Stiftung. Der hat uns immer gut gefallen, er liegt zwar etwas versteckt im Eck, aber das ist gerade reizvoll. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, entdeckt so manches Brunnen-Kleinod.
Viele Menschen kümmern sich im Ehrenamt um Kranke, andere engagieren sich im Sportverein. Wie kamen Sie zu den Brunnen?
Haller: Als mir 2001 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, habe ich mich beim damaligen OB Wolfgang Schuster beschwert, dass so viele Brunnen in der Stadt versiegt seien. Er habe viele gute Beamte, sagte Schuster, aber zum Geldeinsammeln seien die nicht geeignet. Das soll ich doch machen. Daraufhin haben wir die Stiftung Stuttgarter Brünnele gegründet.
Was begeistert Sie an Brunnen?
Haller: Wasser ist der Quell des Lebens. Außerdem gehören Brunnen zum Kulturgut einer Stadt. Verlotterte Brunnen sind kein gutes Aushängeschild. Deshalb haben wir ein gutes Dutzend Brunnen restaurieren lassen, die meisten waren denkmalgeschützt, aber auch andere waren uns wichtig.
Rau: Brunnen waren immer Orte, an denen die Menschen zusammenkamen. Dort wurden Nachrichten ausgetauscht. Mir ist ein Brunnen aus Marrakesch in Erinnerungen, an den die Menschen mit ihren Gefäßen kamen. Da wird es einem klar, wie der Mensch am Tropf hängen.
Haller: Anhand von Brunnen kann man auch die Geschichte der Stadt erzählen. Beim Merkurbrunnen und Hans-im-Glück-Brunnen haben die armen Leute gelebt. Vor 1900 hatte die Hälfte der Häuser keinen Wasseranschluss, 80 Prozent hatten keine Toiletten. Das waren unglaubliche Zustände, die sich erst besserten, als der Bankier und Sozialreformer Eduard Pfeiffer die Häuser abreißen und durch neue ersetzen ließ.
Rau: Jeder Brunnen hat seine Geschichte. Nehmen wir nur mal den Nachtwächterbrunnen am Leonhardsplatz in der Altstadt. Die Laterne, die der Nachtwächter trägt, war die erste elektrische Beleuchtung im Straßenraum der Stadt. Manchmal machen sich sportliche Burschen einen Spaß daraus und tauschen die Birne durch ein Rotlicht aus, passend zum Rotlichtviertel.
Viele Brunnen haben ein Kreislaufsystem oder werden direkt mit Leitungswasser gespeist. Das war nicht immer so.
Haller: Stimmt, früher hatte fast jeder ­Brunnen seine eigene Quelle. Aber durch die dichte Bebauung läuft das nicht mehr.
In der Schweiz sprudelt aus Brunnen, an denen kein anderslautendes Schild steht, Trinkwasser. Warum ist das bei uns nicht möglich?
Rau: Aus den meisten Brunnen kommt sauberes Wasser, aber um gewährleisten zu können, dass man es trinken kann, müsste die Stadt ständig Kontrollen machen. Das wäre zu teuer. Die Schweiz ist in der glücklichen Lage, dass die meisten Brunnen mit Gebirgswasser gespeist werden.
Haller: Der Merkurbrunnen hat Trinkwasser, das kommt vom Bodensee. Wir sind uns mit dem Tiefbauamt einig, dass jeder Brunnen, den wir restaurieren lassen, mit einem Druckknopf versehen wird. Dann kommt auf Abruf Trinkwasser heraus.
Kennen Sie eigentlich alle der 250 Brunnen?
Rau: Wir kennen viele, aber nicht alle.
Und das Meisterstück der Stiftung liegt am Eugensplatz.
Haller: Ja, der Galatea-Brunnen ist einer der schönsten Brunnen der Stadt. Das war für uns eine große Nummer.
Rau: Die Brunnenstube mit der Technik war im Eimer, der Sandstein und die Kaskaden waren zerbröselt. Die Leitung für die Rückführung des Wassers zu den Kaskaden war zerstört. Wir mussten sehr viel beisteuern.
Von wem werden Sie unterstützt?
Haller: Von Firmen so gut wie nicht. Das meiste sind Privatleute, auch von Menschen aus Reutlingen oder Tübingen, die in Stuttgart ihre Kindheit verbracht haben.
Rau: Die holen sich durch die Unterstützung ein Stück ihrer Vergangenheit zurück. Wenn eine Rentnerin 20 Euro von ihrer Rente abzwackt, freut uns das ungemein. Das meiste Geld aber kommt von uns. Das ist unsere Art, der Stadt etwas zurückzugeben. Es entsteht ja auch viel Gutes und Schönes in der Stadt. Das vergessen viele Leute, die nur über die Baustelle am Bahnhof jammern.
Haller: Oft werden wir von Brunnenexperten außerhalb der Stadt hinzugezogen. Aber wir bekommen auch viele Mails aus der Stadt, wenn was nicht läuft. Im Lauf der Jahre haben wir bei der Stadtverwaltung an Ansehen gewonnen – und damit auch die Brunnen. Früher standen wir oft vor verschlossenen Türen. Die Parteien achten darauf, dass bei den Etatberatungen den Brunnen nichts ­geschieht. Stiften kommt ursprünglich von anstiften, etwas ins Rollen bringen. Wir bringen Geld zusammen, die Stadt den Rest.
Haben Sie einen Lieblingsbrunnen?
Rau: Den Galatea-Brunnen. Da gehen wir oft mit Gästen hin, die dann ganz begeistert sind von der Schönheit der Stadt.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Rau: Oberhalb vom SWR nahe der Wilhelm-Camerer-Straße ist ein gestaffelter Rosengarten mit Belvedere. Den Springbrunnen im unteren Teil wollen wir bis zum Frühjahr restaurieren lassen. Das wird aufwendig.
Haller: Es ist gut, dass die Stadt die für König Wilhelm I. gebaute Villa Berg zurückgekauft hat und der Park restauriert werden soll. Unser Brunnen macht den Anfang.
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